Esskultur

Kulinarische A-Lage: Der Schöneberger Akazienkiez

Der Schöneberger Akazienkiez schafft, was nur wenigen Vierteln 
gelingt: Trotz vieler neuer Läden ist die Stimmung nachbarschaftlich geblieben

Auf der Höhe der Zeit: Atmosphäre und Teller im Bonvivant. Foto: Dirk Richard Heidinger / eigenwild bild

Es gibt nicht viele gastronomische Orte in dieser Stadt, die es zu einem eigenen Eintrag auf Wikipedia gebracht haben. Die Möve im Felsenkeller aber ist einer davon. Und wer nun auf ein Fassbier oder stärkeres in dieser wunderbaren Kneipe landet, dem wird nicht mehr bange sein um einen Kiez, der sich doch gerade mit jedem kulinarischen Trend zu wandeln scheint – eine Sardinenbar, ein Schüsseldienst, eine vegetarisches Cocktail-Bistro – und der doch auch für jenen langen Atem steht, der im kulinarischen Berlin immer seltener zu werden scheint. Ja, im Schöneberger Akazienkiez machen gerade ziemlich viele neue Läden auf. Darüber hinaus aber ist die Konstanz beeindruckend, mit der die guten Läden bleiben. 

Die Sardinen.Bar zum Beispiel. Ein Laden, der fast ausschließlich Dosensardinen serviert, dazu Baguette, Salat – und gute Weine. Seit drei Jahren gibt es das Lokal in der Grunewald-, Ecke Akazienstraße jetzt. Die Frage, ob so ein spitzes Konzept überhaupt überleben könne, ist längst obsolet. Auch weil Gastgeber Thomas Vetter gemacht hat, wofür so viele Lokale in dieser Nachbarschaft stehen. Kulinarischer Zeigeist und ausgewählte Produkte sind das eine, aber das andere ist die Selbstverständlichkeit des Gastgebens, diese gewisse Kiezigkeit.

Aussenansicht der Sardinen.Bar, Foto: Roman Sebastian Janke

Die hat auch Alfredo Sironi in den Akazienkiez gezogen. Den italienischen Bäcker aus der Markthalle Neun, der in in der Goltz-, Ecke Frankenstraße in diesen Tagen seine neue Bäckerei eröffnet, und Ende des Jahres auch eine Pizzeria. Worum also Schöneberg? „Weil ich diese Verlässlichkeit aus Italien mag, Läden in die man einen Leben lang besucht. Ich glaube, diese Nachbarschaft ist eine der seltener werdenden in Berlin, in denen das funktioniert.“

Tatsächlich hat der kulinarische Zeitgeist zuletzt rasant Fahrt aufgenommen.Und es häuften sich die neuen Läden, die ein, zwei Monate proppenvoll waren und plötzlich war der Hype vorbei. Im Bonvivant aber, dem Cocktail-Bistro in der Akazienstraße, in dem Ottmar Pohl-Hofbauer saisonal und biozertifiziert kocht, können zufällig Vorbeiflanierende seit der Eröffnung vor gut sechs Monaten allenfalls Plätze an der Theke finden. Der Laden brummt. Und nicht nur das: Er habe, so der Koch, auch das Gefühl, dass ein nachhaltiger Wareneinsatz im engen Kontakt mit Bauern und Produzenten aus Brandenburg hier nicht nur als Trend aufgetischt wird, sondern tatsächlich auch verstanden.

Mit Felix Mielke ist nun sogar einer sesshaft geworden, der eben noch Küchenchef in Le Faubourg am Kudamm war. Schüsseldienst heißt sein Mittagslokal mit den besten Schüsslen und den leckersten Stullen der Stadt, womit auch der Bogen zur Möve im Felsenkeller geschlagen wäre: „Ich wollte bewusst einen Laden, der beiläufig funktioniert“, so Mielke, „wo man reingeht, sich wohlfühlt und erst dann merkt, wie gut das Essen eigentlich ist“. Clemens Niedenthal


Sardinen.Bar
Grunewaldsr.79
www.sardinenbarberlin.com

Sironi
Goltzstr. 35
www.sironiberlin.de/

Bonvivant
Goltzstraße 32
www.bonvivant.berlin

Schüsseldienst
Akazienstr. 3a
www.schüsseldienst.berlin.de