»Den Freiraum verteidigen«

Kultursenator Klaus Lederer im Interview

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) spricht über Spitzengehälter, künstlerische Arbeitsbedingungen und die Zukunft der Kultur in Berlin – und darüber, wie er sie zu lenken gedenkt
Interview: Claudia Wahjudi und Stefan Hochgesand,  Fotos: Lena Ganssmann

Die Linke ist nach fünf Jahren Opposition wieder an der Berliner Regierung, aber direkt mit einem Rückschlag gestartet: Staatssekretär Andrej Holm musste wegen des Umgangs mit seiner Stasi- Vergangenheit zurücktreten. Wie tief sitzt Ihnen das noch in den Knochen?
Ich finde es schade. Ich kenne Andrej Holm seit 25 Jahren und glaube, dass seine wohnungs- und mietenpolitische Expertise uns in dieser Funktion genützt hätte. Aber Andrej wird uns dabei unterstützen, die städtischen Wohnungsbaugesellschaften auf eine soziale Mietenpolitik zu verpflichten und städtebauliche Instrumente zu nutzen, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und zu erhalten.

Durch die Affäre haben Sie Zeit verloren. Wo sehen Sie jetzt schnell Handlungsbedarf in Ihren Ressorts?
Wir arbeiten bereits und bauen eine neue Senatsverwaltung auf: Der Schutz des baukulturellen Erbes, das Musicboard Berlin und der Europa-Bereich kommen zur Kultur hinzu.

Die Konflikte in der EU sind auch in der Berliner Kultur zu bemerken – die Leiterin des Polnischen Instituts in Berlin wurde von der rechten PiS-Regierung in Warschau entlassen. Beim „Europäischen Monat der Fotografie“ ist unsicher, ob Ungarn dabei bleibt.
Europa und Kultur gehören zusammen. Ich war vor kurzem im Finnischen Kulturinstitut, als zum 100. Jahrestag der finnischen Unabhängigkeit eine Installation enthüllt wurde: Da gab sich die internationale Berliner Kulturszene ein Stelldichein. Das hat mich berührt und sehr beeindruckt. Solch eine Zusammenarbeit zu ermöglichen, ist genau das, was wir machen können. Wir bereiten gerade das Europäische Weltkulturerbe-Jahr vor, wir haben die europäischen Kulturhauptstädte, die kulturellen Beziehungen der Länder, und der Regierende Bürgermeister fährt im März nach Moskau, um auch jenseits der EU eine Städtepartnerschaft zu beleben.

Wenn die Regierungen in Polen und Ungarn nicht mehr mitmachen wollen, kann Berlin das kaum ändern.
Es ist weder meine Aufgabe als Berliner Europasenator, sie dabei zu halten, noch haben die Kulturinstitute ein Monopol auf Kulturaustausch. Wenn aber das Maxim-Gorki-Theater eine polnische Künstlergruppe zu einem Demokratie-Festival einlädt und die polnische Regierung deshalb interveniert, werden wir selbstverständlich dafür sorgen, dass die Kunstfreiheit verteidigt wird. Sie müssen aber gar nicht nach Polen oder Ungarn gucken: AfD-Politiker klagen gegen ein Stück von Falk Richter an der Schaubühne, weil sie sich da in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sehen. Das ist ja das Schöne: das Widerborstige, Widerspenstige der Kunst, die allergisch darauf reagiert, wenn Regierende sagen, sie hätte einen bestimmten Zweck zu erfüllen.

Zur Person
Klaus Lederer, 42, ist Senator für Kultur und Europa und seit Anfang Februar Mitglied des Aufsichtsrats des BER. Zuvor war er Landesvorsitzender der Partei Die Linke, für die er als Spitzenkandidat in den Wahlkampf ging. 1974 geboren, ist Lederer der jüngste Kultursenator im vereinten Berlin: in Schwerin zur Welt gekommen, aufgewachsen in Frankfurt/Oder und in Berlin-Ost. Der promovierte Jurist lebt offen schwul und in eingetragener Partnerschaft mit seinem Lebensgefährten Oskar Krüger in Prenzlauer Berg. Er geht oft ins Theater, singt manchmal und sorgte noch vor Amtsantritt für Aufregung, weil er Chris Dercons Berufung an die Volksbühne kritisierte.
Foto: Lena Ganssmann

