Korea

Das durchtrennte Land

Berlin feiert das 30-jährige Jubliäum des Mauerfalls. Korea aber bleibt
geteilt. Das ist ein Thema auch in der Kunst

Während sich der 30. Jahrestag des deutschen Mauerfalls nähert, erinnert Kunst daran, dass es eine ähnliche Grenze noch immer in Korea gibt. Seit 1953 wird das Land durch die Demilitarisierte Zone in Nord und Süd geteilt. Das hat sogar Folgen für die Musik, wie die aktuelle Schau im Koreanischen Kulturzentrum am Leipziger Platz zeigt.

© Diskurs Berlin
Das Team vom Projektraum Diskurs Berlin in der Ausstellung „God`s Biometric Data“ mit Amit Goffers Installation „X Marks The Spot“, 2019 © Diskurs Berlin


In der Galerie des Zentrums, der Gallery Damdam, laufen Aufnahmen des ersten südkoreanischen Fernsehsenders KBS. Die Künstlerin Lee Youngho projiziert in „Soundtrack: Biotope – Temporary Protect­orate“ Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Soldaten an die Wand und untermalt sie mit traditioneller und moderner Musik, die eine Art Klangwolke bildet. In Nord- und Südkorea geben unterschiedliche Musikgenres den Ton an: Lieder im Vierviertel- Takt hat es lang nur im Süden gegeben. Die Ursache findet sich im Koreakrieg zwischen 1950 und 1953: Um die US-amerikanischen Truppen zu unterstützen und motivieren, lernten Südkoreanerinnen westliche Lieder. So kamen sie mit Instrumenten wie dem Schlagzeug in Kontakt, das es in der traditionellen koreanischen Musik nicht gibt.

Ob der Norden eine parallele Musikgeschichte hat, ob sich die Bevölkerung etwa mit chinesischer Musik anfreundete, thematisiert die Schau nicht. „Viele Ausstellungen in der Gallery Damdam beschäftigen sich mit der Teilung“, sagt Kuratorin Jeong Ka Hee, „doch hier geht es ausschließlich um die Musikgeschichte Südkoreas.“ Jeong gestaltet das künstlerische Programm im zweistöckigen Koreanischen Kulturzentrum, das zur Kulturabteilung der Koreanischen Botschaft gehört, mit Bibliothek und Konzertsaal. Das Zentrum koordiniert und fördert seit über zehn Jahren koreanische Kunstprojekte in Berlin. So hat sich ein ganzes Netzwerk gebildet. Der Projektraum Diskurs (Foto oben) in Mitte etwa, gegründet und geleitet von Chai Jung Me, konnte mit dessen Hilfe Ausstellungskataloge finanzieren. Am 30. Oktober beginnt hier die Ausstellung „Show Me Your Selfie“ unter anderem mit Candice Breitz, Yeondoo Jung und David Krippendorff. Die Stadt Daegu organisierte ebenfalls mithilfe des Zentrums im August ihre „Daegu Photo Biennale“ im Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz.

Südkorea fördert Künstlerinnen im Ausland. Schon lang sind nicht mehr nur große Namen wie Nam June Paik oder Lee Bul Programm, wie die jungen Künstler*innen aus dem Süden zeigen, die an Berliner Ausstellungen teilnehmen. Viele leben und studieren in Deutschland. Auch Jeong besuchte, bevor sie ihre Arbeit am Kulturzentrum begann, die Universität der Künste. Vor acht Jahren seien Koreaner *innen dort selten zu finden gewesen, sagt sie. „Jetzt hat jede Klasse ungefähr drei Koreaner.“

Foto: Christian Frey
„Das dritte Land“ am Kulturforum Berlin, von den Künstlern Seok Hyan Han, Seung Hwoe Kim. Foto: Christian Frey

