Kunstbücher

Von allen Seiten: Letzte Bücher vor dem Fest

So viele so schöne Kunstbücher: Am liebsten würde man alle Neuerscheinungen ansehen. Das klappt natürlich nicht. Wir haben daher einige, die ­besonders gut zu Berlin passen, für Sie probegelesen

Foto: Sarah Bergmann/ Zitty
Foto: Sarah Bergmann/ Zitty

Uckermark
Ulrich Wüst: Randlage. Die Gemeinde Nordwestuckermark

Foto: Sarah Bergmann/ Zitty
Foto: Sarah Bergmann/ Zitty

In den Fotografien von ­Ulrich Wüst ist die Gemeinde Nordwestuckermark zweierlei: einmal eine Sommerlandschaft voller Signale, die Feriensehnsüchte ­wecken, wie der mit Entengrütze bewachsene Weiher. Und zugleich ein schnöder Siedlungsverbund, in dem ein „Landshop“ mit integrierter Post von Strukturbruch und Abwanderung zeugen. Doch immer hat die Nordwestuckermark Würde, auch dank des Schwarzweiß’, in dem der Berliner Fotokünstler seine Bilder zwischen 2014 und 2019 aufnahm. Und das ist die Kunst. Kunst ist auch der Essay von Saša Stanišić, den der diesjährige Buchpreisträger noch im Geist seines Romans „Vor dem Fest“ (2014) schrieb: Anhand der Äcker, Strommasten, Feldwege, die Wüst festhielt, entwirft er noch eine dritte Nordwestuckermark.

Edition Braus, Berlin 2019, 148 S., 115 S/W-Abb., 24,95 €

Kurztrip
Museum of Modern Art: MoMA Highlights

In diesem Jahr ist das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) erneut erweitert worden, auf Kosten des benachbarten Folk Art Museums. Zur Eröffnung mit dem Anbau im Oktober gibt es einen neuen deutschen Kurzführer durch das berühmte Museum, der wie die frisch gehängte Sammlung auch etliche Arbeiten Berliner Künstlerinnen enthält. So ist der 2014 verstorbene Berliner Fotograf Michael Schmidt mit seiner Mate­rialsammlung „EIN-HEIT“ (1996) vertreten. Das broschierte Buch stellt 375 Exponate übersichtlich vor – und 120 Künstlerinnen erstmalig. Die chronologische Ordnung, die berühmte Werke neben weniger bekannte setzt, ermöglicht es, Altes und Neues zu entdecken. Ein inspirierender Rundgang vom heimischen Sofa aus.

Schirmer/Mosel, München 2019, 408 S., 375 Abb., 29,80 €

Foto: Sarah Bergmann/ Zitty
Foto: Sarah Bergmann/ Zitty

Presse
Barbara Klemm: Zeiten Bilder


Am bekanntesten ­dürfte ihre Aufnahme des „Bruderkuss“ von Honecker und Breschnew sein, bekannt sind auch ihre Momente mit Willy Brandt, Bill Clinton, Thatcher, Schewardnadse, Mitterand, Kohl und Schröder, die sich ins Gedächtnis deutscher Zeitungsleser gebrannt haben: Die Pressefotografin Barbara Klemm ist 80 geworden. Die Tochter aus gutem Haus fotografierte lang für die „FAZ“ und nutzte ihre Möglichkeiten, um auch aus Gaza-Stadt und dem Südafrika der Apartheid zu berichten. Der Geburtstagsband (mit einem Vorwort von Norbert Lammert, heute Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung) enthält auch ­Fotos zu Kunst und Künstlern: von einem versonnenen Beuys beim Ausstellungsaufbau im Martin-Gropius-Bau 1982 über Andreas Slominski vor einem Ofen im Frankfurter Portikus 1996 bis zu ­einem ­Detail aus Natascha Sadr Haghi­ghians Beitrag zur diesjährigen Venedig-Biennale.

Schirmer/Mosel, München 2019, 288 S., 215 Abb., 49,80 €

Telefone
Wolfgang Ullrich: Selfies

Foto: Sarah Bergmann/ Zitty
Foto: Sarah Bergmann/ Zitty

Aus der Reihe ­„Digitale Bildkulturen“ des Berliner Wagenbach Verlags kommt ein Bändchen mit einem Essay von Wolfgang Ullrich. Der streitbare Kunstwissenschaftler betreut die ­Reihe selbst, gemeinsam mit der Kultur- und Medien­wissenschaftlerin Annekathrin ­Kohout, die hier ebenfalls bereits veröffentlicht hat. Na, Schwamm drüber. ­„Selfies“ bereitet, wie fast alle Schriften Ullrichs, Lesespaß: Hier richtet niemand über das Selfie als „Symbol des Kulturverfalls“ oder Ausdruck von Narzissmus, sondern interpretiert es als Ausdruck eines Wunsches nach Selbstrepräsentation. Gaben früher Maler und Porträtfotografen den Gutbetuchten ein Gesicht, kann das heute jeder und jede in Eigenregie. Mit ungeahnten Folgen für eine globale Mimik.