Die Kunst lässt sich auch für die Demokratie einspannen.
Kunst kann ein wichtiges Medium zur Verständigung über die Zukunft von Gesellschaften sein, und wir haben ein Interesse daran, diesen Freiraum zu verteidigen. Kunst wird jedoch noch von etwas anderem bedroht: Das ist, sich marktgängig zu machen und sich nach den Prämissen der Verkaufbarkeit zu organisieren. Wir haben also sowohl die Aufgabe, künstlerische Freiheiten zu verteidigen, wie für Infrastrukturen zu sorgen, die Kunstproduktion auch jenseits der Marktbedingungen ermöglichen. Wir wollen Arbeitsräume schaffen und die Zahl der Ateliers erhöhen. Wir wollen für die freie Szene Spiel- und Produktionsstätten sichern und wir wollen dafür sorgen, dass eine Basisinfrastruktur existiert, die es Menschen vom Kindesalter an ermöglicht, mit Kunst in Berührung zu kommen und an ihr zu wachsen.

Heißt das: Festanstellung für alle Musiklehrer an den Musikschulen?
Wir wollen die Zahl der festangestellten Musiklehrerinnen und -lehrer erhöhen. Andererseits wollen nicht alle Honorarkräfte fest angestellt werden: Für manche ist die Tätigkeit an den Musikschulen eine Ergänzung zu einem festen Engagement. Das ist gut. Aber was nicht geht, ist, dass wir uns in Musik- und Volkshochschulen darauf verlassen, dass die Lehrer mit relativ schlechten Stundensätzen am Monatsende gerade so über die Runden kommen und an Altersvorsorge gar nicht denken dürfen.

Sie wollen die Spitzengehälter in den Kulturinstitutionen transparent machen. Wie soll das praktisch gehen?
Als ich 2004 in das Abgeordnetenhaus kam, habe ich mit Benjamin Hoff, heute Kulturminister in Thüringen, den Vorstoß für die Offenlegung der Gehälter für Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer in den landeseigenen Unternehmen gewagt. Da brach eine Debatte los, dass wir Sozialneid schüren, die Preise versauen, dass wir keine guten Leute mehr kriegen würden. Das ist inzwischen vorbei. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Vorstände und Geschäftsführungen der landeseigenen Unternehmen ihre Gehälter offenlegen oder dass das Land Berlin das tut.

»Ich habe ein
Selbstbewusstsein
als schwuler

Mann«

Wo fangen Sie an damit? Bei den Theatern, bei den großen Museen?
Es wurde schon begonnen, beispielsweise beim Theater HAU und der städtischen Kulturprojekte Berlin GmbH. Doch natürlich gibt es viele Verträge, über die Stillschweigen vereinbart worden ist. Wir werden die Beteiligten fragen, ob sie einer Veröffentlichung zustimmen. Bei den anderen werden wir sukzessive bei Neubesetzungen vereinbaren, dass mit der Vergütung offen umgegangen werden kann.

Das, was vielleicht zu viel ausgegeben wird für Spitzengehälter, fehlt einem Haus womöglich im Etat, um Künstlern anständige Honorare zu zahlen.
Ich möchte die Spitzengehälter nicht mit den Künstlerhonoraren zusammen diskutieren. Denn man wird Spitzenkräfte vermutlich nicht mit der Besoldungstabelle des Beamtenrechts gewinnen können, sondern weiter individuell verhandeln müssen. Mit einer Veröffentlichung der Vergütung werden also nicht plötzlich die Preise sinken. Andersrum wird ein Schuh draus: Die öffentliche Hand hat dafür zu sorgen, dass soziale Mindeststandards existieren. Künstlerisches Engagement verlangt, sich sehr, sehr intensiv einzubringen, und darf nicht zu einer desaströsen Selbstausbeutung führen.

Wie wollen Sie das bemessen? Bekommt ein Künstler, der im Landesmuseum Berlinische Galerie auf 1.000 Quadratmetern etwas aufbaut, mehr Geld als jemand, der etwas in den Kunst-Werken auf 200 Quadratmetern aufbaut?
Es geht um Untergrenzen. Es geht um ein Netz, das man einzieht, um eine Ausstellungsvergütung. Das wird keine fein ziselierte Tabelle werden.

