Kollektive gegen rechts

Rocco und seine Brüder – Im Untergrund mit Schmidt

Rocco und seine Brüder haben als Graffitiwriter begonnen. Abenteuerlich sind die ­Aktionen gegen politische Missstände des Künstlerkollektivs immer noch

Neonorange Warnkleidung trägt der Mann, der Ende August an dem verwaisten Kran am Hermannplatz hochklettert. Hinter sich her zieht er, was auf den ersten Blick aussieht wie eine Leiche. Tatsächlich handelt es sich um eine Puppe mit dunkler Hautfarbe und Schwimmweste. Vom Führerhäuschen aus bewegt sich der Mann Richtung Kranspitze, -zig Meter über dem Boden. Er trägt keinen Sicherheitsgurt. Dann lässt er die Puppe fallen, eine Schlinge zieht sich um ihren Hals. Mit Kabelbindern befestigt er ein Poster am Kran. Auf dem Poster steht „Humanit_“. Der letzte Buchstabe des englischen Worts für „Menschlichkeit“, das Y, fehlt.

„Y“ heißt das Video auf der Plattform Vimeo, das die Aufnahme von der Helmkamera des Krankletterers aus zeigt. Das Berliner Künstlerkollektiv Rocco und seine Brüder bekannte sich darin zu der Aktion. Sie kritisieren die europäische Grenzpolitik, durch die Geflüchtete auf Booten im Meer ertrinken. Die lose Gruppe macht seit 2016 mit politischen Kunstinstallationen auf sich aufmerksam. Ihr Protest ist subversiv, öffentlichkeitswirksam – und oft nicht ganz legal. Die Stadt ist ihre Spielwiese, gleichzeitig der Raum für Kritik an rechten Strömungen und politischen Missständen.

Bekannt wurde die Gruppe 2016, als sie in einem U-Bahntunnel ein Schlafzimmer aufbaute. Mit geblümtem Bettbezug, karierter Tapete, Stehlampe. Ein vermeintlicher BVG-Mitarbeiter, er nannte sich Norbert Schmidt, fotografierte das Zimmer und verbreitete die Nachricht an alle Zeitungen. Für einige Tage stand eine Anzeige für das Zimmer sogar auf der Website von AirBnB. Schließlich bekannten sich Rocco und seine Brüder zu dem Werk. Sie kritisierten damit die hohen Mietpreise in Berlin.

Der Name Norbert Schmidt fällt regelmäßig, wenn es um Rocco und seine Brüder geht. Die Gruppe soll aus bis zu 20 Mitgliedern bestehen, Männern und Frauen. „Schmidt“ soll der Kopf der Gruppe sein. Ob es immer die gleiche Person ist, ist unklar.

In Untergrund und U-Bahnnetz kennen sich Rocco und seine Brüder aus: Seit 2000 sind sie in der Graffitiszene aktiv. Irgendwann stellte die Gruppe aber fest, dass Graffiti allein die Passanten im Alltag wenig berühren. „Wir wollten den Menschen etwas zum Spielen und Nachdenken geben”, sagte ein Sprecher zu Arte. So entstanden die Kunstaktionen. Die sind, so wie die Graffiti, häufig illegal und gelten für einige Menschen als Sachbeschädigung. Die Guerilla-Künstler kümmert das wenig. Sie wollen außerhalb festgelegter Grenzen kreativ sein und mit ihren Projekten Menschen erreichen. Die U-Bahn eignet sich besonders gut als Bühne: Hier treffen diverse gesellschaftliche Schichten auf engstem Raum aufeinander.

Die Gruppe beschränkt sich aber nicht nur auf den Untergrund. Sie agiert überall in der Stadt und auch außerhalb Berlins. Im Dezember 2017 verlegte sie vor der Berliner AfD-Zentrale gefälschte Stolpersteine, die an die Verbrechen der Wehrmacht erinnern sollten. Wenig später bauten sie in Oberndorf, wo die Zentrale des Rüstungsunternehmens Heckler & Koch liegt, auf dem Weihnachtsmarkt einen Schießbudenstand auf. Da konnte man mit Plastik-Handgranaten auf Papphausruinen werfen. Mittlerweile haben Rocco und seine Brüder ihre Kunstwerke in Galerien in London und Berlin ausgestellt. Ihre Gesichter kennt aber kaum jemand.

Die Aktionskunst lebt vom Prozess: Dorthin zu klettern, wo es nicht erlaubt ist. Den widerständigen Akt zu filmen und ihn ins Internet zu stellen. Den Zweck von Orten zu verfremden und sie mit künstlerischer und politischer Bedeutung aufzuladen. Und so Passanten dazu zu bringen, nachzudenken. 

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