»Ich war Rebell der Rebellen«

Klaus Hoffmann im Interview

Alle paar Minuten greift er zum Handy, tippt. Doch Klaus Hoffmann hat nicht die Chatsucht gepackt, er notiert nur Redewendungen, die gerade im Gespräch gefallen sind. „Ich lebe von Zeilen“, sagt der Sänger, der als Grandseigneur des deutschen Chansons gilt. Schon sein erstes Album ent­hielt 1975 Interpretationen der Lieder ­Jacques Brels in deutscher Sprache, während sich seine Eigenkompositionen vorrangig um die Hassliebe zu seiner ­Heimatstadt Berlin drehen. Dort studierte Hoffmann, der am 26. März seinen 64. Geburtstag feiert, Schauspiel, hatte Engagements an der Volksbühne und später am Hamburger Thalia Theater. 1976 spielte er die Hauptrolle in der Verfilmung von Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“, mit der er über Nacht einem breiteren Publikum bekannt wurde. Trotzdem konzentrierte sich Hoffmann fortan auf seine Karriere als Sänger, nahm über 30 Platten auf. Als Autor hat Klaus Hoffmann drei Romane und im Jahr 2012 die Autobiografie „Als wenn es gar nichts wär“ veröffentlicht.

Ihr neues Bühnenprogramm heißt wie Ihre aktuelle CD „Sehnsucht“. Wonach sehnen Sie sich, Herr Hoffmann? Zuerst dachte ich, du kannst doch nicht mit so einem abgewetzten Titel rauskommen. Doch er ließ mich nicht los. Sie sehen, ich versuche, Ihrer Frage auszuweichen. Wenn ich mich aber positionieren muss, ist es die Sehnsucht nach Hause, nach diesen einfachen Dingen, die irgendwo in der Kindheit beginnen und etwas in dir aus­lösen. Das ist eine Sehnsucht, die sich wahrscheinlich nie stillt.

Das ist wohl das Wesen der Sehnsucht. Der immerforte Weg.

Die Sehnsucht nach dem Angekommensein? Ja. Denn auf der Bühne zum Beispiel verliere ich mich, da fliegt man herum und hält sich für ganz großartig – da braucht man dann wieder die Erdung. Aber es ist auch dieses nie ­erreichte Kinderland. So ein Harmoniestreben nach Friede, Freude, Eierkuchen. Zu Hause sein, ist das nur etwas Kindliches? Ein Kinderschlitten wie bei „Citizen Kane“? Sehnsucht ist ja auch so ein Motor, der einen antreibt. Wahrscheinlich wäre ich sehr enttäuscht, wenn ich das Sehnsuchtsobjekt wirklich mal fände.

Beim Ankommen geht es also nicht um einen konkreten Ort wie Berlin? Ich habe sehr lange gebraucht und auch viel daran gearbeitet, damit ich endlich nach Hause komme – und das ist nun mal mein Berlin. Wahrscheinlich liegt in dem ganz konkreten Ort meine Heimat, meine innere Heimat – und auch meine ganzen Fluchten, meine Sehnsucht, noch etwas anderes zu finden. Berlin war in den Sechzigerjahren manchmal unerträglich. Das Leben in dieser von einer Mauer umfriedeten Stadt nannte ich das gemütliche Elend. Das war natürlich sehr kokett, schließlich war das ja auch mein eigenes gemütliches Elend. Ich bin dann aus meiner kleinen, spießigen Umwelt abgehauen nach Afghanistan, über alle Mauern hi­naus. Aber Berlin ist der Ort meiner Sehnsucht.

Klaus Hoffmann

Was ist Ihnen diese Stadt jetzt noch? Erst einmal Charlottenburg. Ich habe nicht nur mein Büro hier, da komme ich ja auch her. Alles ist hier um die Ecke, meine ganzen Freunde aus Kunst und Kultur, das ist schon altes Berlin. Wir haben rings um den Savignyplatz unglaublich gestunken und politisiert. Ost und West waren getrennt, ich war so eine Wessi-Tante. Mit 16 habe ich tagsüber in der Marburger Straße bei Klöckner Eisenhandel BSTG-Matten verkauft und nachts stand ich dann mit meiner Gitarre und Trevirahosen leptosom in den Charlottenburger Clubs herum und sang Lieder. Dann bin ich abgehauen aus diesem politisierten Berlin. Ich war ja schon immer der Rebell der Rebellen. Ich hatte meine französischen Aufklärer im Kopf und die Romantik. Jaja, ich war Rimbaud, und die anderen waren alle doof. Als ich dann aus Afghanistan wiederkam, wurde ich Briefträger und blieb weiter in Charlottenburg hängen.

