Kollektive gegen rechts

Das Peng!-Kollektiv: Tortaler Krieg gegen Hetze

Gefälschte Pässe, fingierte Websites, inszenierte Pressetermine – das Peng!-Kollektiv setzt auf ausgefallene Aktionen. Manchmal werfen die Aktivisten auch Torten

Ihre simpelste Aktion war zugleich ihre bekannteste: Am 28. Februar 2016 betreten zwei Männer im Clownskostüm eine nicht-öffentliche Tagung der AfD in einem Kasseler Hotel und schleudern der damaligen Berliner Landesvorsitzenden Beatrix von Storch eine Torte ins Gesicht – als Reaktion auf deren Äußerungen zum möglichen Schußwaffengebrauch an deutschen Grenzen. „Tortaler Krieg“, nennen sie die Aktion.

Das Peng!-Kollektiv, die Gruppe dahinter, ist für Provokationen bekannt, auch für ausgefeiltere. Da werden mit gefälschten Fotos Reisepässe beantragt und nach Libyen geschickt. Da wird eine Website erstellt, die aussieht, als ob sie für den Dienst bei der Bundeswehr wirbt, tatsächlich aber vor den Gefahren des Krieges warnt. Da wird eine interaktive Karte programmiert, auf der User Streifenpolizisten melden können.

„Die meisten NGOs sind zu behäbig“, sagt einer der Aktivisten, der sich mal Jean Peters, mal Conny Runner nennt. Dabei brauche es angesichts der derzeitigen Krisen den Mut, radikalere Utopien zu formulieren.

Die Gegner des Kollektivs sind vielfältig: Unternehmen wie Vattenfall, Shell und Google; Institutionen wie Polizei, Bundeswehr und Geheimdienste; die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Es gehe darum, Hegemonien zu bekämpfen, sagt ­Peters. Strukturen, in denen sich Macht sammelt. „Und Macht hat viele Formen: vom Patriarchat bis zum Waffenhandel.“

Mimikry für mehr Menschlichkeit: Peng!-Plakate wirken, als würden höchste Stellen für das Gute werben
Foto: Christian Mang / imago

Die bevorzugte Methode des Kollektivs ist dabei das „Social Hacking“, wie Peters es nennt: Zunächst wird der Habitus des Gegners studiert; Websites werden gesichtet, Interviews gelesen, Kleidungs- und Sprachstil angeschaut. Im Anschluss wird all das kopiert – unter anderem, um sich Zutritt zu verschaffen.

Das kann schnell gehen, etwa, wenn die Aktivisten mit Anzug und Rollkoffer in der Berliner Vattenfall-Filiale aufkreuzen und eine Pressekonferenz zum Kohle-Ausstieg des Unternehmens inszenieren. Das kann lange dauern, wenn sie erst Vertrauen aufbauen müssen; etwa, um in den inneren Zirkel von Waffenproduzenten zu gelangen.

Bei der AfD-Aktion galt es vor allem, sich Zutritt zu dem Tagungshotel zu verschaffen. Die Aktion hatte ein Nachspiel. Peters, der Tortenwerfer, wurde nach eigenen Aussagen von den Anwesenden geschlagen. Später erhielt er Morddrohungen. Er nennt die Aktion ein „Dialogangebot“, einen „Versuch, mit Nichtdemokraten ins konstruktive Gespräch zu kommen“.

Die AfD sah das naturgemäß anders. „Wer keine Argumente hat“, sagte von Storch nach der Aktion, „der reißt Plakate ab, verbrennt Autos oder stört Versammlungen mit Torten.“ Bestätigt man die Partei mit Aktionen wie dieser nicht in ihrem vermeintlichen Opferstatus, in dem sie es sich bequem gemacht hat?

Die Kritik sei berechtigt, sagt Peters. Und dass es ein „klassisches antidemokratisches Moment“ sei, „Kritik in Opferbilder zu wenden um Schutzaffekte zu wecken.“ Dann kommt er auf die positiven Seiten zu sprechen: Auf das mediale Echo. Auf den Umstand, dass nach der Aktion Tortenwurfge­schosse auf einer Anti-AfD-Demo aufgetaucht seien. Die „Tortung“ als politischer Protest – zwar keine Erfindung des Kollektivs – erlebte nach der Aktion ein Revival.

Auswirkungen hatten aber auch andere Kampagnen des Kollektivs: Im Sommer ging eine Website der Aktivisten online, auf der sie erklärten, das Innenministerium beabsichtige, alle in Seenot geratenen Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen. Das war natürlich gelogen, die Folgen daraus aber waren real: 150.000 Menschen gingen für sichere Fluchtwege auf die Straße. Die Bewegung „See­brücke“ – als Joke begonnen – wird heute von über 70 Organisationen unterstützt.

Peng! wurde vor fünf Jahren gegründet. Peters ist Politikwissenschaftler, es gehören auch Künstler, Philosophen und Webdesigner zum Team. ­Peters beschreibt die Gruppe als dezentral und konsensbasiert. Heldenhaftigkeit, wie sie von anderen NGOs und Aktivisten inszeniert werde, wolle man auf jeden Fall vermeiden. „Wir nehmen uns nicht so ernst“, sagt er. „Letztlich sind wir doch selber Dilettanten, die ihr Bestes geben.“ Das allerdings mit Erfolg: Im September erhielt das Kollektiv den ­Aachener Friedenspreis.