Berlinale 2018 – Panorama

Komplexe Weiblichkeit

Wo schlummern sie nur,  die schwulen Geschichten auf der Berlinale 2018?

Traditionell war die Panorama-Sektion stets ein Fundort für Schätze des schwulen Films. Und 2018? Kaum ist die Ehe für Alle auch hierzulande Realität, sind schwule Erzählungen weniger erzählenswert – so scheint es auf den ersten Blick. Klopft man das Programm der Berlinale aber genauer ab, so finden sich eben doch drei Dutzend Filme aus zwei Dutzend Ländern mit nicht-heterosexuellen, also queeren Aspekten. Bei den Shorts und bei Generation, im Wettbewerb und, freilich, auch im Panorama.

Ein Film, der paradigmatisch für das steht, wie die Panorama-Sektion dieses Jahr auf Queerness blickt, ist der brasilianische Dokumentarfilm Bixa Travesty rund um die Pop-Ikone und Queer-Aktivistin Linn Da Quebrada. Sie ist eine Lady, wenn auch in ihrer Geburtsurkunde „männlich“ steht. Linn Da Quebrada performt exzessiv gegen den Machismus, und sie wird dafür gefeiert im queeren Underground von São ­Paolo. Der Film nähert sich ihr in erbaulichen ­Interviews im Tonstudio, schöpft aber auch aus einem reichen Archiv privater Aufnahmen. „Tranny Fag“ lautet der englische Titel des Films, also: Ja, hier wird eine „Schwuchtel“-Geschichte erzählt, aber tranny, also aus dem Winkel einer Transfrau. „Worauf ­stehen Schwule“, fragt Linn Da Quebrada ihre Liebsten. „Auf Männer“, antwortet sie sich selbst, „doch ich bin eine Frau.“

Kampf dem Machismus – Linn Da Quebrada in dem brasilianischen Panorama-Beitrag „Bixa Travesty“

Und hier tut sich das Dilemma auf: Ja, schwule Männer leiden, gar nicht so anders als Frauen, unter machtbesitzenden, machtgebrauchenden, machtmissbrauchenden Männern. So gesehen könnten sie Alliierte sein. Doch die Attraktion schwuler Männer richtet sich für gewöhnlich eben nicht auf das Weibliche, sondern glorifiziert das ­Hypermaskuline. Auch hier also erfährt das Feminine, wenn es hart auf hart kommt, eine Abwertung, wenn nicht gar Verachtung. Und eben deshalb ist die Wende, die das Panorama dieses Jahr sichtbar vollzieht, eine sinnige: Der Fokus wird verlagert auf Weiblichkeit: queer, trans, komplex. Linn Da Quebrada hat zudem keine weiße Haut und spielt in den sozial geächteten Armutsvierteln, den Favelas. Sie ist an keiner Stelle „Opfer“, sondern starke, inspirierende Ikone für selbstbestimmtes Empowerment.

Schwul zu sein ist per se keine ­spannende Charaktereigenschaft einer Filmfigur. In den 90er- und noch in den Nullerjahren mag es bitter nötig gewesen sein, schwule, westliche Mittelschichtsjungs und ihr Coming-out in Szene zu setzen. Was es jetzt braucht, sind Queers, die nicht nur Nazi-Vollpfosten überfordern, sondern selbst unter Schwulen und Lesben mitunter nicht verstanden werden.

Der poetische Essayfilm Obscuro Barroco folgt der 2017 verstorbenen Transfrau ­Luana Muniz durch Rio de Janeiro, eine Stadt, deren Unruhe sie als Erzählerin zu ihrer eigenen aufgebrachten Seelenlandschaft in Bezug setzt. Der Spielfilm Tinta bruta verweilt ebenfalls in Brasilien: Der androgyne Pedro, der ein Gewaltverbrechen begangen hat, ­leidet ­unter Ängsten, das Apartment seiner Schwester auch nur für fünf Minuten zu verlassen. Im Sex-Live-Chat hingegen findet er zu gesünderer Stärke. Die Doku Shake­down kreist derweil um die ­titelgebende Fete für afroamerikanische Lesben in L.A., die sich als mehr entpuppt als nur eine dollarbringende Striptease-Show mit R’n’B: Sie ist ein Schutzraum mit Community-Spirit.

Das Panorama fächert also wahrlich ein Panorama komplexer Identitäten, Sehnsüchte und Widerstände auf. Wenn das nicht die queeren Figuren sind, die 2018 den Weg ins Kino finden, so möge man sich bitte nicht beim Panorama, sondern beim regulären Kinobetrieb beschweren. 


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