Corona-Krise

Corona und Kunst: Zwei Netze spannen

Künstlerinnen und Galeristinnen kämpfen in der Corona-Krise um die blanke wirtschaftliche Existenz — wobei viele vorher schon äußerst prekär arbeiteten und lebten. Wir erklären, wer sich jetzt für sie einsetzt und welche Vorteile sie in dieser Krise haben.

Die gute Nachricht zuerst: Wie die „New York Times“ berichtet, gehören Bildende Künstlerinnen zu der Berufsgruppe, deren Infektionsgefahr im Allgemeinen am zweitgeringsten von allen ist. Besser sollen nur Holzfäller gestellt sein. Dies hat die US- Behörde für Arbeitsmarktstatistik im Mai 2018 erhoben, und die Angaben dürften auch in der Zeit von Corona gelten. Kunstschaffende würden überwiegend isoliert arbeiten und soziale Kontakte seien berufsbedingt eher gering, so die Begründung. Gesundheit ist das Wichtigste.

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Corona-Krise: Keine Besucher an der James-Simon-Galerie. 16 03 2020,
Foto: Imago Images/ Reiner Zensen

Für viele, die im Kunst- und Kulturbereich tätig sind, dürfte das aber ein schwacher Trost sein. Während der kulturelle Verwertungsbetrieb praktisch vollständig zum Erliegen gekommen ist, kreative Kräfte ihre Zeit im Home-Office und mit Familien in immer kleiner wirkenden Wohnzimmern verbringen, blicken viele Akteurinnen mit Bangen auf die Kontoauszüge.

Derweil erwiesen sich die ersten Ankündigungen der vorübergehend schließenden Galerien, sie würden ihre Ausstellung nach telefonischer Vereinbarung sozusagen privat zeigen, weitgehend als illusorisch. Die Bevölkerung ist aufgefordert, so wenig wie möglich unterwegs zu sein. So genießt das Kunstpublikum eine magere Diät, auch wenn dies vergleichsweise am leichtesten zu ertragen ist.

Das Überleben organisieren

Die wenigsten Künstlerinnen verfügen über Geldreserven. Jetzt, da Ausstellungsprojekte wegbrechen und Aufträge verschoben werden, kann aus „prekär“ schnell „existenzbedrohend“ werden. Zwar ist soziale Isolation das Gebot der Stunde, doch erscheint es mehr denn je nötig, dass sich Solo-Selbstständige vernetzen. „Solidarität in Zeiten von Covid-19“ heißt eine Handreichung der Gewerkschaft Verdi, die Unterstützungsmaßnahmen für freie Kulturschaffende auflistet.

Gefordert ist auch jeder Einzelne: Wichtig sei, Ausfälle zu dokumentieren – Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen, Aufträge, die gestrichen wurden oder wegen Reisebeschränkungen nicht wahrgenommen werden können, müssen aufgelistet werden, dazu die entgangenen Einnahmen.

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Olaf Zimmermann, Geschaeftsfuehrer Deutscher Kulturrat. Foto: Imago Images/ Reiner Zensen


Verdi verlangt eine breite Palette an Notfallmaßnahmen: Die Verwertungsgesellschaften sollen Notfonds bilden. Die Künstlersozialkasse soll die fälligen Monatszahlungen reduzieren, die öffentliche Hand soll Steuervorauszahlungen stunden, ihre Stipendien vorzeitig auszahlen und vor allem ebenfalls einen Notfallfonds bilden. Staatsministerin Monika Grütters, die Kulturminister sowie die Kulturstiftungen der Länder und des Bundes: Sie sollen die Allianz bilden, die einen solchen Nothilfefonds für betroffene Künstlerinnen organisiert.

Einen solchen fordert auch der Deutsche Kulturrat mit seinem Geschäftsführer Olaf Zimmermann. Zu wünschen sei, den bürokratischen Aufwand für die Kulturschaffenden möglichst zu begrenzen. Zudem bietet der Kulturrat einen digitalen Newsletter für Kulturschaffende an, der über Hilfsmaßnahmen und den Stand der Entscheidungen informiert. Finanzielle Hilfen sind nicht zuletzt besonders wichtig für internationale Künstlerinnen aus Ländern jenseits der EU, deren Aufenthaltsstatus in Deutschland vom Einkommensnachweis abhängig ist. Ihre Anwesenheit und ihre Tätigkeit begründen Berlins Stärke als Kunststadt.

