So ein Theater!

Kulturkrawall um Chris Dercon

Der Kulturkrawall um die zukünftige Ausrichtung der Volksbühne ist vor allem eins: hysterisch. Das ist seit dem ersten Auftritt des designierten Castorf-Nachfolgers Chris Dercon in Berlin klar

Text: Friedhelm Teicke

Dann ist er plötzlich da. Der Mann, der schon nur als Gerücht, er würde 2017 Frank Castorf als Intendant der Volksbühne nachfolgen, ein Hauen und Stechen sonder­gleichen im Kulturbetrieb provozierte. Für manche schien die Ernennung des belgischen Museumsmanns Chris Dercon zum Theater­chef dem Untergang des Abendlandes nahezukommen.

Die Volksbühne
Foto: Thomas Aurin

Ein Kurator als Intendant, wo gibt’s denn so was, schimpften zornige alte (bis sehr alte) Männer des Theaters – angeführt von BE-Chef Claus Peymann, sekundiert von Staatsoper-Intendant Jürgen Flimm und flankiert von Ulrich Khuon (Deutsches Theater), Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg) und Martin Kušej (Resi­denztheater München).

Zeter und Mordio schreiend sehen sie gleich das ganze Modell Sprechtheater bedroht. Im Chor dieses gewaltigen Theaterdonners: fast das gesamte Feuilleton der Hauptstadtpresse. Sie wollen am liebsten den Status quo betoniert haben und befürchten, mit Dercon verkomme die Volksbühne zum „soundsovielten Event-­Schuppen der Stadt“ (Peymann).

Nun ist der besagte Eventfuzzi also da. Vorzeitig aus London eingeflogen – wo er derzeit Direktor der Tate-Gallery ist –, um die längst irrational gewordenen Wogen zu glätten, die von „Abwicklung“ und „Zerstörung“ raunen, als stünde mit dem Intendantenwechsel gleich die Schließung der Volksbühne bevor.

Chris Dercon sitzt auf der völlig überfüllten Pressekonferenz im Roten Rathaus gut 100 skeptisch gestimmten Medienvertretern gegen­über, durchmischt mit sehr gespannten Abgesandten der Berliner Theater – und zeigt sich eloquent, charmant, selbstironisch, belesen und gut informiert. Kurz, er beeindruckt. Na gut, womöglich spielt ihm dabei in die Karten, dass er mit seiner grauen, dichten Haartolle und seinem flämischen, also fast holländischen Akzent ein bisschen an Rudi Carrell erinnert, da geht deutschen Baby­boomern ja gern mal das Herzblatt auf.

Die Volksbühne bekommt nach 25 aufregenden Castorf-Jahren ein neues Modell verpasst

Doch Dercon ist eine coole Socke und ­pariert Peymanns Spektakelkultur-Vorwurf elegant mit dem Dekonstruktivisten Jacques Derrida: Demnach sei ein Event ein Punkt, ein Komma und ein Durchbruch. Der 1958 geborene studier­te Theaterwissenschaftler sieht sich nämlich durchaus in der 100-jährigen Tradition der Volksbühne, in der von Max Reinhardt über Erwin Piscator und Benno Besson bis zu Castorf der bürgerliche Theaterbegriff konsequent weiterentwickelt und erweitert wurde, was gerade unter Castorf dann von Musikthea­ter bis zu Kunst­performance, Mixed-Media-Installation und Postdramatik reichte.

Tatsächlich ist Dercons Konzept, Theater und bildende Kunst stärker zu durchmischen, letztlich die konsequente Weiterführung dieser Moderne, für die dramaturgisches Material alles sein kann, nicht nur Text. Und das ist vermutlich das Radikalste an der künftigen Volks­bühne: Die deutsche Sprache wird nicht mehr „prima materia“ sein, Licht, Film, Musik, Tanz werden gleichberechtigte Akteure.

Fünf „Komplizen“, wie er sie nennt, werden Dercon dabei unterstützen: Die Theaterregisseurin Susanne Kennedy, gerade zum zweiten Mal zum Theatertreffen eingeladen, die junge dänische Choreografin Mette Ing­vartsen, der Tanzstar Boris Charmatz, der Filmemacher Romuald Karmakar („Der Totmacher“) und das Urgestein Alexander Kluge, der nicht als Regisseur, sondern eher konzeptionell mitarbeiten wird. Marietta Piekenbrock, zuletzt Chefdramaturgin der Ruhrtriennale, wird als Programmdirektorin mit Dercon den Spielplan ausarbeiten.

Im Spiegel der Volksbühne: Chris Dercon – Foto: F. Anthea Schaap

Mit der Souveränität eines erfolgreichen, weltgewandten Kulturmanagers zeigt Dercon lässig auf, was die ihm aus Berlin entgegengebrachte Kritik der letzten Wochen vor allem war: Hys­terie. Denn die Volksbühne wird ein Ensemble- und Repertoiretheater mit Eigenproduktionen bleiben. Und dazu seine Spielflächen erweitern: Neben dem Prater und Prater Garten wird auch der Hangar 5 des Flughafens Tempelhof ein Spielort werden. Mit dem Kino Babylon, Nachbar am Rosa-Luxemburg-Platz, soll kooperiert werden. Und dann wird es mit „Terminal Plus“ noch eine „digitale Bühne“ im Internet geben, wo Künstler speziell dafür geschaffene Produktionen aufzeichnen und live senden.

Die Berufung von Dercon ist Tim Renners größter (und erster) Coup als Kulturstaatssekretär. Die Volksbühne bekommt nach 25 aufregenden Castorf-Jahren ein neues, spannendes Modell verpasst. Inwieweit sie damit tatsächlich in direk­te Konkurrenz zum HAU und den ­Foreign Affairs der Berliner Festspiele treten wird, bei denen interdisziplinäre und internationale darstellende Künste bereits ein Zuhause haben, bleibt abzuwarten.

Annemie Vanackere, als künstlerische Leiterin des HAU direkt betroffen, rea­giert gelassen: Sie vertraut auf die starke Identität und Verankerung des HAU in der Stadt und darauf, dass der Kultursenat sein Versprechen hält, der freien Szene finanziell stärker unter die Arme zu greifen. Dass der Volks­bühne-Etat angeblich um fünf Millionen Euro aufgestockt werde, hat Kultursenator Michael Müller schnell dementiert.