INTERVIEW

»Krampf interessiert mich«

Der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch über seine Doppeleinladung zum Theatertreffen, seine heftige Jugend und die Lust auf Ekstase

Interview: Friedhelm Teicke und Tobias Schwartz

Herbert Fritsch, Gratulation zur doppelten Einladung zum Theatertreffen. 2007 haben Sie noch alle zehn zum damaligen Theatertreffen eingeladenen Stücke im Schnelldurchlauf nachgespielt.
Ohne sie gesehen zu haben!

Wollen Sie das dieses Mal nicht wieder machen? Mindestens zwei der Inszenierungen, nämlich Ihre, haben Sie diesmal ja schon gesehen.
Ich würde das gerne machen, aber die eigenen Inszenierungen nachzuspielen, ist vermutlich sehr schwer. Ob man so eine Distanz zu sich hat und die nötige Ironie? Nein, das Konzept würde nicht mehr aufgehen.

Was meinen Sie, warum man Sie gleich mit zwei Stücken eingeladen hat?
Das frage ich mich auch. Ich war ziemlich mitgenommen, als ich das erfahren habe. Natürlich wusste ich, dass die Jury in den Vorstellungen war, aber ich hatte nicht geglaubt, dass ich überhaupt ausgewählt werde. Es ist ja auch immer eine Frage der Sympathie. Mein Verhältnis zum Theatertreffen war ein bisschen zwiespältig, weil ich vor 22 Jahren zuletzt eingeladen war – als Schauspieler in Frank Castorfs Münchner Inszenierung von „Miss Sara Sampson“.

Dann waren die zehn Stücke im Schnelldurchlauf vor vier Jahren weniger eine Hommage ans Theatertreffen als eine Art Rache?
Nein, Rache würde ich niemals sagen. Es ist doch ganz normal in diesem Betrieb, dass man sich mal über andere lustig macht. Auch dass man eifersüchtig aufeinander ist oder neidisch. Das Theater ist übrigens ein wunderbares Medium, um Neid auszuleben. Was man auch daran sehen kann, dass die Jury-Entscheidungen stets kritisiert werden. Das scheint in diesem Jahr aber anders zu sein. Ich werde kritisiert!

Was lassen Sie sich auch doppelt einladen, als würde eine Produktion als „bemerkenswertes“ Beispiel nicht reichen?

Genau. Das meinte ich auch. Erst dachte ich, ich werde auf eine raffinierte Weise verarscht. Aber nun finde ich, dass meine Arbeit dadurch extrem gewürdigt wird. Es handelt sich um Arbeiten aus der sogenannten Provinz, aus Oberhausen und Schwerin. Demnächst inszeniere ich in Köln und in Hamburg, das macht aber für mich keinen Unterschied. Ich habe in der Provinz überaus engagierte und leidenschaftliche Leute getroffen. Es hat mir sowohl in Schwerin als auch in Oberhausen ungemein Spaß gemacht, und ich hatte nie das Gefühl, dass ich mit Leuten arbeite, die irgendetwas nicht bewältigen könnten. Es stehen in beiden nun eingeladenen Produktionen sehr starke Typen auf der Bühne. Im „Biberpelz“ sind Darsteller dabei, die schon seit 35 Jahren in Schwerin Theater spielen. Und die haben in den ganzen Jahren ihre Leidenschaft nicht verloren und sind auch nicht verbittert, wie manch ein anderer, der schon lange an einem der großen Theater ist. Die haben sich eine Offenheit für Neues bewahrt und sich auf das eingestellt, was ich da gemacht habe.

In der Spielweise erkennt man bei einigen Ihrer Schauspieler das Vorbild wieder: Sie.
Ja, es ist mir auch oft vorgeworfen worden, dass da lauter Herbert Fritschs auf der Bühne herumspringen. Aber das ist doch im Regietheater genauso: Der Regisseur lässt die Leute nach seinen Vorstellungen tanzen. Ich verstehe mich in erster Linie als Schauspieler – auch wenn ich Regie führe. Ich spiele dem Ensemble meine Ideen vor und mache das natürlich in dem besonderen Schauspielstil, den ich geprägt habe.

