Zwischen den Jahren

Kunst über die Feiertage: Gesichter der Moderne

Zum Jahresende warten Berliner Museen mit neuen Aspekten bei den Klassikern auf – und einem in Deutschland noch unbekannten Namen

Wenn George Grosz, Max Beckmann und Otto Mueller in einem Haus gelebt hätten, dann wäre Grosz ins Erdgeschoss neben seine Stammkneipe gezogen, Beckmann hätte im Frack in der Beletage, dem ersten Stock, empfangen, während der Freigeist Mueller unterm Dach gewohnt hätte, nicht ahnend, dass künftig auch Frauen, die noch nicht einmal mit Farbe und Pinsel arbeiten, das Haus beziehen würden.

© Maria Austria / Maria Austria Instituut
Maria Austria, Selbstportrait mit Mannequins, Amsterdam 1958 © Maria Austria / Maria Austria Instituut

Die drei Maler der Moderne, denen großer Museen jetzt Einzelschauen widmen, verbindet die Zeit in einem Berlin des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. In der Kunst trennte man sich vom Alten, wurde Sezessionist*in, malte abstrakt und expressionistisch, schloss sich Bewegungen wie Dada oder der Brücke an. Der Erste Weltkrieg brachte die Erschütterung, der Frieden demokratische Mitbestimmung, das Frauenwahlrecht und Pressefreiheit. Es herrschte Armut und Wohnungsnot, aber man tanzte, während sich die NSDAP in den preußischen Landtag schlich. Die Nationalsozialisten erklärten die Kunst der drei Maler bald für entartet. Was folgte, blieb Otto Mueller erspart. Er starb 1930.

Oben Frack, unten Keilerei

Wäre die Ausstellung „Maler. Mentor. Magier. Otto Mueller und sein Netzwerk in Breslau“ eine Feier in besagter Dachgeschosswohnung, dann wäre sie eine Riesensause. Kuratorin Dagmar Schmengler hat im Hamburger Bahnhof um 28 Arbeiten aus der Hand Muellers rund 150 Exponate aus seinem Breslauer Künstlerzirkel geschart, darunter Skulpturen und Grafiken. Oskar Schlemmer hatte den ehemaligen Brücke-Maler und Expressionisten 1919 an die dortige Akademie für Kunst und Kunsthandwerk gerufen. Muellers unkonventioneller Unterricht erfreute sich großer Beliebtheit und seine Technik, in Leimfarbe auf Rupfen zu malen, die Nachahmer. Schmengler hat die Werke so arran­giert, dass sie einen interessanten Austausch ermöglichen: über Inspiration, Magie, jüdische Lebenswelten und polnischen Expressionismus. Die Gäste wären spät gegangen, unsicher, ob sie den Gastgeber gegrüßt ­haben.

© Von der Heydt-Museum Wuppertal / Foto: Antje Zeis-Loi, Medienzentrum Wuppertal
Otto Mueller Selbstbildnis mit Pentagramm, um 1924 Leimfarbe auf Rupfen, 120 x 75,5 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal © Von der Heydt-Museum Wuppertal / Foto: Antje Zeis-Loi, Medienzentrum Wuppertal

Im ersten Stock des gedachten Hauses ist es Kurator Andreas Schalhorn vom Kupferstichkabinett, der die Tür zum Salon bei Beckmann öffnet. Den Hausherrn hat er in der Mitte des Saals platziert. Um ihn herum: sein Leben in knapp 50 chronologisch gehangenen Zeichnungen und Druckgrafiken sowie zwei Gemälden. Die Nationalsozialisten trieben Beckmann 1937 ins Exil. Er verkaufte weiter aus seinem Amsterdamer Atelier, unter anderem an den Kunsthistoriker Erhard Göpel, der im NS-Kunstraub „Sonderauftrag Linz“ aktiv war. Der Abend, beziehungsweise die Ausstellung „Max Beckmann. Das Vermächtnis Barbara Göpel“ im Kupferstichkabinett ist angemessen steif. Nur hie und da blitzt ein scharfer Witz oder eine Brust auf, sonst drehen sich die wichtigen Gespräche um Provenienzforschung.

Vorbildliche Ausstellung

Doch in der Kneipe unten wäre sicher wieder eine Keilerei im Gange und George Grosz mit Bleistift und Heft mittenmang. Der politisch-satirische Künstler dokumentierte in seinen Grafiken und Karikaturen das sich meuchelnde und prügelnde Volk und Obrigkeiten seiner Zeit. Dass der Vertreter der Neuen Sachlichkeit seine Anfänge in zarten Jugendstil-Tuschezeichnungen nahm und später die Grauen des Zweiten Weltkriegs in Gemälden vorwegnahm, offenbart die vorbildliche Ausstellung „George Grosz in Berlin“ im Bröhan-Museum. Die über 200 Werke, darunter Plakate, groteske Marionetten und gewitzte Fotoaufnahmen von seiner Flucht in die USA, sollen einen Anstoß für ein Grosz-Museum geben: Sie werden teils erstmals öffentlich präsentiert. Eine Spelunke mit den Kurator*innen Inga Remmers, Tobias Hoffmann und Gastkurator Ralph ­Jentsch am Tresen wäre eher in Grosz’ ­Sinne.

In den 60er-Jahren sind alle alten Herren tot und die Wohnungen frei für junge Künstler*innen und ein neues Medium. Es ist die Zeit, in der Student*innen revoltieren, man und frau erneut alte Lebensformen wie Wände einreißt und nicht nur aus der Wohnungsnot heraus die ersten WGs gründet. In eins der leeren Zimmer zieht die österreichisch-holländische Jüdin Maria Austria. In den Niederlanden ist sie bereits bekannt, für ihre wohlkomponierten Fotografien von Diven wie Maria Callas und dem Experimentaltheater, berührenden Aufnahmen im Stil des Neorealismus sowie vom Versteck der Familie von Anne Frank. Eine Ausstellung im Verborgenen Museum mit rund 100 ihrer Fotografien und eindrücklichen Zeitdokumenten ist für die Kuratorin Marion Beckers der Schlüssel zum Einzug ins Berliner Gedächtnis.

Feiertagsservice
Otto Mueller
Bis 3.3.: Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di, Mi, Fri 10–18, Do bis 20, Sa/So 11–18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. + Do ab 16 Uhr frei, 25./26.12. 11–18 Uhr, 1.1. 12–18 Uhr, 24.+31.12. geschl.

Max Beckmann
Bis 13.1.: Kulturforum, Matthaikirchplatz, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa–So 11–18 Uhr, ab 6 €, bis 18 J. frei, 25./26.12. 11–18 Uhr, 1.1. 12–18 Uhr, 24+31.12. geschl.

George Grosz
Bis 6.1.: Bröhan-Museum, Schloßstr. 1a, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, 8/ 5 €, 1.1. 12–20 Uhr, 2.–6.1. bis 20 Uhr, 24.+31.12. geschl.

Maria Austria
3.1.–10.3.: Das Verborgene Museum, Schlüterstr. 70, Charlottenburg, Do–Fr 15–19, Sa–So 12–16 Uhr, 3/ 1,50 €, wieder ab 3.1.

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