Erzählen

Erzählen ist eine Kunst: Geschichten für Erwachsene

Lawrence Abu Hamdan lässt in der DAAD-Galerie Mauern hören, Julian Charrière versenkt in der Berlinischen Galerie seinen Plot über die Folgen von Atomtests

Erzählen ist eine Kunst und Erzählungen sind zur Zeit ­beliebt, wie auch die hohe Zahl gut besuchter Lecture-Performances verrät. Erzählungen in Bild und Wort, gegebenenfalls kombiniert mit einer Aufführung, ermöglichen es ihren Urhebenden, komplexen Sachverhalten gerecht zu werden und dem Publikum mittels subjektiver Perspektive neue Blickwinkel zu öffnen. Heute ein Muss, können Besuchende doch noch in der Ausstellung oder während der Pause auf dem Telefon nachschlagen, was es mit dem Thema sonst noch so auf sich hat.

Lawrence Abu Hamdan, „Walled Unwalled“ (2018), Installationsansicht daadgalerie, courtesy: Berliner Künstlerprogramm des DAAD, Foto: Krzysztof Zielinski

Zwei Einzelausstellungen, die Ende September ­eröffnet haben, veranschaulichen, wie künstlerisches Erzählen ­gelingen und wie es scheitern kann. Julian Charrìere, Träger des diesjährigen GASAG-Kunstpreises, zeigt in der Berlinischen Galerie eine Auswahl seiner Eindrücke von seiner Reise auf das Bikini-Atoll, wo die USA Atom- und Wasserstoffbomben testeten, in Film- und Fotoaufnahmen, Skulpturen und einem Buch. Lawrence Abu Hamdan, 2017 Gast des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin, spricht in der Galerie des DAAD über die politische Bedeutung realer Mauern.

Wenn einer eine Reise tut

Konzentration macht Abu Hamdans rund 20-minütigen ­Video-Essay „Walled Unwalled“, 2018, zu einem Meister­werk. Der Künstler aus Jordanien zeigt kaum mehr als sich selbst in Studios des alten DDR-Rundfunkhauses in der Nalepastraße. Abu Hamdan trägt Textpassagen vor. Sie basieren auf seinen Recherchen am Londoner Institut für Forensische Architektur, dessen Mitarbeiter Belege für Menschenrechtsverletzungen sammeln. Abu Hamdan spricht weder besonders deutlich noch akzentuiert. Dennoch öffnet seine Inszenierung einen weiten Raum für Vorstellungen dafür, wie beispielsweise selbst die Wände eines Gefängnisses in Syrien allein dadurch als Folterinstrument dienen, dass sie die Klänge von Folterungen übertragen.

Julian Charrière © Julian Charrière

Diese Konzentration fehlt Julian Charrières Ausstellung. Der Berliner Künstler aus der Schweiz suchte auf dem Bikini-Atoll Zeugnisse für die Folgen der Atomwaffentests. Charrière hat eine Reise getan und weiß nicht davon zu erzählen. Im langen Saal der Berlinischen Galerie lässt er verfremdete Unterwassersounds laufen, zeigt Bilder von Wald und Wracks. Auf dem Boden liegen von Blei ­umhüllte Kokosnüsse, von der Decke hängen eine Stahl­skulptur in Form einer alten Taucherglocke und mit Wasser gefüllte Plastikbeutel.

Ideen brauchen Platz

Kaum mehr geben die Exponate preis außer Charrières Anfälligkeit für Ruinenromantik. Wer etwas über die Umsiedlung der Bewohner, über Radioaktivität oder nur Charrières Reise erfahren will, muss das Büchlein zur Ausstellung kaufen. Oder im Netz nachschlagen, um unter anderem zu lesen, dass auf dem Atoll der Tauchtourismus blüht. Dass man überhaupt nachschlägt, lässt sich als Verdienst der Ausstellung verbuchen, sie bleibt  jedoch an der Oberfläche: Sie liefert Allegorien für etwas, dass die meisten Betrachtenden nicht kennen. Sie füllt mit ihnen jenen Leerraum, den die Vorstellungskraft braucht und wie ihn Law­rence Abu Hamdan zu wahren weiß.

Verlängert bis 9.12.: Lawrence Abu Hamdan. DAAD-Galerie, Oranienstr. 161, Kreuzberg, Di–So 12–19 Uhr, Eintritt frei
Bis 8.4. 2019: Julian Charrièrre. Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 8/ erm 5 € (1. Mo/ Monat 4 €), bis 18 J. frei

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