Ein sehr expressiver, aberwitziger Stil.
Ich versuche, den zu vermitteln, weil ich ihn für richtig halte. Ich glaube an das Theater als etwas Künstliches, als eine eigene Welt. Ich finde es schön, wenn man sich verstellt und verbiegt und die Zuschauer letztlich betrügt, ihnen etwas vormacht. Das will ich gar nicht verheimlichen. Dieses ganze Echtheitsgerede ist doch Quatsch. Das ist ein Authentizitätswahn, den wir haben! Wir Schauspieler sind Trickbetrüger, Scharlatane.

Aber werden Sie in diesem Fall nicht schlicht plagiiert?
Nein, es ist doch ein Prozess. Am Anfang übernehmen die Schauspieler viel von mir. Manche saugen es regelrecht auf. Nach und nach fangen sie dann an, alles selber zu entwickeln. Und dann eignen sie sich die Dinge so an, wie ich sie gar nicht hinkriegen würde. Die Expressivität und die innere Spannung müssen immer da sein, aber sie sind natürlich individuell modellierbar.

Sehr auffällig und ungewöhnlich sind die Applausordnungen in Ihren Inszenierungen, die fast zu einem Fest geraten und von der Kritik beinahe mehr gewürdigt werden als die Stücke selbst. Kränkt Sie das?
Nein, überhaupt nicht. Ich finde es wichtig, wenn ein Schauspieler stolz auf das ist, was er macht. Es ist schön, sich für das Geleistete feiern zu lassen oder auch gemeinsam mit dem Publikum das Theater zu feiern und die Leute mit einem offenen Geist aus dem Saal zu entlassen. Da zeigt sich die unbändige Spiellust noch mal. Die haben keine Lust mehr, aufzuhören und spielen einfach weiter. Die haben Spaß!

Kennen Sie eigentlich Andrej Worons Teatr Kreatur, eine Freie Berliner Gruppe, die es in den 90er Jahren auch mal aufs Theatertreffen geschafft hatte?
Ich muss gestehen, dass ich Worons Arbeiten nie gesehen habe.

Ästhetisch, in den Masken und den speziellen Gruppenchoreografien erinnern uns Ihre Inszenierungen an seinen Stil.
Ich weiß, dass es nicht originär ist, was ich mache. In gewissem Sinne ist es sogar sehr konservativ, wie ich arbeite. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich mache kein Konzepttheater, ich inszeniere ein Stück als Readymade – ohne Fremdtexte hinzuzufügen, ohne Kontextualisierung, ohne all diesen Dekonstruktions-Bohei.

Dekonstruktivistisch wie die Castorf-Arbeiten, in denen Sie an der Volksbühne berühmt geworden sind, ist Ihre Regie wahrlich nicht. Warum lehnen Sie das jetzt ab?
Das Theater zu verneinen, war richtig zu seiner Zeit. Aber ich bin weg von dort, weg von der Volksbühne. Das Modernistische, Dekonstruktivistische ist doch mittlerweile Manier an fast allen Bühnen. Ich glaube, die Wirklichkeit verarscht uns am laufenden Band. Was ist echt, was ist falsch? Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, was mir Spaß macht, was Lust bringt.

Die Ekstase?
Ja, alles zu benutzen, spielen bis einem schwarz vor Augen wird.

Wie sind sie ans Theater gekommen?
Spät. Mein erstes Theaterstück sah ich mit 22. Nestroy war das, „Der Zerrissene“.

Warum erst so spät?
Ich war ein ziemlicher Straßenjunge, habe schlimme Sachen angestellt, viele Drogengeschichten, ich hing an der Nadel, brach in Apotheken ein. Irgendwann kam ich vor Gericht und habe vom Richter als Auflage bekommen, einen Beruf zu erlernen. Ich habe mir gesagt, dann werde ich Schauspieler. Das war eine gute Entscheidung. Das klingt jetzt pathetisch, aber das Theater hat mich gerettet! Es hat mich aus allem rausgeholt. Als Junkie spürst Du Deinen Körper gar nicht mehr, im Theater ist alles Körperliche wesentlich. Und den eigenen Körper wieder zu spüren, war ein wichtiges Erlebnis.

Theater statt Knast. Und Sie wurden gleich an einer Schauspielschule angenommen?
Ich bin an die Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München gegangen. Ich war sehr wild. Die Lehrer dachten, ich wäre nicht ganz dicht. Aber Hellmuth Matiasek, der damalige Leiter, hat mich sehr unterstützt. Ich war ein Jahr dort und wurde dann gleich an den Münchner Kammerspielen engagiert, ohne jemals eine Prüfung abgelegt zu haben. Das muss Ende der 70er Jahre gewesen sein.