Wagenbach, Berlin 2019, Aufl., 80 S., 10 €

Fabriken
Richard Schneider: Berlin – Industrie und Technik in der Malerei

Richard Schneider, ehemals Journalist beim Sender Freies Berlin, gibt in seinem Kunstbildband einen Überblick über die Darstellung der Industrialisierung in Kunst aus Berlin und Potsdam bis 1929. Da gibt es Adolph Menzels Landschaftsbild mit der „Eisenbahn zwischen Berlin und Potsdam“ (1847) oder die nächtlichen Straßen im elektrischen Licht bei Lesser Ury (1925) und Max Beckmann (1913). Abbildungen und Schneiders kurze Bildinterpretationen vermitteln die Geschichte hinter dem Bild und machen Kunstgeschichte sichtbar: von gedämpften Farben und klaren Formen des Naturalismus über den kontrastreichen Expressionismus zu den erneut zurückgenommenen Farben und Formen der Neuen Sachlichkeit. Erstaunlich bleibt, dass Schneiders Auswahl nur selten jene Menschen zeigt, die die Arbeit in den Fabriken verrichteten und sich in Verbänden und Parteien organisierten.

Lukas Verlag, Berlin 2019, 117 S., 24,90 €

Kolonien
Bénédicte Savoy: Museen

Foto: Sarah Bergmann/ Zitty
Foto: Sarah Bergmann/ Zitty

Die Berliner Kunsthistorikerin, die gemeinsam mit David Blankenstein die aktuelle Ausstellung über die Brüder Humboldt im Deutschen Historischen Museen verantwortet, hat ihre Kölner Vorlesung bei der Greven Stiftung als attraktives Lesebändchen veröffentlicht. Savoy erläutert, wie der Beginn ­einer Restitutionspolitik aus den 70er-Jahren in den Schubladen von Politiker*innen verschwand und schildert Reaktionen auf ihren Austritt aus dem Beirat des Humboldt-­Forums. Dabei nutzt sie ein anthropologisches Must-Have: die Offenlegung ihres eigenen Standpunkts, hier dargeboten als Erinnerungen an eine Kindheit in Frankreich vor dem Fernseher. Kunstgeschichte, die Freude macht.

Greven Verlag, Köln 2019, 72 S., 13 Abb., 10 €

Mauern
Élisa Ganivet: Border Walls Aesthetics

Foto: Sarah Bergmann/ Zitty
Foto: Sarah Bergmann/ Zitty


Um Kunst an Grenzen geht es in Élisa Ganivets englischsprachigem Buch: um Kunst an der Grenze zwischen Israel und Palästina sowie der zwischen Mexiko und den USA, die die Kunsthistorikerin von einer Grenze des 20. Jahrhunderts unterscheidet, von der Berliner Mauer. Während ihre sehr skizzenhaften Erläuterungen der politischen Kontexte eher irritieren als informieren, bieten die Kunstbeispiele von Beuys bis Banksy greifbare Einblicke in das ­Thema. Und Berliner*innen finden neue oder halb vergessene Einsichten in Mauerkunst – etwa Barbara Noculaks Fotografien oder Aufnahmen von Ewa Partums Performances 1984. Angesichts vergleichsweiser kleiner Schwarzweiß-Abbildungen scheint sich der Preis von 80 Euro für das gebundene Buch allerdings ausschließlich an beruflich Interessierte zu richten. Alle einfach nur Neugierigen schreiben es besser auf den Wunschzettel.

Transcript, Bielefeld 2019, 250 S., 95 S/W-Abb., 79,99 €

Zeitung
Arts of The Working Class: The Wrong Amazon Is Burning

Aus Berlin kommt alle zwei Monate die mehrsprachige Zeitung „Arts of The Work­ing Class“ mit internationalen Texten zu Themen, die weh tun: Die Verquickung vom Kunstbetrieb mit Milliardären, die die Demokratie aushöhlen, Erschöpfung, Obdachlosigkeit, nur so zum Beispiel. Das klassische Zeitungslayout bietet Platz für künstlerische Zeichnungen und Fotos sowie grafische Extras wie im Foto auf dieser Seite oben links. Mehr als lesenswert.
8/2019, Berlin, ohne Seitenangabe. Im Straßenhandel 2,50 €, im Vertrieb 3,50 € z.B. über viceversaartbooks.com