Klaus Lederer 

Und bei Gattungen, die von der öffentlichen Hand und von der Privatwirtschaft leben, etwa der Literatur?
Die Kulturförderungen hier aus dem Haus sind bereits sehr ausdifferenziert. Künftige Förderung können wir aber nicht nur über eine Massenausweitung von Stipendienregeln. Schon jetzt haben wir begonnen, die Förderung für Darstellende Künste zu evaluieren. Das tun wir gemeinsam mit beispielsweise der Koalition der Freien Szene und dem Landesverband der Freien Theater. Es wird kein einheitliches Gardemaß geben. Dazu sind die Sparten zu vielfältig. Aber auch Lesungen lassen sich honorieren.

Dafür werden die Häuser mehr Geld benötigen.
Wir sagen nicht: „Kommt mit dem bisherigen Geld einfach klar und jetzt sorgt auch noch für Mindesthonorare.“ Das geht nicht gut.

Also muss der Kulturhaushalt erhöht werden.
Wir haben jetzt schon in den Nachtragshaushalt 2017 Tarifsteigerungen für die Zuwendungsempfänger eingestellt. Da hoffe ich, dass das Abgeordnetenhaus im Frühjahr seine Zustimmung gibt. Im zweiten Schritt müssen wir gucken, ob wir für den Doppelhaushalt 2018/2019 die Möglichkeit haben, beispielsweise den Ausstellungsfonds für die bezirklichen Galerien zu stärken, Personalmittel und Stellen bei den Musikschulen einzurichten und die Kinder- und Jugendtheater zu stärken.

Staatsministerin Monika Grütters hat 2016 eine Studie zur ungleichen Bezahlung von Frauen und Männern in der Kultur vorgestellt. Was ist von den dort genannten Vorschlägen am schnellsten anzupacken?
Viele sagen: „Quote ist blöd.“ Ich sage: Die Quote ist eine Krücke, aber sie ist die einzige, die wir haben. Das Musicboard hat in diesem Jahr Gendergerechtigkeit zum Thema erhoben. Wir sprechen auch darüber, dass die Filmförderung dafür sorgen muss, mehr Produzentinnen und Regisseurinnen Zugriff auf die Mittel zu eröffnen. Und wir haben explizite Künstlerinnenförderung hier am Haus.

Auf die sich Frauen nicht so gern bewerben, weil sie dann die wenig angesehene „Frauenförderung“ erhalten.
Es ist schwer, Macht- und Denkstrukturen zu verändern. Aber wenn ich mir angucke, wie wir während der letzten 20 Jahre in unserem Land bei der LGBT-Emanzipation vorangekommen sind, zeigt sich: Das lange Bohren dicker Bretter führt zu etwas.

»Die Frauenquote ist
eine Krücke, aber
sie ist die

einzige, die wir haben«

Klaus Wowereit hat mit seinem Coming-Out 2001 dafür einen starken Impuls gegeben. War Ihr Coming-Out auch ein politischer Akt?
Ich glaube nicht, dass es heute in Berlin noch jemanden hinterm Ofen hervorlockt, wenn sich ein Amtsträger outet. Das war 2001 ganz anders: Klaus Wowereit ist einen sehr, sehr großen Schritt gegangen und hat die Tür geöffnet. Ich war zu dem Zeitpunkt schon geoutet. Natürlich habe ich ein Selbstbewusstsein als schwuler Mann. Ich habe mich viele Jahre im Abgeordnetenhaus für die Emanzipation von Queers eingesetzt. Aber ich möchte nicht darauf reduziert werden. Ich bin in der DDR groß geworden. Als Kind, als Jugendlicher, hatte ich mit dem Thema nichts zu tun: Queere Sichtbarkeit gab es in der DDR lange nicht. Für mich war das also zunächst sehr persönlich und privat. Trotzdem bleibt für mich, so lange es Diskriminierung gibt, jedes Coming-Out ein politisches Statement.

