Kommunale Galerien

Kunst, Klima, Kapitalozän

Die Ausstellung „Capitalo, Chthulu, and a much hotter compost pile“ im Kunstraum Kreuzberg antwortet auf die „Anthropozän“-Reihe am HKW mit dem Schlagwort “ Kapitalozän “

Noch immer ist der unsere Existenz bedrohende Klimawandel kein zentrales Thema im Kunstbetrieb. Auf der vergangenen, ansonsten so wichtigen documenta 2017 spielte er lediglich eine Nebenrolle, auch bei der vor der Tür stehenden 10. Berlin Biennale wird Dekolonialisierung das große Thema sein, wieder einmal nicht der Klimawandel. Mit ein Grund für die Unterrepräsentation des Themas ist wohl die Tatsache, dass sich gerade erfolgreiche Künstler mit ihrer exorbitanten Vielfliegerei und ihrem oft ­hohen Materialaufwand alles andere als umweltfreundlich verhalten. Umso wichtiger ist die Ausstellung „Capitalo, Chthulu, and a much hotter compost pile“ im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien.

Geovanna Gonzales, HOW TO: Lean Forward, Test Solutions, 2018, Still © Geovanna Gonzales (Filmstill)

Mit ihrer engagierten Betrachtung des Klimawandels setzt sie sich explizit von der Projekt- und Ausstellungsreihe „Anthro­pozän“ ab, mit der wenigstens das Haus der Kulturen der Welt (HKW) sich dem Thema seit 2013 widmet. Anders als diese Reihe des vom Bund geförderten HKW betont die Präsentation im kommunalen Kunstraum Kreuzberg/Bethanien die politische Dimension des Klimawandels, statt mit dem scheinbar klugen Titel „Anthropozän“ („menschengemachtes Erdzeitalter“) die „Verantwortung multi­nationaler Konzerne und neoliberaler Finanze­liten zu verdecken“, wie es im Booklet zur Kreuzberger Ausstellung heißt. Darum bringen die Kuratoren hier gegen die Reihe des HKW den Begriff des ­„Kapitalozän“ (Jason W. Moore) in Stellung, der die „Auswirkungen kapitalistischer Wirtschaftspolitik auf den Klimawandel“ betont. Eine solch offensive Streitkultur, wie sie die Kuratoren Lorena Juan, Lena ­Johanna Reisner und Anaïs Senli damit pflegen, ist in der Berliner Kunstszene leider rar geworden.

Der Pfeilschwanzkrebs, zum Beispiel

Ein gutes Beispiel für die politische Ausrichtung von „Capitalo, Chthulu, and a much hotter compost pile“ ist die mehrteilige Instal­lation „Water, Oil, and Bio-Orange Juice“ (2015–18) von Ana Alenso. Ein wie ein Ölfass aussehender Behälter für ausgerechnet Bio-Orangensaft steht da in prekärer Balance auf einem geschrotteten Einkaufswagen, der wiederum auf einem ­alten Glasspiegel verortet ist. In das Bio-Orangensaftfass ist ein Spruchband installiert, das mit rot blinkenden Buchstaben in einer Endlosschleife einen kurzen Text zu den Gefahren der Ölförderung zeigt. Ein postindustrielles Sinnbild hat die Künstlerin hier inszeniert: Es setzt unsere selbstverliebte Konsumgesellschaft und die globale Klimakatastrophe in ein so spannungsvolles wie systemkritisches Verhältnis.

Tue Greenforts Video „Horseshoe Crab, Companion Species YOUTUBE Series I“ (2013/ 2017) porträtiert die Beziehungen, die der Mensch zu dem Pfeilschwanzkrebs, dem ältesten Lebewesen der Welt pflegt. Anhand vorgefundenen Filmmaterials macht Tue Greenfort deutlich, wie Menschen dieses „lebende Fossil“ für ihre Zwecke instrumentalisieren. Als Touristenattraktion muss der Pfeilschwanzkrebs ebenso herhalten wie als Motiv für chinesische Malerei. Vor allem aber wird er heute als Spender seines blau­farbenen Blutes genutzt, das die Pharmaindustrie gewinnbringend vermarktet: Es dient dazu, Keime nachzuweisen. Die Verwertung seines Blutes ist vor allem der Grund dafür, dass der Gliederfüßer immer noch nicht unter Artenschutz steht.

Die 23 Exponate formulieren ihre politische Botschaft meist unmissverständlich und dringlich, verzichten dabei aber nicht auf formal anspruchsvolle Ästhetiken. Unbedingt hingehen. 

Bis 10.6.: Kunstraum Kreuzberg, Mariannen­platz 2, Mo–So 11–20 Uhr, Eintritt frei