Brandenburg

Kolumne: Auf einen Pott Filterkaffee mit Kevin Jane

Urlaubsfalle Brandenburg: Tausende Berliner sind nach einem Wochenendausflug nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Und auch ich bin vor Jahren als Touristin hängengeblieben und erlebe mein Dasein hier gefühlt irgendwo zwischen Texas (gesetzlos), Tropfsteinhöhle (abtauend im Winter) und DDR-Museum (Trabis in Vorgärten). 

Foto: Jackie A.

Hier sollen, zumindest wenn es nach den Jagdverwaltung Stahnsdorf geht, demnächst Wildschweine mit Pfeil und Bogen erlegt werden. Dies wurde auf der letzten Wildschweinkonferenz in Kleinmachnow nochmal ausdrücklich bestätigt. Weiter nördlich nehmen ortsansässige Militärfans im privaten Panzerfahrzeug die Abkürzung durch den Wald nach Hause, und wer einen Line-Dance beherrscht, erntet beim Heidefest Respekt, wie der Sirtaki- Spezialist auf einer griechischen Betriebsfeier. 

Als  „Brandenburg Lifestyle-Expertin“ stehe ich vor einer kniffeligen Aufgabe. Denn das Alleinstellungsmerkmal für meine Heimat ist die großflächige Abwesenheit von Style. Einer der Gründe, warum mein Mann und ich vor Jahren rübermachten, nach der Devise: Statt nah an Starbucks lieber nah am Pferd. Gesellschaftliche Höhepunkte: Ortsbeiratssitzung und Beerdigungen. Machen Sie da mal was mit „Style“ draus! 

Dabei kann man sich Brandenburg am Besten als einen Quilt aus ganz unterschiedlichen Mustern vorstellen. Das ist genauso „Kevin Jane“ in riesigen Lettern auf der Heckscheibe des Golfs auf dem Supermarkt-Parkplatz, der Pott Filterkaffe im ehemaligen „FDGB“- Ferienobjekt am See wie auch die in Gold gewirkte Dekadenz der Landeshauptstadt Potsdam mit poshen Restaurants, den Jauchs und Joops, Privatstraßen und fast schon düsseldorfhaft anmutender Attitüde. Das sind einsame Alleen gesäumt von Sonnenblumenfeldern in Richtung Uckermarck, die Melancholie vergessener Straßendörfer und Häuser mit grauen Spritzputzfassaden, aufstrebende Kultur-Festivals, ehemalige Stasi-Hochburgen und über 6.000, teilweise menschenleere, Seen.

Gerade schreibe ich aus dem Mühlenbecker Land zu Ihnen und der Slogan unserer launigen Region lautet: „Das Glück liegt so nah.“ Das muss es allerdings auch, weil der lapidare Rest, wie Einkaufsmöglichkeiten, Apotheke, Post oder Anschlussbahn, in deutlicher  Ferne liegen. Daher ist für mich das Überzeugende an Brandenburg immer noch die Nadelbaumdichte. Dieses Verhältnis von „wenig Mensch auf viel Natur“ wirkt – friedvoller wird’s nimmer!

Es sei denn, Sie machen sich unbeliebt. Das haben hier zuletzt ein paar Berliner ganz gut hinbekommen. Vermutlich haben Sie auch schon von den außergewöhnlichen Shoppingmöglichkeiten vor Ort gehört, verfallene Schlösser zum Beispiel oder auch mal ein Strandbad. Das Bad am Rahmer See stand erst letztes Jahr zum Verkauf. Dazu schrieb ich einen Beitrag im regionalen „Mühlenspiegel“ mit dem Vorschlag, es per Crowdfunding gemeinschaftlich zu erwerben, um es so der Öffentlichkeit zu erhalten. Es gab ordentlich Wirbel und sehr viele Rückmeldungen, bald auch die Einsicht, dass Verwaltung, Instandhaltung und Organisation jede Machbarkeit übersteigen. Später kündigte die regionale Zahnarzt-Dynastie Kaufinteresse an. Ihren Plan für ein „Gesund-Bad“ hatten sie auf der Ortsbeiratssitzung vorgestellt. Viel Beifall gab es dafür, vor allem, weil das Strandbad so auch in Zukunft öffentlich bleiben könnte. Daraus wird aber nichts, weil die neuen Pächter, ein junges Berliner Paar, ihr Vorkaufsrecht nutzen. Zeitgleich häufen sich Beschwerden über unzuverlässige Öffnungszeiten. Denver-Clan-Feeling auf Brandenburgisch! Immerhin, der Eröffnungstermin am 1. Mai steht. Gute Unterhaltung in der Urlaubsfalle wünscht Ihnen Jackie A.

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