Buchtipp

Kunst kann mehr

Marina Naprushkina kann von ihrer Kunst -leben, aber das reichte ihr nicht mehr. - Erst lehrte sie den Betreiber eines Flüchtlingsheims in Moabit das Fürchten.  Jetzt veröffentlicht sie ein Buch über den Alltag von Flüchtlingen in Deutschland 
Text: Mirko Heinemann

Mit federndem Gang führt Marina Naprush­kina durch das Ladenlokal an der Beusselstraße. Vorne steht der Tresen, auf jedem der rund zwei Dutzend Tische weiter hinten liegen Stifte und Papier. „Neue Nachbarschaft Moabit“ heißt das alte Lokal heute. Gleich werden hier Kinder und Erwachsene Deutsch lernen: Flüchtlinge, die im benachbarten Aufnahmelager wohnen oder aus anderen Stadtteilen kommen. „Das Hauptproblem ist, dass sie keinen sozialen Kontakt bekommen“, sagt Naprushkina. „Sie hocken jeden Tag im Heim zusammen, warten auf ihre Aufenthaltserlaubnis und werden von der Verwaltung klein gemacht. Irgendwann entwickelt sich ein Hass auf das Aufnahmeland.“

Marina Naprushkina Neue Nachbarschaft Moabit Foto: Patricia Schichl
Marina Naprushkina Neue Nachbarschaft Moabit Foto: Patricia Schichl

Marina Naprushkina ist eine der Hauptpersonen in dem Drama um das Flüchtlingsheim an der Moabiter Levetzowstraße. Ihr Engagement für die Flüchtlinge führte zu Streit mit dem Betreiber, der Gierso Boardinghouse, und zu Schlagzeilen in der Presse mit anschließendem Hausverbot. Unter Druck geriet am Ende das Landesamt für Gesundheit und Soziales, das LaGeSo, das die private Firma beauftragt hat.

Naprushkina ist Künstlerin. Im Sommer hat sie in der Neuköllner Galerie im Körnerpark aus ihrem Buch gelesen, das dieser Tage erscheint. In sehr sachlichem Ton stellte sich die 33-Jährige mit den kurzen Haaren und der burschikosen Art vor. Sie spricht, mit Akzent, sehr gut Deutsch. Ihre Texte liest jedoch ein professioneller Sprecher vor. „Man muss wissen, wo seine Grenzen sind“, wird sie später erklären. Ihre Geschichten lassen die Müdigkeit der Bewohner spüren, die zum Nichtstun verdammt sind, die Monate des Wartens. Man erfährt von einer Bürokratie, die nicht auf Flüchtlinge vorbereitet ist. Von Deutschen, die fremdenfeindliche Dinge sagen, ohne es zu wollen.

Konkrete Hilfe für Nachbarn

Bei dieser Lesung berichtet Naprushkina auch davon, wie sie die Flüchtlinge kennen gelernt hat. 2013 zeichnete sie im Stil von Gerichtszeichnungen Menschen und Situationen in Asylverfahren und versah sie mit kurzen Kommentaren. „Refugees Library“ heißt die Reihe. Etwa zur gleichen Zeit lernt sie in Moabit, wo sie wohnt, auf einem Spielplatz Flüchtlingsfamilien kennen. Sie stammen aus Tschetschenien, einem im Krieg völlig zerstörten Land. Und sie sprechen eine Sprache, die auch Naprushkina versteht: Russisch. „Das war schon ein wenig schicksalhaft“, erinnert sie sich. Naprushkina will ihre neuen Bekannten im Heim zu besuchen. Sie ist neugierig und unsicher zugleich. Über einer Tür steht „Kindergarten“. Der Raum dahinter steht leer. Naprushkina beschließt, in dem Zimmer Malen und Zeichnen für Kinder anzubieten, und holt sich die Erlaubnis vom Betreiber.

Marina Naprushkina in dem Café Neue Nachbarschaft in Moabit Foto: Patricia Schichl
Marina Naprushkina in dem Café Neue Nachbarschaft in Moabit Foto: Patricia Schichl

Zu dieser Zeit hat sie sich mit ihrem „Büro für Antipropaganda“ und dessen Aktionskunst bereits einen Namen gemacht. Mit Knetfiguren stellt sie Übergriffe auf Frauen in Weißrussland dar, der Titel der Arbeit: „Mein Papa ist Polizist. Was macht er bei der Arbeit?“. In Warschau zeigt sie in der Nationalgalerie ein Blumenbeet, in das sie das Logo des weißrussischen Geheimdienstes gepflanzt hat. Besucher trampeln es nieder. „Marina Naprushkina ist nicht nur Künstlerin, sondern auch Aktivistin“, sagt die Kuartorin Dorothee Bienert, die Naprushkina in die Neuköllner Bezirksgalerie einlud. „Ihr geht es nicht um eine Ästhetisierung des Lebens, sondern darum, eine politische Botschaft auch in den Kunstkontext zu transportieren.“ Ihr Engagement im Moabiter Flüchtlingsheim überfordert sie bald: ­Jeden Tag kommen mehr Kinder. Sie bittet Bekannte und Freunde dazu.

