Chancengleichheit

Künstlerinnen: Der große Unterschied

Von Chancengleichheit für Künstlerinnen war 2019 weit entfernt. Wie
2020 besser werden kann, hat die Künstlerin und BBK-Sprecherin Heidi Sill mit Zitty-Autor Raimar Stange in einem Mailwechsel erörtert

Adélaïde Labille-Guiard (1785) / Metropolitan Museum of Art / Wikimedia Commons / gemeinfrei
Adélaïde Labille-Guiard (1749-1803): „Selbstproträt mit zwei Schülerinnen“ Adélaïde Labille-Guiard (1785) / Metropolitan Museum of Art / Wikimedia Commons / gemeinfrei

Liebe Heidi Sill, 2019 hat zum vierten Mal in Folge eine Künstlerin den alle zwei Jahre vergebenen Preis der Nationalgalerie gewonnen. Gleichzeitig aber war in Berlin die Unterrepräsentation von Künstlerinnen im Kunstbetrieb ein großes Thema. Haben Sie genaue Zahlen zu der Präsenz von Künstlerinnen in Berliner Ausstellungen?
Es ist großartig, dass in den letzten Jahren immer mehr Frauen für den Preis der Natio­nalgalerie vorgeschlagen und ausgewählt wurden. Trotzdem darf man nicht aus den Augen verlieren, dass – wie aus der Studie „Berlin III“ des Instituts für Strategieent­wicklung von 2018 hervorgeht – in Berliner Einzelausstellungen Männer um 22 Prozent öfter gezeigt werden als Frauen und der Gender Show Gap beim Gallery Weekend bei über 40 Prozent lag. Die Künstlerin Candice Breitz postete zum Gallery Week­end 2019, dass es sich bei rund 75 Prozent aller präsentierten Kunstschaffenden um weiße Männer handeln würde. In manchen Institutionen kommt Bewegung rein, zum Beispiel zeigte der Hamburger Bahnhof bei Gruppenausstellungen zwischen 2015 und 2019 ein nahezu paritätisches Bild, ebenso die Berlinische Galerie bei Einzelausstellungen. Aber im gleichen Zeitraum sind in zeitgenössischen Gruppenausstellungen in der Berlinischen Galerie unter 30 Prozent Frauen vertreten, und im Hamburger Bahnhof lagen sie sogar unter einem Drittel bei Einzelpräsentationen. Da die Einrichtungen mit öffentlichen Geldern finanziert werden, sollten jährlich Statistiken von den Häusern selbst veröffentlicht werden.

Dass in Berlin 60 Prozent der Künstler*innen weiblichen Geschlechts sind, macht die von Ihnen genannten Zahlen noch schlimmer. Um die Unterrepräsentation aber zu ändern, muss man fragen: Woran liegt diese? Die schnelle Antwort, die auch Candice Breitz nahelegt, ist: weil der „heteronormative weiße Mann“ lieber Männer als Frauen ausstellt. Doch viele wichtige Kunstinstitutionen in Berlin werden nicht von diesen „heteronormativen weißen Männern“ geleitet, so der Gropius-Bau, die Kunst-Werke, die Berlinische Galerie, Savvy Contemporary. In vielen Galerien arbeiten Frauen in führenden Positionen wie bei Sprüth Magers, Tanja Wagner, Esther Schipper, PSM. Woran also liegt es dann, dass trotzdem so wenig Künstlerinnen in Ausstellungen präsent sind?
Diese Frage ist berechtigt, auch wir haben sie uns gestellt. In Großbritannien erscheint jährlich eine Studie der Freelance Found­ation über die Vertretung von Frauen in Krea­tivberufen. So stellte Kate McMillian für das Jahr 2018 fest, dass – obwohl 48 Prozent der kommerziellen Topgalerien in London von Frauen geleitet werden -–, diese nur 32 Prozent bildende Künstlerinnen in ihrem Programm vertreten. Es reicht also nicht, Frauen in Positionen zu bringen, es sollten Programme gefordert werden, die neue Perspektiven eines paritätischen Miteinanders ermöglichen.