Hatten Sie also damals schon diesen eigenwilligen Spielstil, mit dem Sie später ein Star der Volksbühne wurden?
Ja, so wie ich an der Volksbühne gespielt habe, habe ich auch schon vorher gespielt. Das hat nicht Castorf aus mir rausgeholt, wie viele glauben. Ich war zuvor als freier Schauspieler mit einer One-Man-Show herumgereist, in der ich alles gemacht habe, was sie mich auf der Bühne nicht haben machen lassen – stundenlang Grimassen schneiden, keinen Text lernen oder sprechen, nur Laute von mir geben. Ich stand eineinhalb Stunden auf der Bühne, habe herumgetobt, mich verrenkt und verbogen. Diese Show war für mich das Prägende für später. Da habe ich meinen Theaterweg entdeckt. Das war dann allerdings eine tolle, legendäre Zeit. Als ich an die Volksbühne kam, wusste Castorf das für seine Arbeit zu nutzen.

Ist eine Rückkehr an die Volksbühne völlig ausgeschlossen?
Es gibt eine einmalige Rückkehr, weil ich dort noch mal etwas machen möchte. Aber nicht als Schauspieler, sondern als Regisseur. Ich mache zum Ende der Spielzeit „Die Spanische Fliege“ von Arnold und Bach, ein schräges Komödienteil aus den 20er Jahren. Da inszeniere ich nur, ich spiele nicht. Das hatte ich erst vor, aber das mache ich nicht.

Warum sieht man Sie denn gar nicht mehr auf der Bühne?
Ich schätze zwar viele Regisseure, aber ich möchte mit keinem mehr zusammenarbeiten. Ich würde mich nur noch selbst inszenieren. Mein Problem als Schauspieler war immer schon, dass ich zu viele Ideen hatte und mit diesen ganzen Ideen auf die Probe kam. Frank Castorf war allerdings immer einer, der die Angebote der Schauspieler auch angenommen hat.

Trotzdem sind Sie 2007 von der Volksbühne weggegangen.
Ich hatte eine gewisse Volksbühnenmüdigkeit, was ich überhaupt nicht despektierlich meine. Für mich waren bestimmte Sichtweisen ausgereizt. Als meine erste Regiearbeit danach habe ich Molière inszeniert, der damals sehr verpönt war. Ich wollte zu einem ganz naiven Standpunkt zurückkehren. Wie sich Klein Fritzchen vorstellt, wie man Theater macht: Grimassen machen, irrsinnig schminken, bunte Kostüme.

Und zum Ausgleich machen Sie Medienkunst in Projekten wie dem Internetportal „hamlet_x“?
Bei „hamlet_x “ war es weniger die Theatermüdigkeit, die mich beschäftigt hat, als die Medienmüdigkeit. Fernsehfilme macht fast jeder aus unserer Branche vor allem wegen der Kohle, keiner macht das aus richtiger Lust. Und so wirken die meisten Fernsehfilme lustlos. Die „hamlet_x“-Filme habe ich gemacht, um diese Expressivität, die mich am Stummfilm begeistert und die mir im Film heute fehlt, wieder zu finden. Krampf interessiert mich! Nicht dieses regungslose Pokerface von Leuten aus Talkshows, die keine Miene mehr verziehen, als könnte man ihnen überhaupt nichts mehr anhaben. Bei Schauspielern ist das noch schlimmer. Doch warum soll ein Schauspieler locker sein? Einer der stottert oder zittert, erzählt mir was. Wenn einer nur natürlich da sitzt, erzählt mir das nichts.

Schlottern Ihnen jetzt die Knie vor der Reaktion der Zuschauer beim Theatertreffen?
Für mich heißt es immer, wenn am Ende jemand sagt, die Schauspieler waren nicht gut genug, dann war ich nicht gut genug. Aber ich freue mich, die Rampensäue aus Schwerin und Oberhausen auf Berlin loszulassen.

Weitere Informationen: Berliner Festspiele – Ticket Office: Tel  25 48 91 00, Mo-Fr 10-18 Uhr. Kasse im Haus der Berliner Festspiele (ohne VVK-Gebühr), Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Mo-Sa 14-18 Uhr. Abendkasse: eine Stunde vor Vorstellungsbeginn, in dieser Zeit kein Vorverkauf.