Was hat sich dort in den letzten Jahren verändert? Dass die aus Mitte jetzt wieder nach Charlottenburg ziehen! (lacht) Als wir wiedervereint wurden, waren alle erst einmal sehr misstrauisch, weil man nicht genau wusste, wer sich jetzt eigentlich genau mit wem verbindet. Dabei waren wir vor dem Mauerbau fast jedes Wochenende in Kaulsdorf bei Verwandten, da wurde gegessen und getrunken und gesungen. Und später war ich dann der Erste, der in Friedrichshain so ein Riesenkonzert gab. Also, der Osten war mir schon sehr nah. Klar, dass ich nach dem Mauerbau eine Abscheu vor dem System hatte und unglaublich zornig war. Dann machte ich „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Uli Plenzdorf. Ich war zwar kein Hippie, aber den jungen W., den habe ich verstanden. Dass eine Hose Ausdruck für Rebellion ist. Egal, auf welcher Seite du gerade aufgewachsen bist.

Ist Ihr Festhalten an Charlottenburg auch so eine Art Rückzug in die Komfortzone? Mit Komfortzone habe ich überhaupt kein Problem. Ich dachte immer, das ist ja wie Paris hier. Ich wollte immer in Paris leben oder wenigstens am Ku’damm. Aber da kam ich nicht ran. Also lebte ich in der Fritschestraße im Abrissgebiet und in der Gierkezeile. Jetzt habe ich mein Büro am Ku’damm und genieße das sehr. Aber die Komfortzone verlässt man nicht räumlich. Als ich anfing, meine Musik zu machen, gab es in Deutschland dafür keine Vorbilder. Es gab die politischen Liedermacher, und dann gab’s die Knef und Harald Juhnke, und dann war Ende. Ich kam von der Schauspielerei und von den Franzosen, von Brel, und musste meinen Weg selbst finden. Erst sehr spät habe ich verstanden, dass das okay ist, was ich mache. Deswegen mache ich auch weiter. Aber Komfort ist das nicht.

Ganz zu Beginn Ihres Programms singen Sie das Stück „Sie sind wieder da“ mit der Anfangszeile „Komm, steh auf“. Wofür lohnt es sich, heute aufzustehen? Bei dem Stück ist es ganz trivial: Der Typ soll einfach nicht einpennen. Aber natürlich ist es auch politisch symbolisch. Wofür es sich lohnt? Also, wenn man es nicht abgegriffen findet: dem Menschen zugetan zu sein. Und wogegen? Natürlich gegen alles, was aus der alten Zeit rübergerettet wurde an Gedankengut: Ausgrenzung von Fremden, Rassismus. Dafür stehen meine Lieder. Ich habe meinen Weg immer als Aufgabe empfunden, zu mir selbst zu finden. Inzwischen habe ich durch den Tod meiner Mutter und anderer Freunde gemerkt, dass auch ich sterblich bin. Da fragt man sich, wofür es gilt, aufzustehen. Na, für eine friedliche Welt. Ein Miteinander, das ja auch immer mehr Thema in Deutschland wird. Lernen, mit den Widersprüchen umzugehen, sie auf den Tisch legen. Was ist denn das Trennende? Halte ich das überhaupt aus? Ich glaube, meine Auftritte sind ein einziges Aufstehen.

Sie singen auch wieder Ihre Aznavour- und Brel-Übertragungen. Wie kam es eigentlich, dass gerade diese französischen Chansonniers zu Schlüsselfiguren Ihrer Karriere als Sänger werden sollten? Französisch fand ich attraktiv, weil ich es nicht verstand. Wie im alten Brecht-Satz: Ich konnte dich lieben, weil ich dich nicht kannte. Brel hat mich emotional angesprochen, überhaupt die ganzen Franzosen. Und immer wieder Aznavour, den ich damals viel parfümierter fand, theatralischer, pathetischer, der mir aber näher­kam, weil ich selbst so ein Typ bin. Die Bühne betrete ich im Grunde in der Rolle des Sängers. Der rausgeht in einem Anzug, sehr un­moderne, oder sagen wir: zeit­lose Musik macht, und per Text mit großen Gesten um sich wirft.

In einem alten Interview sagen Sie, Sie seien mit Ihren Liedern, Ihren Texten noch viel zu feige. Sind Sie mit ihnen jetzt dort, wo Sie sein wollen? Feige? Ist ja ein hartes Wort, das gehört in die Bundeswehr. Feige würde ich heute nicht mehr sagen. Aber es treibt mich immer noch an. Da kann noch was kommen.

Interview: Victoriah Szirmai­

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