Das Netz wächst, gleichzeitig der Zweifel am Betreiber Gierso. Es fehlt eine Kinderbetreuung, die Toiletten sind verdreckt, Duschkabinen kaputt, es gibt zu wenige Waschmaschinen. Nachdem der Betreiber auf die Hinweise der Aktivisten nicht reagiert, teilen sie die Missstände der Presse mit. Naprushkina gibt Interviews zur Lage im Heim, sie wird zum Gesicht einer politischen Bewegung. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales gerät unter Druck. Der Heimbetreiber wird zu Rückzahlungen verpflichtet. Die Gierso erteilt den Aktivsten Hausverbot. Doch diese machen weiter, zunächst in einem Vereinslokal, das bald wieder schließen muss. Spenden von Privatpersonen und Organisationen ermöglichen schließlich den Umzug in eigene Räume: Seit Sommer hat die „Neue Nachbarschaft“ geöffnet, die sich aus Spenden und Eintrittsgeldern für Veranstaltungen finanziert.

Kunst sei weit weg von Realität

Inzwischen kann sie von der Kunst leben. Vier Ausstellungen stehen an: im ­Maxim-Gorki-Theater, auf der Kiew-Biennale, beim Steirischen Herbst in Graz und im New Yorker Brooklyn Museum. Doch die Initiative für Flüchtlinge bleibt ein wichtiger Teil ihres Lebens, der zu ihrem Selbstverständnis als Künstlerin beiträgt: „Mittlerweile ist die Kunstszene so weit weg vom wahren Leben“, sagt sie. „Man fliegt von hier nach dort, macht Ausstellungen, aber ist das relevant? Ich hatte das Bedürfnis, etwas Relevantes zu machen.“Naprushkina hat in Minsk Kunst studiert. In Weißrussland herrscht der Diktator Alexander Lukaschenko, Oppositionelle werden verfolgt. Eine Zukunft sah Naprushkina für sich nur im Ausland. Sie schafft die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule in Frankfurt am Main. Nach ihrem zweiten Studium zieht sie nach Berlin.

Buchtipp Marina Naprushkina: »Neue Heimat? Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen« Das Buch von Marina Naprushkina erscheint am 3. September. Die Künstlerin berichtet darin von kuriosen und haarsträubenden Ereignissen, die Flüchtlingen im deutschen Alltag und auf den Behörden geschehen. Das Grußwort hat Heribert Prantl geschrieben, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung. Das Buch ist auch Thema auf dem 15. Literaturfestival: Mi 9.9., 10 Uhr: Lesung, 16 Uhr: Gespräch, Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. „Neue Heimat?“, 240 S., Europa Verlag Berlin, 2015, 16,99 €

In der „Neuen Nachbarschaft“ sind an diesem Tag schnell alle Tische besetzt. Je drei, vier, fünf Flüchtlinge sitzen zusammen und unterhalten sich auf Deutsch. Je ein Muttersprachler ist dabei und korrigiert die Aussprache. An einem anderen Tisch fertigen Kinder Linoldrucke. Marina Naprushkina begrüßt viele Ankommende persönlich und zeigt ihr herzliches und zugleich ein wenig schüchternes Lächeln. Dann eilt sie in den Tresenraum vorn, als wolle sie den Betrieb nicht stören. Doch in ihrem Buch schreibt sie über sich: „Ich leide immer unter meiner direkten Art, Dinge anzusprechen, aber ich kriege es einfach nicht anders hin.“

100 Ehrenamtliche machen inzwischen mit. Sie begleiten die Flüchtlinge auch auf Ämter, und kümmern sich um die Anmeldung zur Kita oder Schule. „Beim Umgang mit den Flüchtlingen versagt der Staat auf ganzer Linie“, findet Marina Naprushkina. „Willkommenskultur müsste anders aussehen.“ Vielleicht so wie in der Moabiter Beussel­straße.

Buchtipp Marina Naprushkina: »Neue Heimat? Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen« Das Buch von Marina Naprushkina erscheint am 3. September. Die Künstlerin berichtet darin von kuriosen und haarsträubenden Ereignissen, die Flüchtlingen im deutschen Alltag und auf den Behörden geschehen. Das Grußwort hat Heribert Prantl geschrieben, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung. Das Buch ist auch Thema auf dem 15. Literaturfestival: Mi 9.9., 10 Uhr: Lesung, 16 Uhr: Gespräch, Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. „Neue Heimat?“, 240 S., Europa Verlag Berlin, 2015, 16,99 €
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