Berliner Museen

Es lebe der Tintenfisch

Wenn das Museum für Naturkunde jetzt den Abschluss seiner Reihe „ Kunst Natur “ zeigt, ist das nur der Auftakt einer Kampagne für Größeres

Der Direktor wirkt oft ungeduldig. Im vergangenen Herbst etwa in den ­Museen Dahlem, als es auf einem vornehmlich mit Ethnologen besetzten Podium um das Humboldt-Forum ging. Johannes Vogel, Chef des Museums für Naturkunde, das an der Humboldt-Box am Schloßplatz mitgewirkt hatte, sagte lange nichts, bis es aus ihm herausbrach: Er könne den Mangel an Provenienzforschung und Digitalisierung, wie er hier debattiert werde, nicht nachvollziehen. In seinem Museum sei die Herkunft der Objekte aufgearbeitet, in den nächsten zehn Jahren solle alles frei im Netz zu sehen sein. Das werde 370 Millionen Euro kosten: „Wir ­haben in einem reichen Land wie Deutschland die Verantwortung und die Infastruktur, Sammlungen öffentlich und wissenschaftlich nutzbar zu machen.“

 

Foto: Hwaja Götz, MfN
„Gesammelte Sammler“ von Mark Dion, Teilansicht der Installation im Suarierraum. Foto: Hwaja Götz, MfN

Der Botaniker Vogel denkt groß, nicht in Jahrhunderten wie Kunsthistoriker, sondern in Jahrmillionen. Zeitdruck spürt er offenbar trotzdem, vor allem wegen der dramatischen Zuspitzung des Klimawandels und dem Artensterben vor den Toren der Städte. Deshalb soll sich sein Museum, das mit seiner großen Forschungsabteilung in der internationalen Spitzenliga der Naturkundemuseeen spielt, in eine Instanz im Kampf für Natur und Klima verwandeln.

Die neuen Plakate, die jetzt an Berliner Litfaßsäulen hängen (Motto: „für Natur“), sind nur äußeres Zeichen dafür, dass sich in dem Museum etwas ändert. Hinter den Kulissen tagten im Januar Direktoren und Direktorinnen der zwölf größten Naturkundemuseen (etwa in Wien, London, New York), um sich über Erfahrungen auszutauschen und Kooperationen zu beraten – „insbesondere zu den Kernthemen Biodiversität und Biodiversitätsverlust“, wie Pressesprecherin Gesine Steiner mitteilt. Die Treffen sollen fortgesetzt und ihre ­Ergebnisse Ende 2018 veröffentlicht werden.

 

Die künstlerischen Interventionen der Reihe „Kunst Natur“, ­deren vierter und letzter Teil kurz nach diesem Treffen begonnen haben, wirken im Vergleich bescheiden. Doch sie lassen ahnen, wohin das Museum steuern könnte, sollen doch die Ergebnisse evaluiert werden und gegebenenfalls in die Umgestaltung der Dauerausstellung einfließen, die die laufende Sanierung des Hauses begleitet. Dazu zählt etwa eine historische Sicht auf die Wissenschaften im Haus: ­Assaf Gruber hat einen Film gedreht, der auch von einer Forschungsreise aus dem Museum zu DDR-Zeiten nach Kuba erzählt. Die Expedition mündete im Abbau eines zehn Meter langen Korallenriffs, das nach Ost-Berlin verschifft wurde. Und Mark Dion zeigt bei den Sauriern Werkzeuge von Botanikern und Biologen auf Feldforschung. So wird Wissenschaft transparenter.

Um Besucherzahlen geht es bei „Kunst ­Natur“ nicht wirklich. Das hat das Museum seit der Ankungt der Knochen des Tyran­nosaurus „Tristan“ 2015 nicht nötig, längst schlägt es in der Statistik das Pergamonmuseum. Vielmehr steht hinter der neuen Kampagne ernste ­Sorge um die Natur. Passenderweise handelt die Mikrooper, die der britische Dramatiker Mark ­Ravenhill und die Berliner Komponistin ­Ulrike ­Haage beisteuern, nicht von Verrat, Liebe und anderen menschlichen Tragödien, sondern von ­einem winzigen Tiefseetintenfisch. Die Zeit, in der Menschen meinten, auf Kleinlebe­wesen herabsehen zu können, ist abge­laufen. 

Bis 29.4.: Museum für Naturkunde, Invalidenstr. 43, Di–Fr 9.30–18, Sa/So 10–18 Uhr, ­Erwachsene 8€. Mikrooper: 26.2., 5.3., Vorbestellung: mfn-berlin.de, Eintritt frei

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