Kollektive gegen Rechts

Das Zentrum für Politische Schönheit – Störfeuer mit lauten Schlagzeilen

Das Zentrum für Politische Schönheit betrachtet seine Aufsehen erregenden antifaschistischen Aktionen als Kunst. Und sieht sich in der Tradition bekannter Widerständler

Das Zentrum für politische Schönheit will die Jünger der Konsumgesellschaft aus der Kuschelecke herausreißen. Aus einem wattierten Leben zwischen Instagram-Account, Karaoke-Abend und dem nächsten Bali-Urlaub.

Um die schlafende Mehrheit zu wecken, erzeugt das ZPS „moralische Hochdruckkammern“. So wie einst „Greenpeace“ aufrüttelte, mit Bildern von gekaperten Öltankern, eröffnet auch das Kollektiv um Philipp Ruch regelmäßig Störfeuer. Es ist dabei jedoch weitaus selbstbewusster: Das ZPS erweitert seinen Lobbyismus um einen künstlerischen Anspruch. Mit Joseph Beuys als Urahn, der von seinen Kollegen mehr als nur Landschaftsgemälde mit Seerosen erwartete, nämlich: politischen Einfluss.

Die ZPS-Aktionen sind fast schon Klassiker der antifaschistischen Ikonografie. Viele erinnern sich an die Fahndungsplakate, die zur Suche nach den Besitzern des Rüstungskonzerns Krauss-Maffei Wegmann aufriefen; an die Kreuze der Mauertoten aus der DDR, die aus dem Berliner Regierungsviertel in die Wälder des nördlichen Marokko verschleppt wurden, um dort ertrunkene Geflüchtete zu ehren; an die Holocaust-Stelen, die auf dem Nachbargrundstück des AfD-Nazis Björn Höcke aufgestellt worden sind.

Wer mit der Chefstrategin spricht, einer Rapperin und Filmemacherin namens Cesy Leonard, gewinnt auch überraschende Einblicke in die Poetologie der Denkfabrik. „Wir lassen uns manchmal auch von Merkmalen des Boulevardjournalismus inspirieren – zum Beispiel, was laute Schlagzeilen angeht und die Arbeit mit einfachen Symbolen“, verrät sie. Von bürgerlichen Zeitgenossen müssen die Aktivisten wegen ihrer schrillen Herangehens­weise manchmal Kritik einstecken.

Zentrum für politische Schönheit
Mit diesen Plakaten fahnden ZPS-Aktivisten nach Nazis, die bei den Hetzjagden von Chemnitz mit mischten
Foto: Harry Haertel / HaertelPRESS / imago

Wie zuletzt, als das ZPS einen Online-Pranger errichtete, auf der Website einer fiktiven Ermittlungseinheit namens „soko-chemnitz.de“. Auf der Seite sollten sensibilisierte Sachsen die Teilnehmer der rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz melden. Mobs hatten dort Anfang September Migranten gejagt. Ein Denunziationsportal, schimpften Feuilletonisten, so schlimm wie Provokationen von Rechtspopulisten, etwa das Ich-verpetze-meinen-Lehrer-Projekt der AfD.

Ein paar Tage später verkündete das Zentrum für politische Schönheit, dass der Pranger eine ­Falle war. Er sollte Nazis, Hools und rechte Kameraden verleiten, selbst ihre Identität zu preiszugeben. Der Trick: dass sie ihre Namen in eine Suchmaske tippen, um ängstlich nachzuforschen, ob sie schon in der vom ZPS aufgemachten Täter-Kartei eingetragen sind.

Dass die Jäger des ZPS dabei riskieren, gegen Gesetze zu verstoßen, etwa Persönlichkeitsrechte, wird als ziviler Ungehorsam betrachtet. Cesy Leonard erklärt: „Wir brauchen diese Drastik – etwa die Denunziation einer Untat.“ Eine Chuzpe, die kalkuliert ist.

Die Aktivisten sehen sich in einer Riege mit antifaschistischen Widerstandskämpfern des 20. Jahrhunderts – den Geschwistern Scholl zum Beispiel. Oder den jüdischen Killlerkommandos, die in den Nachkriegswirren abgetauchte Nazis exe­kutierten, in Quentin Tarantinos Rachefilm „Inglourious Basterds“ berühmt geworden. Oder auch Beate Klarsfeld, die Feministin und Nazi-Jägerin, die Hans-­Georg Kiesinger, den damaligen Bundeskanzler mit brauner Vergangenheit, im Jahr 1968 ohrfeigte. Und später den SS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie im bolivianischen Hinterland aufspürte.

Die Selbststilisierung von Philipp Ruch und seinen Partisanen ist womöglich mehr als nur Pose. Sie sendet eine Botschaft: Antifaschismus ist ein heroischer Akt. Das könnte auch die Stubenhocker der Konsumgesellschaft, die Hipster, Schöngeister und Narzissten, vom Sofa reißen.