Bücher aus Berlin

Wir bauen eine Stadt

Erforschen, erinnern, erzählen: Die Suche nach dem nächstmöglichen Berlin führt durch dicke und dünne Bücher zu umstrittenen Themen

Die „gebrauchte Stadt“, das sind Orte, wie sie nicht auf den Gutwetterbildern der Archi­tektenbüros auftauchen, das ist Berlin mit seinen Narben und der maroden Infra­struktur. Die reich bebilderte Anthologie „Hiatus“ (Latein für Öffnung, Kluft),stellt Ideen für einen behutsamen Umgang mit verletzten Städten vor, sehr leserfreundlich etwa mit einem erläuterndem Spaziergang durch die Niederländische Botschaft und dem Versuch, Hermann Henselmanns „Haus des Kindes“ zu rehabilitieren (Hg: Ute Frank u.a., Birkhäuser, 299 S., 39,95 €).

© Tamara Dannenhauer
Neuerscheinungen zu Berliner Themen © Tamara Dannenhauer

Die missbrauchte Stadt, so könnte das Schlagwort für die wiederholte Folge von Bebauung und Abriss am Schloßplatz lauten. