Och, Europa

Konrad Vanja und Elisabeth Tietmeyer

Konrad Vanja und Elisabeth Tietmeyer vom Museum Europäischer Kulturen über Weihnachtsfiguren, ein Hakenkreuz und ihre neue Ausstellung

Mit der Ausstellung „Kulturkontakte. Leben in Europa“ will das frisch wiedereröffnete Museum Europäischer Kulturen groß aufschlagen. Und Europa zum Kontinent kultureller Vielfalt erklären. Bisher fiel das kleine Haus allerdings wenig auf: Es liegt im Schatten der Sammlungen seiner berühmten Nachbarn, von Ethnologischem Museum und Museum für Asiatische Kunst.

 

Herr Vanja, Frau Tietmeyer, Sie zeigen Kunsthandwerk, nicht Kunst, etwa einen bemalten sizilianischen Karren. Das wirkt doch banal.
Konrad Vanja: Die Frage, ob Kunsthandwerk oder Kunst, stellt sich in unserer Wissenschaft, der Ethnologie, nicht. Die sozialen Zusammenhänge sind uns wichtiger. Der sizilianische Karren etwa ist ein Repräsentations- und Gebrauchsgegenstand, aber seine reiche Bemalung mit historischen Szenen führt tief in die Geschichte und die Traditionen Siziliens hinein. Auf ihm wird Alltagskultur genauso dargestellt wie der Kampf der Normannen gegen die Araber, gegen die Sarazenen. Außerdem ist er ein Souvenir: Kaiser Wilhelm II. hat ihn Ende des 19. Jahrhunderts aus Sizilien mitgebracht.

In der Zeit, als der Orient in Deutschland die wildesten Fantasien auslöste.
Vanja: Das können wir exemplarisch an einem erzgebirgischen Weihnachtsberg aus jener Zeit sehen; eine raumfüllende Krippenlandschaft mit mechanisch bewegten Figuren. Sie zeigt das Leben von Jesus Christus und enthält orientalische und westliche Elemente. Gleichzeitig aber zeigt sie, dass die Grenzen im heutigen Dreiländereck Deutschland, Polen, Tschechien damals viel offener waren als heute: Hier trifft die katholische Kultur Böhmens auf die protestantischen sächsischen Bergarbeiter, auf eine sehr technisch geprägte Kultur.

Europa steckt jetzt in der Krise. Kann Ihre Ausstellung erklären, warum?
Elisabeth Tietmeyer: Vielleicht indirekt. Einerseits thematisieren wir die Kulturkontakte, die Europa erst zu dem gemacht haben, was es heute ist. Andererseits geht es den Europäern bei aller kulturellen Hybridität sehr stark darum, sich abzugrenzen und die lokale, regionale und nationale Identität zu bewahren.

In welchen Dingen materialisiert sich denn nationale Kultur?
Tietmeyer: Da gibt es in der Alltagskultur erstaunlich wenig. Die meisten Menschen verorten sich regional, weniger national. Regionen sind gewachsen, Nationen sind konstruiert. Die Nationalsozialisten etwa haben zu den Olympischen Spielen 1936 ein Souvenirtuch mit den Nationalflaggen der teilnehmenden Länder hergestellt. Nach dem Krieg wurde die Stelle mit der Hakenkreuzfahne von ihrer Benutzerin zusammen- und zugenäht und das Tuch als Küchenschürze weiter verwendet.

Und eine deutsche Kultur?
Tietmeyer: So etwas wie eine Nationaltracht gibt es nicht. Wir haben stattdessen Symbole aus dem Fußball ausgewählt. Zum Beispiel Original-Trikots von Lira Bajramaj und Mesut Özil, zwei deutsche Sportler mit ausländischen Wurzeln, die Deutschland vertreten.

Wie stellen Sie Europas Vielfalt dar?
Tietmeyer: Unter anderem mit Trachten, die jeweils nur in einem einzigen Dorf getragen werden, als Ausdruck einer ausgeprägt lokalen, aber auch regionalen Kultur. Und eine Fotostrecke dokumentiert, wie Gruppen ihre Identität durch uniforme Kleidung ausdrücken. Kleidung ist materialisierte Kultur.

Darin stellen Sie Gothic-Jugendliche neben einen bayerischen Trachtenverein.
Tietmeyer: Gruppe ist Gruppe. Man bildet Gruppen, um sich voneinander abzugrenzen, das ist bei allen gleich. Dies ist auch ein Beleg dafür, wie in Zeiten der Individualisierung ein Zugehörigkeitsgefühl gesucht wird.

Abgrenzung statt Integration?
Vanja: Ja, aber dazu gehört auch der Gedanke: Wenn ich Teil einer Gruppe bin, dann kann es eine zweite Gruppe neben mir geben. Und es ist faszinierend zu sehen, wie die andere Gruppe sich kleidet und darstellt. Zu Europa gehört nicht nur die Abgrenzung, sondern auch Respekt voreinander. Dazu gehört, die Vielfalt zu schätzen und zu verstehen, dass sie uns bereichert.