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Corona-Krise: Ein Aushang am Eingang der James-Simon-Galerie zeigt an, dass ab Samstag, 14. Maerz 2020 alle Haeuser der Staatlichen Museen zu Berlin bis auf Weiteres fuer den Publikumsverkehr geschlossen sind. Foto: Imago Images/ Reiner Zensen

Wenn es nach dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) geht, werde das Land 15.000 Euro an alle Solo-Selbstständige zahlen, die durch das Raster der Förderprogramme und Steuererleichterungen fallen, das gerade entsteht. Schnell und flächendeckend helfen könnte auch ein – zunächst zeitlich begrenztes – Grundeinkommen für alle. Vorerst beschlossen ist Stand Ende März eine Soforthilfe in Höhe von bis zu 5.000 Euro, die gegebenenfalls mehrmals beantragt werden kann.

Business as unusual

Galerien triff es hart. Nicht nur der Ausstellungsbetrieb vor Ort ist lahmgelegt, auch der Messekalender gerät ins Rutschen. Das ist für Berliner Galerien fatal, da sie im Vergleich zu Galerien aus anderen Kunstmetro-
polen besonders auf Verkäufe anderswo angewiesen sind.
Der Kunstfrühling fällt praktisch aus – Art Cologne, Art Brussels, Art Basel Hongkong sind abgesagt oder verschoben. Doch wenn immer mehr Messen ihren Termin in den Herbst verlegen, wird es dort eng werden. Die Hoffnung, dass in Berlin das Gallery Weekend Anfang Mai steigen kann, hat sich zerschlagen, es soll nun ebenfalls im Herbst stattfinden.


Viele Berliner Galeristinnen wirtschaften nahezu so prekär wie die meisten der von ihnen vertretenen Künstlerinnen. Um sie kurzfristig zu entlasten, fordert der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) die Reduzierung der Umsatzsteuer bei Kunstverkäufen von 19 auf sieben Prozent. Der Normalsatz war 2014 eingeführt worden und habe schon für viele Galerien das Aus bedeutet, argumentiert der Verband. Ansonsten bleibt die Hoffnung, dass der geplante Nothilfefonds für die Kulturwirtschaft solide ausgestattet wird, damit Galerienschließungen so weit wie möglich vermieden werden können.

Dünn ist auch das Eis, auf dem die Berliner Projekträume stehen. Rund 50 erhalten eine Basisförderung vom Land, die zumindest die Miete sichert, wenn Ausstellungen entfallen. Die Räume basierten auf dem Prinzip der Selbstausbeutung und würden durch Mittel bezahlt, die ihre Mitwirkenden anderswo verdienen, sagt Oliver Möst vom Netzwerk freier Berliner Projekträume und -initiativen. Für freie Projekte gibt es immerhin ein positives Zeichen aus der Kulturverwaltung. Sie hat angekündigt, dass bereits gezahlte Fördermittel für Projekte, die jetzt nicht umgesetzt werden können, nicht in jedem Fall zurückgezahlt werden müssen.

Platzhirsch Internet

Wenn viele Menschen in die heimische Langeweile verbannt werden, blühen die Ideen. Sie können sich derzeit vor allem im virtuellen Raum entfalten. Das tun sie auch – fast täglich werden neue, spannende Online- Projekte bekannt. Apps bieten virtuelle Rundgänge durch Museen und Galerien. Ausstellungshäuser und Galerien haben frühere Ausstellungen archiviert und zum Teil reich mit Bild- und Videomaterial ausgestattet. Wer mag, kann viele Stunden durchs Netz flanieren, aktuelle Kunst erkunden, vergangenen Kunsterlebnisse nachspüren oder, wie bei dem Galeristen Johann König auf Instagram, durch ein riesiges Fotoalbum blättern (siehe Kasten).

Eine besonders aufsehenerregende Initiative hat die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev im coronageplagten Italien umgesetzt. Die künstlerische Leiterin der Documenta 2012 in Kassel ist heute Direktorin des Kunstmuseums Castello di Rivoli bei Turin. Das hat seit Wochen geschlossen. Stattdessen sind jetzt Rundgänge, Videoarbeiten aus aktuellen Ausstellungen und Künstlergespräche auf der Website des Museums unter dem Titel „Digital Cosmos“ (siehe Kasten) zu sehen – unter anderem auch von Anri Sala und Hito Steyerl aus Berlin.

Kunst jetzt zugänglich zu machen, sei eine „öffentliche Pflicht“, sagt die Kuratorin. Die Begegnung mit Kunst, die in einem bestimmten Raum angeordnet ist und mit den Betrachter*innen unmittelbar interagiert, lässt sich virtuell nicht erzeugen. Aber die Freude auf bessere Zeiten immerhin kann wachgehalten werden.

Newsletter des Deutschen Kulturrats über www.kulturrat.de