Kollektive gegen rechts

Mit Kunst und Köpfchen gegen Rechts

Zentrum für Politische Schönheit, Modus, Peng! und andere Kollektive – wie einen Berliner Kreativguerilla dem erlahmten Kampf gegen Rechts auf die Sprünge hilft

Das Jahr 2018 endet mit einem Winter des Missvergnügens: In den Parlamenten pöbelt und wahnwitzelt die AfD; in Sachsen könnte sie kommendes Jahr sogar die Landtagswahlen gewinnen.

Abseits politischer Gremien, in Hobbykellern und Kasernen, knüpfen rechte Männerbünde geheime Netzwerke, um sich für den Tag X zu wappnen, ein Armageddon, das die demokratische Ordnung zerbersten lassen soll – so hat es die „taz“ in ihrer Aufsehen erregenden Hannibal-Recherche herausgefunden. Untergangsstimmung überall.

Das Peng!-Kollektiv: Tortaler Krieg gegen Hetze

Im Hintergrund vertiefen Regierungen die Abschottung entlang der EU-Außengrenzen. Auch das ist 2018: Staatsleute, die vor der Angst und dem Hass buckeln. Die letzten Lücken in der Festung Europa werden geschlossen.

So weit, so trist. Was es aber auch gibt: etwas Sommer in der autoritären Kälte. 240.000 Menschen in Berlin etwa, die am 13. Oktober „unteilbar“ waren. Auch darüber hinaus erheben Menschen ihre Stimme gegen den Rechtsruck, Antifa-Leute, Ehrenamtler, Grünen-Wähler. Was sie verbindet, ist die Entschlossenheit, verlorenes Terrain zurückzuerobern.

Das „Gespenst des Populismus“, erschaffen vom Kollektiv Modus – ein Wesen, das rechte Umtriebe verkörpert
Foto: Modus

Was ihnen bislang fehlte, war der lange Atem. Weil niemand in der Coaching-Zone steht, der die Aufmerksamkeit aufrecht hält, brüllt und antreibt. Sauerstoff in die Atemwege pumpt, ein paar Adrenalin-Kicks verabreicht.

Eine Unterzuckerung, die jetzt eine neue Bewegung von antifaschistischen Kollektiven behebt, allesamt in Berlin zu Hause. Mit energiegeladenen Kampagnen, ob auf Facebook, Twitter & Co. oder außerhalb des Netzes, auf Straßen und Plätzen. In Thinktanks, Künstlergruppen und Satireprojekten sind die Aktivisten organisiert.

Sie platzieren ihre Kommuniqués in den öffentlichen Raum mit den Mitteln des Guerilla-Marketings: geistesgegenwärtig, plötzlich, überraschend. Mithilfe von Plakaten, Memes und listigen Fake News. Die darin enthaltenen Botschaften ragen aus dem täglichen Informationsstrom heraus wie neongrelle Bojen in stürmischem Gewässer. Und rufen ins Gedächtnis, dass sich niemand an Björn Höcke gewöhnen muss wie an die Dauerberieselung durch eine deprimierende Vorabend-Serie.

„Schornalist“ und „Kanage“: Die Banalität des Bösen entlarven

Die stärksten Reize setzt das Zentrum für politische Schönheit. Vor kurzem haben Philipp Ruch und seine Mitstreiter einen Online-Pranger errichtet; auf einer Website sollten Neonazis und rechte Hools gemeldet werden, die an den Ausschreitungen von Chemnitz im September teilgenommen hatten. Der Subtext: Man könnte sich auf sächsische Justizbehörden nicht mehr verlassen. Der Aufruf zur Selbstjustiz machte nachdenklich. Stimmt es nicht, dass die Polizei, die eigentlich den Rechtsstaat verteidigen sollte, viel zu häufig im Kampf gegen Braunhemden versagt?

Das Zentrum für Politische Schönheit: Störfeuer mit lauten Schlagzeilen

Weitere Gruppen, die für Hallo-Wach-Effekte sorgen: die Aktivisten der Stay Behind Foundation, ein Zusammenschluss der Hooligans gegen Satzbau, die Sprachpflege betreiben, und des Kollektivs Modus. Sie haben auf Werbeflächen in Berlin spektakuläre Plakate geklebt. Für die Optik eigneten sie sich den Coca-Cola-Schriftzug an. Auf den Bildern ein politisches Bekenntnis: „Für eine besinnliche Zeit: Sag’ nein zur AfD!“ Ein Statement, das viral ging – und prompt Zustimmung im überrumpelten Konzern fand. „Nicht jeder Fake muss falsch sein“, twitterte der PR-Chef von Coca-Cola Deutschland. Die ermutigende Erkenntnis: Auch in Unternehmens­etagen sitzen potenzielle Antifaschisten.

Modus – Schaum schlagen mit Fake-Werbung

Dann ist da zum Beispiel noch das Peng!-Kollektiv, das schon im Juni eine Fake-Kampagne entwickelt hat. Sie verbreitete, dass das Bundesinnenministerium eine Seebrücke über das Mittelmeer bauen würde. Klingt nach einer irren Utopie – aber hey, lass uns doch mal drüber reden!

Was all diese Aktionen eint: Sie elektrisieren, und sie beleben die Debatte, wie der Kampf gegen rechts bestritten werden könnte. In der Geschichte von Protestbewegungen gibt es dafür ein vertrautes Wort: Es geht um Mobilisierung.

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