Eine Ausbildung im Ausland genießt in Süd­korea einen guten Ruf. In Seoul gebe es professionelle Mappenberatungen, damit die Aufnahme an auswärtigen Akademien gelinge, berichtet Jeong. Bei ihrem Besuch diesen Herbst sei ihr aber aufgefallen, dass es immer mehr lokale Förderung für heimische Künstlerinnen gibt. Die Unterstützung für zeitgenössische Kunst sei so gut, dass sie sogar überlege, zurückzugehen. Vom Norden dagegen ist bekannt, dass es Akademien für künstlerische Ausbildungen gibt, doch einer der Hauptverdienste von Künstlerinnen dort seien Auftragsarbeiten wie große Skulpturen für andere Staaten.


Zwei Staaten, zwei Künste
Anders als zwischen der Bundesrepublik und der späten DDR ist der künstlerische Austausch zwischen Nord- und Südkorea extrem limitiert. Auf ihren Reisen nach Südkorea habe sie noch nicht von Künstlerinnen gehört, die mit Kolleginnen im Norden zusammenarbeiten. Südkoreanische Künstlerinnen arbeiten mit moderner Technik und zeitgenössisch. Nordkorea­nische Kunst wirkt, wenn sie es überhaupt außer Landes schafft, traditionell. „Es gibt im Norden Künstlerinnen und Netzwerke, doch die Kunst soll Staatskunst sein und fokussiert sich auf traditionelle Motive wie Landschaftsmalerei“, sagt Jeong.

Der Wunsch nach Wiedervereinigung drückt sich auf jeden Fall in Kunst aus dem Süden aus – wie im Künstlergarten „Das dritte Land“ (Foto) vor der Matthäuskirche am Kulturforum, der von Keum Art Projects organisiert wurde. In dem Garten imaginieren Han Seok Hyun und Kim Seung Hwoe ein vereintes Korea, indem sie Pflanzen aus Nord und Süd in die Grünanlage setzten und seit Mai ohne Eingriffe zusammenwachsen lassen (Zitty 16/2019). Unter den Partnern von Keum Art Projects findet sich erneut das Koreanische Kulturzentrum.

Foto: cwa
„Das dritte Land“ am Kulturforum Berlin, von den Künstlern Seok Hyan Han, Seung Hwoe Kim im November 2019. Foto: cwa


Die Linie stets im Blick
In seinem Programmheft kündigt das Zentrum eine Ausstellung anlässlich des Mauerfall-Jubiläums an: das Projekt „Unwall“, das gemeinsam mit dem Kunstquartier Bethanien und dem Neuköllner Soma Art Space veranstaltet wird. Unter dem Motto „East to West and North to South“ soll es um die Berliner Mauer und die Demilitarisierte Zone in Korea gehen. In Wissenschaft und Politik sind Vergleiche zwischen Deutschland und Korea nichts Außergewöhnliches. Erst im Juni hatte der Botschafter der Republik Korea an der Humboldt-Universität das Expertenseminar „Ist die Mauer wirklich weg?“ eröffnet.

Die Teilungen beider Staaten haben die Mitarbeiter*Innen des Kulturzentrums ­jeden Tag vor Augen. Vor ihren Fenstern ­sehen sie im Pflaster des Leipziger Platzes eine steinerne Linie, die auf das Haus zuläuft. Sie markiert den ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer. Stünde diese dort, verliefe sie mitten durch das Koreanische Kulturzentrum.


Bis 16.11.: Lee Youngho „Soundtrack: Biotope“, Koreanisches Kulturzentrum, Leipziger Platz 3, Mitte, Mo–Fr 10–19, Sa 10–15 Uhr, Eintritt frei
31.10.–11.1.: „Show Me Your Selfie“, Diskurs, Novalisstr. 7, Mitte, Mi–Sa 13–19 Uhr, frei
Bis 15.11.: „Das dritte Land“, Matthäikirchplatz, Tiergarten, rund um die Uhr, Eintritt frei