Dazu gehören auch Minderheiten wie Roma oder Basken. Warum sind sie in der Ausstellung nicht zu finden?
Tietmeyer: Wir zeigen Objekte von ethnischen Minderheiten wie den Krim-Tataren in der Ukraine, den Sami in Skandinavien und den Huzulen in den Karpaten. In der Tat stellen wir diesmal nichts von Roma oder Basken aus. Aber natürlich sprechen wir an, dass es Minderheiten in Mehrheitsgesellschaften nicht einfach haben. Der Anspruch unserer Ausstellung ist aber nicht explizit politisch, vielmehr geht es uns in erster Linie darum, kulturelle Vielfalt darzustellen.

Gerade Volkstrachten sind sehr anfällig für Klischees. Wie wollen Sie es vermeiden, Stereotypen zu reproduzieren?
Tietmeyer: Es wäre vermessen zu glauben, man könne Objekte präsentieren und dabei Klischees vermeiden. Objekte aus der so genannten Volkskunst werden unweigerlich folklorisiert. Das ist uns bewusst. Wir versuchen dagegen zu wirken, indem wir die soziale Funktion der Trachten erläutern und erklären, in welchem Kontext sie teilweise heute noch getragen werden. Außer Trachten zeigen wir aber auch andere Objekte, die nicht mit Klischees beladen sind und verschiedene Verortungen von Kultur in Europa darstellen. Was wir nicht wollen, ist innerhalb unserer Ausstellung die Debatte von Ethnologen um die Präsentation von Objekten darzustellen. Das würde zu weit führen.

Wie zeigen Sie die Rolle, die Migration in der europäischen Kulturgeschichte spielt?
Tietmeyer: Über die Migration ist eine Menge neues Know-How nach Europa gekommen. Dies ist ein weites Feld; wir machen diesen Aspekt beispielhaft daran fest, wie sich die Ess- und Genusskultur an Zeiten und Orte anpasste.

So, wie man bei dem Begriff Latte Macchiato heute eher an den Stadtteil Prenzlauer Berg denkt als an Italien. Wo finden sich Berliner in dieser Ausstellung wieder?
Tietmeyer: Zum Beispiel bei Fotografien von Cafés im Prenzlauer Berg oder der Döner-Industrie in Berlin, ergänzt durch unsere „Döner-Sammlung“, die wir mit Hilfe von Berliner Döner-Produzenten zusammengestellt haben.

Gehört dieser monumentale Plastik-Döner im ersten Raum auch dazu?
Tietmeyer: Ja, das ist ein Werbeobjekt. Der Döner im Brot ist heute eines der populärsten Fastfood-Gerichte überhaupt. Er wurde ja bekanntlich in Berlin erfunden und wird mittlerweile in ganz Europa gegessen. Die Döner-Kultur zeigt, wie kulturelle Einflüsse, hier eine ursprünglich aus der Türkei kommende Speise, ihr Eigenleben entwickeln. Ähnliche Beispiele haben wir im Bereich Religion. So wurde aus dem christlichen Adventskalender der Ramadankalender, hergestellt in Berlin. Mit 30 Türchen anstatt der 24.

 

 

Die Leiter

Konrad Vanja, 63, ist Volkskundler, Theologe und Soziologe. Er kam 1981 an das West-Berliner „Museum für Deutsche Volkskunde“. Nach der Zusammenlegung der volkskundlichen Sammlungen beider  Teile Berlins entstand 1999 in Dahlem das „Museum Europäischer Kulturen“, das er seit 2000 leitet. Elisabeth Tietmeyer (rechts), 51, ist Ethnologin, Soziologin und stellvertretende Direktorin des Museums. In der Mitte: Ethnografin Irene Ziehe.

Foto: F. Anthea Schaap


Das Museum

Mit der Ausstellung „Kulturkontakte – Leben in Europa“ zeigt sich das Museum Europäischer Kulturen nach zwei Jahren Umbau wieder der Öffentlichkeit. Parallel dazu laufen die Ausstellungen „Kinderspielzeug aus Europa“ sowie „Erkundungen in Europa. Visuelle Studien im 19. Jahrhundert“. In einem Nebenraum werden besondere Stücke der insgesamt 275.000 Objekte umfassenden Sammlung gezeigt. Ob das Museum in das Humboldt-Forum ziehen wird, ist noch unklar. Bisher sollen nur die außereuropäischen Sammlungen in dem noch zu errichtenden Stadtschloss-Neubau untergebracht werden.

Weitere Informationen: Ab 9.12.: Museum Europäischer Kulturen. Lansstr. 8, Dahlem, U-Dahlem Dorf, Di-Fr 10-18, Sa/ So 11-18 Uhr, 6 / erm. 3 Euro, bis 18 J. frei, www.smb.museum/smb/home