Jubilar

Konzeptpionier Timm Ulrichs gewinnt Käthe-Kollwitz-Preis und stellt aus

Foto: Timm Ulrichs: „Die weißen Flecken meiner Körper-Landschaft. Kenn-Zeichnung der mir niemals direkt sichtbaren Bereiche meines Körpers“

Der Konzeptpionier Timm Ulrichs wird 80 Jahre alt und kann zwei Mal feiern: als Träger des Käthe-Kollwitz-Preises und mit einer Geburtstagsausstellung

In 100 Tagen stellt Timm Ulrichs 100 Werke aus. Jeden Tag wird im Haus am Lützowplatz unter dem Titel „Ich, Gott & die Welt. 100 Tage, 100 Werke, 100 Autoren“ eine Arbeit gehängt. Die Auswahl aus 150 Vorschlägen hat der Künstler weitgehend 100 Autorinnen und Autoren überlassen, die über seine Werke schrieben. Die Folge der Hängung macht er auch von der alphabetischen Ordnung ihrer Namen abhängig. Den Auftakt bestreitet am 7. März das von dem Kunsthistoriker Nico Anklam ausgesuchte Werk, den Schluss das von Christoph Zuschlag.

Spracharbeiten, Fotos und Objekte – alles geht munter durcheinander. „Es ist das Prinzip Zufall. Man kann auch sagen, mir ist nichts Besseres eingefallen“, sagt Ulrichs. Das Prozedere passt zu ihm. Im Gewöhnlichen sucht er das Ungewöhnliche und bringt es in eine Form. Berühmt wurde er, als er 1975 als junger Kunstprofessor mit Brille, Blindenstock, gelber Armbinde und einem Schild mit der Aufschrift „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ über die Kunstmesse „Art Cologne“ schritt. Auch Wortspielereien wie in dem Buchstabenfilm „IKON KINO“ oder eine elend lange Folge von Permutationen des Worts „Permutation“ gehören zu seinem Oeuvre.

Diese Spracharbeiten sind bereits in der Akademie der Künste zu sehen, anlässlich der Verleihung des Käthe-Kollwitz-Preises 2020 an Timm Ulrichs. Über den Preis war der Künstler, der am 31. März 80 Jahre alt wird, hoch erfreut, doch zum Preisgeld von 12.000 Euro merkt er spöttisch an: „Gerhard Richter hätte dafür nicht mal eine Postkarte bekritzelt.“ Und dass nur ein kleiner Saal für die Preisträger-Ausstellung zur Verfügung stand, sagt er, habe ihn ebenfalls irritiert.

Timm Ulrichs 2004 in Farbe. Foto: Ansgar Schnurr/VG Bild-Kunst Bonn

Dass er nun gleich zwei Mal in Berlin ausstellt, geht auf den Ausstellungsorganisator (und auch für Zitty tätigen Autor) Matthias Reichelt zurück. „Ich will nicht sagen, dass er sich einen blutigen Kopf holte, aber er steckte doch sehr viele Absagen von den Berliner Kunstinstitutionen ein, als er ihnen eine Ausstellung anlässlich meines 80. Geburtstags vorschlug“, sagt Ulrichs. Das Haus am Lützowplatz zeigte jedoch Interesse, und alles war bereits klar gemacht, als die Preisträger-Ausstellung dazukam.

Welche Werke zu sehen sind, will Ullrichs noch nicht verraten, sagt aber, dass ein Foto von der „Selbstausstellung“ dabei sein wird. Das war ein wahrer Husarenstreich. Bei der „Juryfreien Kunstausstellung 1965“ am Funkturm in West-Berlin wollte er sich in einem Glaskasten ausstellen. „Für mich war dies die konsequente Fortsetzung der Arbeit von Marcel Duchamp. Der stellte Pissbecken und Kleiderhaken aus, ich dann mich selbst“, sagt er. Den Kuratoren war das nicht geheuer. Der Glaskasten wurde in eine Ecke gestellt, Ulrichs von der Ausstellung verbannt. Mit einem Fotografen schlich er sich aber in die Schau, stieg in den Kasten und ließ ein Bild davon machen.
Tom Mustroph

7.3.–15.6.: Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, Tiergarten, Di–So 11–18 Uhr, Eintritt frei, 8.3., 17 Uhr: Filmpremiere: „Der Totalkünstler“ von Ralf-Peter Post. Bis 1.3.: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, Di–So 11–19 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + Di ab 15 Uhr frei