Ketchup-Toast und Hinterhofgespräche

„Kress“ – der Debütroman von Aljoscha Brells

In Aljoscha Brells Debütroman „Kress“ scheitert der junge Antiheld am Leben und an sich selbst. Was der Autor mit seinem Protagonisten gemeinsam hat und warum das Buch nur in Neukölln entstehen konnte Text: Leonie Langer

Nur wenige hundert Meter weiter, in seiner ersten Studentenbude am Herrfurthplatz, hat „Kress“, der Debütroman von Aljoscha Brell, seinen Anfang genommen. Acht Jahre ist das her, so lange schrieb der mittlerweile 35-jährige Aljoscha Brell an seiner ­Geschichte über einen weltfremden ­jungen Mann, der vom tollpatschigen Streber zum destruktiven Stalker mutiert. Nun sitzt er im „Engels“ im Neuköllner Schillerkiez. Ärmel des weißen Hemdes hochgekrempelt, die dunkelblonden Haare ordentlich kurz, der Blick wach und aufmerksam, an einem der Holztische.

Aljoscha Brell Der in Berlin lebende Autor wurde 1980 in Wesel (NRW) geboren. Er war Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen ­Colloqiums Berlin und erhielt 2009 das Alfred- Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste. „Kress“ ist sein Debütroman. Außerdem arbeitet er bei einer Berliner IT-Firma. Foto: Marcel Brell
Aljoscha Brell Der in Berlin lebende Autor wurde 1980 in Wesel (NRW) geboren. Er war Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen ­Colloqiums Berlin und erhielt 2009 das Alfred- Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste. „Kress“ ist sein Debütroman. Außerdem arbeitet er bei einer Berliner IT-Firma. Foto: Marcel Brell

„Kress“ ist eine Mischung aus Berlin-­Roman und Coming of Age-Geschichte, Skizze des Berliner Studentenlebens und Porträt eines tragikomischen Anti-Helden. Der Protagonist Kress bewohnt eine heruntergekommene Einzimmerwohnung in einem Neuköllner Hinterhaus zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße, er lebt von Ketchup-Toast, Bulette Hawaii und Multivitamintabletten. Seine Hausarbeiten schreibt er auf einer ­alten Schreibmaschine und dass er – bei seinen seltenen Besuchen im Internetcafé – „http“ vor dem Websitenamen in den Browser eingeben muss, merkt er sich anhand eines Schüttelreims. Kress’ einziger Freund ist der Tauberich Gieshübler, der ihn täglich auf der Fensterbank seiner Hinterhofküche besucht und vor dem er gerne philosophische Reden über das Leben und die Liebe schwingt. Ansonsten sitzt Kress wahlweise in der Philologischen Bibliothek in Dahlem oder in den Seminaren des von ihm bewunderten Goethe-Experten Profes­sor Schleicher, und leidet zudem an einer schwer ausgeprägten Selbstüberhöhung.

Wirklich, dachte Kress, es durfte einen nicht weiter verwundern, dass diese ganze Generation nur aus Schwätzern bestand, wenn diese ganze Generation den lieben langen Tag nichts anderes tat als schwatzen. Er, Kress, war der letzte Denker, und er griff nach dem Bleistift und notierte eben diesen ­Begriff, der letzte Denker, in seinen Notizblock, nur für den Fall, dass er irgendwann einen Titel für eine Autobiographie suchen müsste.

Doch dann bricht das Leben über Kress herein, als er sich in seine Kommilitonin Madeleine verliebt, die ihm auch noch den Job als Professor Schleichers Hilfskraft vor der Nase wegschnappt. Durch Madeleine, die seine ungeschickten Annäherungsversuche ignoriert, lernt er auch deren Freundin Mona und die Clique um Elektrokai kennen, allesamt gescheiterte Existenzen um die 30, denen der Sprung vom Studium ins Leben danach nicht recht gelingen mag. Dass Mona viel netter zu Kress ist als Made­leine und er sein erstes Mal ausgerechnet mit ihr erlebt, macht die Sache nicht ­gerade leichter.

Überhaupt ist dieser Roman voller erster Male: Spätzünder Kress geht in einen Club, raucht, klaut – wenn auch ungewollt – , fährt Zelten und erlebt das erste Mal so etwas wie Freundschaft. Ist Berlin auch für Aljoscha Brell mit so vielen ersten Malen verbunden? „Definitiv!“ Wie sein Protagonist kam der Nordrhein-Westfale mit 20 zum Studieren nach Berlin; aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof in der Provinz, wo „außer furchtbaren Scheunenpartys“ nix los war. 2001 war Neukölln noch kein Hipsterbezirk, „da gab es solche Bars noch nicht“, sagt Brell und blickt durch den Raum mit den unverputzten Wänden und den zusammengewürfelten Möbeln.