Tim Renner, der noch zu Wowereits Zeit Kulturstaatssekretär wurde, wollte wegen seiner engen Verbindung zur Musikindustrie nicht viel mit dem Musicboard zu schaffen haben. Sie haben es nun bei sich im Haus.
Das Musicboard ist eine riesengroße Chance, weil es Förderschwerpunkte setzen kann  – auch gegen den Gender Pay Gap und für weibliche Sichtbarkeit in der populären Musik. Katja Lucker von der Geschäftsführung hat sich das dieses Jahr auf die Fahnen geschrieben. Letztlich ist das Musicboard explizit nicht auf Marktgängigkeit gerichtet, sondern auf die Förderung der Breitenkultur, des Humusʼ, aus dem dann neue Dinge wachsen.

Dass die Popmusik staatlich gefördert wird, kommt nicht überall gut an. Private Konzertveranstalter sehen im Pop-Kultur- Festival überflüssige Konkurrenz.
Die kommerziellen Musikveranstalter wollen am Markt bestehen und Rendite bekommen. Das ist okay, aber interessanterweise stehen teilweise dieselben Leute beim Wirtschaftsressort an, um dort Förderung zu bekommen.

Den Plan für ein House of Jazz haben Sie von Herrn Renner geerbt. Kritiker meinen,  dass ein großes Jazzorchester Unsummen verschlingt und in keiner Weise abbildet, was Jazz in seiner Breite alles kann.
Ich hab da gar nichts geerbt. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat der Staatsministerin für Kultur und Medien einen entsprechenden Titel in den Bundeshaushalt geschrieben. Falls die Staatsministerin sich entscheidet, das Geld zur Verfügung zu stellen, wird man zu reden haben. Wir reagieren nicht begeistert, wenn der Haushaltsausschuss des Bundestags versucht, Berliner Politik zu beeinflussen – egal, ob es um die Versetzung des Neptunbrunnens vom Alex vor die Stadtschlossattrappe oder um die Kolonnaden am Humboldt-Forum geht. Wir möchten, dass kulturpolitische Schwerpunkte als Ergebnis einer Debatte gesetzt werden.

Im Humboldt-Forum kam die Idee zu kostenlosen  Eintrittskarten auf.
Neil MacGregor, der Gründungsintendant, wünscht sich freien Eintritt. Diese Frage ist nicht einfach über den grünen Tisch zu entscheiden. Zumal das bauliche Folgen hätte: etwa, ob man Ticketing bräuchte oder wie die Besucherströme verlaufen. Schwierig fände ich es, nur einzelne Einrichtungen im Kulturforum frei zugänglich zu machen.

Trotzdem geistert die Idee durch die Berliner Ausstellungslandschaft.
Wir haben in der Koalition vereinbart zu prüfen, ob die Berliner Museen, auf die wir Einfluss haben, für bestimmte Zeitspannen freien Eintritt ermöglichen können. Ich fände auch generellen und unbeschränkten freien Eintritt ganz toll, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie wir das bezahlen sollen – bei unserem derzeitigen ungerechten deutschen Steuersystem und der Schuldenbremse ab 2020.

Und was haben Sie nun mit Chris Dercon für die Volksbühne ausgemacht?
Ich bin mit Herrn Dercon im Gespräch. Warten wir es ab.

Die Berlinale steht kurz bevor, der Regierende Bürgermeister freut sich vor allem über deren wirtschaftliche Impulse. Wie wichtig ist Ihnen diese Relevanz?
Das Medienboard, das dem Regierenden, nicht mir, untersteht, hat die Entwicklung des Filmstandorts Berlin-Brandenburg im Blick. Aber Filmförderung ist nicht ausschließlich Wirtschaftsförderung, sondern auch Künstler- und Kulturförderung. Ich finde es toll, dass Dieter Kosslick versucht, mit dem Berlinale-Programm immer aktuelle politische Bezüge herzustellen. Natürlich will ich mir bei der Berlinale  Filme angucken. Jochen Hick hat mich gerade zu einem Film über queeres Leben in West-Berlin eingeladen. Da werde ich hingehen. In der luxuriösen Situation, die Berlinale in ihrer ganzen Schönheit genießen zu können, werde ich leider aus Zeitgründen nicht sein. Das kann wohl nur die Jury.

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