Was wäre also nötig?
Für den dritten „Fördersummit“ des BBK-Berlin zum Thema „Gender Pay Gap / Gender Show Gap“ hatten wir nach vorbildlichen Modellen gesucht und so die Dramaturgin Yvonne Büdenhölzer eingeladen. Sie hat in ihrer Programm-Kuration des Berliner Theatertreffens die Parität in den Regiepositionen umgesetzt und mit der programmatischen Umkehrung der Geschlechterverhältnisse in der Darstellenden Kunst bestehende Strukturen aufgebrochen und verändert. Wenn Tanja Wagner in ­ihrem Galerieprogramm vor allem Künstlerinnen präsentiert, geht sie den Weg gegen die Tradierung von ungleichen Machtstrukturen und kulturhistorischen Prägungen. Diese werden zum Beispiel auch noch immer von einer Ankaufspolitik der Kunstinstitutionen und Museen bestätigt. Sie reproduzieren damit nicht nur das Kaufverhalten des privaten Kunstmarkts, sondern unterstützen diesen in seinem Bestreben nach Öffentlichkeit und Werterhalt. Es geht also nicht nur um die Übergabe leitender Funktionen an Frauen, sondern auch um deren Konzepte und Sichtweisen.

Gibt es denn eine Erklärung für das Kaufverhalten auf dem privaten Kunstmarkts? Wirft Kunst von Frauen weniger Rendite ab? Und wie kann man dieses Kaufverhalten ändern? Eine Quote lässt sich im privatwirtschaftlichen Bereich wohl kaum vorschreiben.
Für die erste Frage sind wir vom BBK nicht der richtige Ansprechpartner, da sind Galerien sicherlich kompetenter. Kunstwerke von Frauen erzielen deutlich weniger auf dem sogenannten „Secondary Market“, also im Wiederverkauf zum Beispiel bei Auktionen. Das hat mit den jahrzehntelang gewachsenen Strukturen eines klar auf männliche Künstler orientiertem Systems zu tun. Sind Kunstwerke in Sammlungen, in wichtigen Ausstellungen wie auf Biennalen, in einflussreichen Museen oder auf der Documenta vertreten, hat das natürlich Auswirkungen auf das Kaufverhalten, denn dieses wird durch Präsenz in der Öffentlichkeit stark beeinflusst. Künstlerinnen, die vorher kaum eine Rolle auf dem Kunstmarkt gespielt haben, tauchen nach wichtigen musealen Auftritten plötzlich auf allen Messen auf, haben nicht nur eine, sondern mehrere Galerienvertretungen und ihre Werke werden ganz selbstverständlich gehandelt. Die damit verbundenen Veröffentlichungen in Printmedien und die digitale Anwesenheit steigern den internationalen Bekanntheitsgrad. Für Galerien ist das ein Schlüssel auf dem Silbertablett zu den privaten Sammlungen. Die paritätische Präsenz von Künstlerinnen in allen Ausstellungen, die mit öffentlichen Geldern gefördert werden, ist daher eine logische Forderung.


Zur Person

©Jean Christophe Lett

Die Künstlerin Heidi Sill studierte ab 1986 in Nürnberg Grafik und Malerei, heute lebt und arbeitet sie in Berlin. Von 2013 bis 2019 war sie Mitglied im Fachausschuss Bildung des Deutschen Kulturrats, seit 2016 ist sie Co-Sprecherin des Vorstands des Berufsverbands Bildender Künstler*innen Berlin mit seinen rund 2.400 Mitgliedern. Foto: ©Jean Christophe Lett

Beruf Künstlerin
Studium
Erst ab 1919, daran erinnert zur Zeit die Ausstellung „Kampf um Sichtbarkeit“ in der Alten Natio­nalgalerie, ließ die Berliner Kunstakademie wieder Frauen zum Studium zu. Heute studieren am Fachbereich Bildende Kunst der Universität der Künste 585 Frauen und 243 Männer (Stand April 2019).

Rund 9.000 Euro brutto beträgt der durchschnittliche Jahresverdienst aus künstlerischer Arbeit bei Berliner Künstlerinnen, bei ­ihren Kollegen dagegen 12.500 Euro, so die Zahlen laut Berliner Institut für Strategieentwicklung von 2018. Künstlerinnen verdienen also im Schnitt 28 Prozent weniger als Künstler. Damit liegt der Gender Pay Gap im Beruf Kunst noch einmal sieben Prozent über dem allgemeinen Schnitt.

Kulturpolitik
Seinen jüngsten Fördergipfel widmete der BBK im Herbst 2019 ungleichen Verdiensten und Ausstellungschancen. Das Protokoll mit Video steht auf www.bbk-berlin.de

Bis 8.3.: Kampf um Sichtbarkeit, Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1–3, Mitte, Di–So 10–18, Do bis 20 Uhr, 31.12. geschl., 10/5 €, bis 18 J. frei
Bis 16.2.: Preis der Nationalgalerie, Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50–51, Tiergarten, Di–Fr 10–18, Do bis 20, Sa/So 11–18 Uhr, 31.12. geschl., 8/4 €, bis 18 J. + Do-Abend frei