Kulturpolitik

Kunst Macht Arbeit

Künstler gelten als Einzelgänger. In Berlin ­aber kämpfen sie kollegial und erzielen einen völlig neuen kulturpolitischen Erfolg

Wenn die Berliner Abgeordneten Mitte Dezember den neuen Haushalt verabschieden, können Künstler höchstwahrscheinlich ihr Wunder erleben. Nicht nur ist der Etat für Kultur gewachsen, sogar der Anteil für die freie Kunst soll um bis zu 560.000 Euro steigen. Peanuts eigentlich, doch mit diesem Geld lässt sich die Zahl jährlich ausgelobter Arbeitsstipendien verfünffachen. Zu bisher 15 Fördereinheiten à 12.000 Euro kämen bis zu 80 Stipendien à 7.000 Euro – auf geschätzte 7.000 Berliner Künstler. Das hat es noch nicht gegeben. Gut unterrichtete Kreise nennen den 26. November, an dem Vertreter der freien Szene mit Kulturstaatssekretär Tim Renner um die Details rangen, einen „historischen Tag“.
Bemerkenswert ist die Neuerung auch aus anderen Gründen. Künstler gelten in der politischen Debatte als Pioniere des flexiblen Arbeitens, als freiwillig Prekäre im eigenen Auftrag, bestens ausgebildet und hoch mobil, die weiterziehen, wenn ihnen die Arbeitsbedingungen vor Ort nicht mehr passen. Doch offensichtlich sind Künstler nicht so nomadisch, wie ihr Ruf suggeriert: Trotz Raumknappheit und steigender Preise wollen sie in Berlin bleiben. Statt fortzuziehen, hat sich eine meinungsbildende Avantgarde für die politische Arbeit entschieden, für den Gang durch die Institutionen, durch Netzwerke, Verbände, Verwaltung und Parlament. Auf ihrem Weg haben sie das Bild vom genialen Künstler, der gern Not leidet, durch das von einem  künstlerisch Berufstätigen ersetzt, der seine Interessen selbstbewusst vertritt.

 

Sabine Reinfeld und Ulf Aminde
Foto: Sophie Trenka-Dalton/AG ZEIT + INSISTERE (Sabine Reinfeld/Ulf Aminde)

Die viel beachteten Protest-Performances von Sabine Reinfeld und Ulf Aminde (Foto) waren dabei nur die jüngsten Aktionen. Reinfeld und Aminde verkörperten in Kostümen virtueller Kunstfiguren, sogenannter „Avatare“, die Forderung nach „Zeit­stipendien“, einer temporären Unterstützung, die kein Endprodukt hervorbringen muss, sondern Künstlern kreative Zeit frei von Brotjobs gibt. Das Duo trat etwa im Abgeordnetenhaus und vor einer Kunstmesse auf. In den lokalen Performances sieht der international tätige Aminde eine künstlerische Recherche: Er wolle wissen, sagt er, ob sich unter Künstlern „Kollektivität herstellen lasse“.
Doch, lässt sich. Der „Avatar“-Reihe gingen sieben Jahre voraus, in denen sich ein Netzwerk für Projekträume und Künstlerinitiativen gründete und der Protest gegen die Großausstellung „Based in Berlin“ kunstpolitische Manifeste hervorbrachte. Jahre, in denen Absprachen mit Tänzern und Theaterleuten  Kokurrenz um den Kulturhaushalt verhinderten, in denen Runde Tische mit Stadtplanern den Künstlern auch bei Finanzpolitikern und Stadtentwicklern Gehör verschaffte.
Die Erfolge decken sich nicht immer mit den  Forderungen der Basis, doch sie lassen sich sehen. Die Atelierförderung wurde aufgestockt. Es gibt einen Geldpreis für Projekträume. Die kulturelle Nutzung von landeseigenen Liegenschaften ist Konsens, wenn auch noch selten Praxis. In Ausstellungen von Land und Bezirken sollen Künstler Honorare erhalten. Und da Abgeordnete hinter den Zeitstipendien ein Bedingungsloses Grundeinkommen versteckt wähnten, ist daraus das Mehr an projektgebundenen Stipendien geworden.
Doch die Künstler wären wohl nicht so lang aktiv geblieben, hätte nicht ein Apparat alter Schule mitgewirkt: der Berufsverband Bildender Künstler Berlin mit seinen Kontakten, Büros und bezahltem Personal. Seine Stabilitiät hat verhindert, dass geschieht, was kreativen Selbstständigen oft passiert: dass ihnen viele kleine, schlecht bezahlte Honorarprojekte die Zeit für politisches Engagement rauben, und dass die Angst, Auftraggeber zu verlieren, Protest verhindert lähmt. Es könnte also sein, dass Künstler in Wirklichkeit nicht Pioniere der kreativen Klasse, sondern eines kreativen Klassenkampfes sind. Noch nicht ganz so weit, aber am Start sind Filmschaffende, Dozenten und Musiklehrer, die unter prekären Bedingungen in der Industrie oder Institutionen der öffentlichen Hand arbeiten.
Die Herausforderung für die Berliner Künstler aber besteht darin, die neue Kollegia­lität auch nach Verabschiedung des Haushaltes zu pflegen. Es gibt ja noch genug zu tun.

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