Grenzstadt  
Bernard Larsson: Berlin | Berlin

„Eine Collage des Überlebens“ nennt Bernard Larsson, der 2016 im Berliner Museum für Foto­grafie ausstellte, das geteilte Berlin. Von Paris kommend, wo der ver­lorene Vietnam-Krieg und die Vorboten der Unabhängigkeit Algeriens das politische Klima bestimmten, pendelte der Foto­graf mit schwedischem Pass als eine Art neutraler Beobachter zwischen Ost und West. Und sah eine Stadt, in der Zeit und Zeitgeist eingefroren schienen: In seinen Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen sich die Zerstörungen des selbstverursachten Krieges in Stadt und Seelen auch noch zwischen 1961 und 1964, als die Aufnahmen entstanden. Helene Weigel steht mit offener Pelzjacke in einem ruinösen Hinterhof – gleichsam als ewige Mutter Courage.

Schirmer/ Mosel, München 2019, 268 S., 168 Abb., 49,80 €

Zeitschrift
vonhundert: #33 Freiheit

Foto: Sarah Bergmann/ Zitty
Foto: Sarah Bergmann/ Zitty

Ihr Charme besteht auch in ihrer Verweigerung von Tempo: Das Berliner Künstlermagazin „vonhundert“, 33 Ausgaben alt, erscheint derzeit etwa jedes halbe Jahr. Die Herbstausgabe zu 30 Jahren Mauerfall widmet sich dem ­Thema Freiheit und kommt dabei ganz ohne Mauerfall-Gedenken aus. Stattdessen geht es in der Zeitschrift, die von dem Künstler Andreas Koch und der Kunstwissenschaftlerin Barbara Buchmeier betreut wird, in unkonventionellen Formaten um Freiheit aus Sicht prekär arbeitender Künstler, auch in einem Interview mit dem aus Syrien geflohenen Filmkünstler Ammar al-Beik. Und Christoph Bannat nimmt sich die Freiheit, einen in seinen Augen gescheiterten Text zum Thema zu veröffentlichen, der die Rekons­truktionen kriegszerstörter Gebäude in Berlin und Palmyra klug miteinander ­verknüpft.


9/2019, Berlin, 62 S., ca. 5 €, Vertrieb über Kunstbuchhandlungen siehe:
www.vonhundert.de

Fotografen   
Norbert Bunge: Porträts

Der Berliner Fotograf hat einmal die Menschen hinter der Kamera vor die Kamera geholt. Ohne jeden Glamour versammelt er in seinem Buch analoge Schwarzweiß-Por­träts von Kollegen, unter ihnen der soeben im C/O Berlin ausgestellte, im Herbst 2019 verstorbene Robert Frank. Die Hände in den Hosentaschen schaut Frank fast ein wenig schüchtern Bunges Kamera entgegen. René Burri dagegen telefoniert entspannt mit den Beinen auf dem Tisch. In Berlin hat Bunge auch Künstler*innen und Bürgerrechtler*innen fotografiert. Auch bei Robert Havemann verliert man sich fast ein wenig in den ­Augen des Abgebildeten, die Geschichten zu erzählen scheinen.

Lehmstedt, Leipzig 2018, 128 S., 80 Abb., 25 €

Körper
Angelika Richter: Das Gesetz der Szene

Foto: Sarah Bergmann/ Zitty
Foto: Sarah Bergmann/ Zitty

Spannend, spannend, spannend, wie die Kunsthistorikerin Angelika Richter das Schaffen von fünf Künstlerinnen in der DDR in Beziehung setzt: zu Obrigkeit, zur verordneten sozialistischen Gleichberechtigung, zu den patriarchalischen Verhältnissen in der oppositionellen Bohème, hier „zweite Öffentlichkeit“ genannt – und zum männerdominierten deutsch-deutschen Kunststreit nach 1990. Leben und Werk von Karla Woisnitza, Gabriele Stötzer, Heike Stephan, Cornelia Schleime und Yana Milev dienen der Untersuchung als Fallbeispiele: von Schleimes „Bondage. Selbstinszenierung in Hüpstedt“ (Foto) bis Milevs Performances in Aspik. Und auch Eisblöcke waren schon damals, lang vor Kunstaktionen zum Klimawandel, ­Gegenstand von Kunst.

Transcript, Bielefeld 2019, 408 S., 108 Abb., 39,99 €

Texte: Amelie Pinar, Linus Rogsch, Claudia Wahjudi, Marlene Wessel