Ausstellung

Kleine Helden: private Kinderfotos zeigen die Alltagskultur Brandenburgs

Der Apotheker Wittrin sitzt mit seiner Frau und seinen acht Kindern regungslos in Prenzlau vor einer neuartigen Maschine. Sie soll die Familie für die Ewigkeit festhalten. Es dauert seine Zeit, bis der Apparat das Bild im Kasten hat. Wir schreiben das Jahr 1848 und das Porträt ist die älteste von insgesamt 300 Aufnahmen, die in der Ausstellung „Kindheitsbilder. Alltagsfotografie in Brandenburg seit 1848“ zu sehen ist.

Die Sonderausstellung in Potsdam zeigt Kindheitsmotive aus Brandenburg – ein kollektives Familienalbum über mehrere Generationen. Die Bilder sind im Kutschstall zu sehen, auf Leinwand vergrößert. Die Idee, private Aufnahmen in einer Ausstellung zu zeigen, klingt erst einmal profan. Doch die Auswahl überrascht mit Einblicken und Erkenntnissen über die Alltagskultur des Landes. An der Kleidung, am Spielzeug, am Lächeln der Kinder lässt sich vieles herauslesen – ob das Leben unbeschwert war, ob Krieg herrschte, ob Armut kaschiert werdem sollte.

Über 10.000 Einsendungen stapelten sich auf dem Schreibtisch von Peter Walther, dem Kurator der Ausstellung, nachdem sein Literaturbüro einen Aufruf in den Medien startete. Darunter waren Schnappschüsse, professionelle Porträtaufnahmen und journalistische Auftragsrbeiten. Die Fotos zeigen oft alltägliche Szenen, ein Picknick im Wald, ein Besuch im Freibad, die Ernte auf dem Feld. Und dennoch sind sie etwas Besonderes, da gerade private Bilder selten für wissenschaftliche Zwecke gesammelt und ausgewertet werden.

300 besonders aussagekräftige kamen am Ende auf die Leinwand. „Wir wollten ein einheitliches Format schaffen“, sagt der Ausstellungsleiter. Das Bild des Prenzlauer Apothekers wurde noch mit dem Daguerreotypie-Verfahren aufgenommen, 1839 von Louis Daguerre in Frankreich erfunden. „Das Foto würde auch heutigen Ansprüchen genügen. Die Auflösung reicht für ein Plakat“, sagt Peter Walther. Das Licht wurde von einer Metallplatte festgehalten, jedes Bild war damals ein Unikat. Auch später zollte die Technik ihren Tribut. Fotos bis Anfang der 1920er-Jahre sind statisch und wegen der Lichtverhältnisse am Tage aufgenommen.

Zudem konnten sich nur wohlhabende Personen ein Porträt leisten. Die Aufnahme von 1925 aus Brandenburg (Stadt), in der ein Junge in einem dunklen, schimmeligen Zimmer steht, ist eine absolute Rarität. Wer die Ausstellung aufmerksam durchschreitet, sich für die Bilder Zeit nimmt, wird viel Spannendes im Alltäglichen entdecken. Einziger Wermutstropfen – nur selten erfährt der Besucher die womöglich spannenden Hintergründe der gezeigten Fotos. Er muss sich die Geschichten selbst ausmalen.

Haus der Preußisch-Brandenburgischen Geschichte
Am Neuen Markt 9, Potsdam, Di-Do 10-17 Uhr, Fr-So 10-18 Uhr
bis zum 12.1.2014, Eintritt 4/erm. 2 Euro
www.hppg.de