Was mich beschäftigt:

Kreuzberg hat mich enttäuscht

Fick dich, Kreuzberg. Ja, so hart muss ich sein. Leider. Ich habe bei dir gewohnt, als diese Stadt noch von einer Mauer umgeben war. Du gabst mir, einem heimatlosen Migrantenjungen, das Gefühl von Heimat. Bei dir fand ich zu meiner Identität, mit dir wurde ich groß. Du warst ein Versprechen, Verheißung, Mythos und ich band mich an dich. Auf Gedeih und Verderb. Du warst einmal die Idee einer Alternative. Das ist eine Verantwortung. Deine Verantwortung.

So wie die „taz“ eine neue Tageszeitung sein wollte und die Grünen eine neue Partei, wolltest du eine neue Idee des Zusammenlebens sein. Zumindest dachte ich das, hoffte es. Bis zuletzt. Scheinbar war das aber alles nur Verklärung und Selbstbetrug. Hast du Dich einfach nur verstellt? Ich sah nach jeder Wahl auf die politische Landkarte und alles war schwarz und rot, nur du warst da anders, ein kleiner grüner Fleck. Und was ist jetzt? Auch in deinem Wahlkreis, dem mit der Nummer 83, der auch Friedrichshain und Prenzlauer Berg Ost umfasst, hat die AfD bei der letzten Bundestagswahl nicht wenige Stimmen geholt. 6,3 Prozent. Klar, auch die Grünen sind ja nicht mehr das, was sie mal waren, schau Dir doch nur diesen Tübinger Bürgermeister an. Aber wir sind doch hier nicht in Tübingen! Was ist mit dir passiert, was hat dich nur so ruiniert? Dich und deine ungeliebte Schwester Friedrichshain.

Vom Kottbusser Tor über die Schlesische Straße und die Oberbaumbrücke bis zum RAW-Gelände und rauf zur Simon-Dach-Straße seid Ihr doch nur noch ein einziger Ballermann fürs durchreisende Party-Proletariat. Am Fluss biedert Ihr Euch dem Großkapital an, in der Skalitzer Straße und am Oranienplatz lässt Du Dich mit Hotels bebauen. In jede Baulücke zwischen Ostkreuz und Yorckstraße presst du Appartement-Häuser für Besserverdiener und die Erbengeneration. Was aber tust du für uns alte Kreuzberger, wann wurde auf dir mal eine vernünftige Kita oder ein Park oder ein Schwimmbad oder eine neue Musikschule gebaut? Ja, das geht nicht, dafür ist kein Geld da, wirst du sagen. Das reicht mir nicht. Du lässt alles geschehen, Anwälte und Diplomaten lässt Du bei Dir wohnen, die mit dem Fahrstuhl in ihr Loft fahren. Expats, die sich über einer Line Koks auf der Berghain-Toilette die Startup-Jobs und Wohnungen zuschieben, fühlen sich bei dir wohl.

Simon-Dach-Straße
Foto: La Citta Vita / flickr.com / CC BY-SA 2.0

So ist die Wirklichkeit, wirst du sagen, geh mit der Zeit, sieh der Realität ins Auge. Das klingt so vernünftig. So kalt. Du wirst sagen, schau doch, Google ist weg, ich kümmere mich um Milieuschutz und Vorkaufsrecht und Mietpreisbremse. Aber schau Du mal der Realität ins Auge, das bringt alles nicht viel. Google kommt eines Tages doch, die Mieten steigen, die Alleinerziehenden, die Armen, die Türken und kleines Gewerbe müssen weg. Du hast dich für Gutverdiener und Lifestyle-Migranten aus Industrieländern entschieden und gegen mich. Du bist schlimmer als Charlottenburg und Schöneberg und Prenzlauer Berg zusammen, denn du hast mal etwas anderes versprochen und es nicht gehalten. Ja, du hast mir das Herz gebrochen, mir meinen Glauben genommen, mich der Heimat beraubt. Bei Dante heißt es: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Ich würde gern Lebewohl sagen. Nur wo soll ich hin? Ach Kreuzberg!

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