In seiner Straße hatten zu Kress massiver Empörung binnen kurzer Frist zwei Galerien und ein Café eröffnet. Voller Hass stapfte Kress allabendlich an den Menschentrauben vorüber, die an runden Holztischen den Gehweg überwucherten und ihre minderbemittelten kleinen Gespräche führten, lärmten und lachten, bis es die gesetzliche Situation erlaubte, die Polizei ­wegen Ruhestörung zu rufen.

Anders als Kress verurteilt Aljoscha Brell den Wandel Neuköllns nicht so harsch. „Ich bin ja selbst ein Teil der Gentrifizierung.“ Aber im noch ungentrifizierten Neukölln hat er sich durchaus wohlgefühlt: „Früher war viel egaler, was man anhatte oder was man gemacht hat.“ In Neukölln zu leben, sei in gewisser Weise Voraussetzung für den Roman gewesen. An die 3.000 Seiten hat Brell geschrieben und vieles davon wieder verworfen. „Ich habe ziemlich lange gebraucht, um rauszufinden, wie man das eigentlich macht, einen Roman schreiben. Das erklärt einem ja leider keiner.“ In Neukölln habe sich niemand dafür interessiert, „hier war ich umgeben von Leuten, die Künstler sein wollten und es genau wie ich nicht hingekriegt haben.“

Mittlerweile hat er aber doch alles ganz gut hingekriegt, nicht nur das mit dem Roman­schreiben. Vor zehn Jahren fing er an, in ­einer IT-Firma zu jobben, um sich seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Als er sich entscheiden musste, ob er nebenher weiter studieren oder schreiben wollte, war die Antwort klar. Er schmiss das Philosophie- und Literaturstudium, schrieb frühmorgens und ging dann zur Arbeit. Mittlerweile leitet Brell als Produktmanager für Digitale Strategien ein eigenes Team.

Vor zwei Jahren ist Brell Vater geworden, nun lebt er mit Freundin und Sohn in der Nähe des Maybachufers. Zuletzt saß er zum Schreiben oft auf einer Bank am Ufer an der Hobrechtbrücke, den Laptop auf dem Schoß. „Trotz des Marktes und der vielen Touristen ist das für mich ein friedlicher Ort.“

Es war jetzt Ende August und noch immer sehr warm. Nach wie vor war der Landwehrkanal gesäumt von jungen Leuten, die auf der Ufermauer saßen und die Beine zum Wasser herabbaumeln ließen. Nach wie vor drang aus den Freibädern das Gekreische der Jungs, die sich gegenseitig ins ­Wasser stießen, brutzelten in den Parks die Cevapcici auf den Grills, und aus den Biergärten schallte bis spät in die Nacht das Klacken der Gläser und das Blubbern der Stimmen.

KressSehnsuchtsort Berlin. Die ­Verheißungen der Großstadt haben auch Aljoscha Brell vor knapp 15 Jahren hergelockt. In der ­Figur Kress stecke viel von ihm selbst, sagt er. Abgesehen von biografischen Parallelen vor allem der Wunsch nach Selbstverwirklichung, gepaart mit einer Portion Größenwahnsinn. Kress träumt von einer Karriere als berühmter Goethe-Forscher, Aljoscha Brell wollte Schriftsteller werden. „Ich bin mit so einer sackigen Blasiertheit hergekommen, die man nur mit 20 haben kann.“ Während Kress sich völlig in seinen literaturwissenschaftlichen Ambitionen und ­seiner Liebe zu Madeleine verrennt, sie stalkt, gar seine Neuköllner Wohnung verlässt, um samt Gieshübler fortan in einer Bauruine gegen­über ihrer Wohnung in Weißensee zu hausen und am Ende fast noch jemanden umbringt, wirkt Aljoscha Brell ziemlich geerdet. Eine gewisse Erdverbundenheit hat er dank seiner Kindheit auf dem Bauernhof: „Manchmal sehne ich mich nach Regen­würmern und vermisse es, in der Erde zu buddeln“, sagt er mit einem etwas wehmütigen Lachen. Also zurück aufs Land? ­Gerade kann er sich das nicht vorstellen. Er schreibt schon wieder, woran, will er noch nicht verraten. Nur eins : Es soll keine Fortsetzung von „Kress“ werden, „die Geschichte ist auserzählt“. Macht nix, Stoff für ­Geschichten bietet Berlin genug.

Lesungen und Informationen unter www.aljoschabrell.de „Kress“, Ullstein , 336 S., 20 €, erscheint am 11.9.

Kress

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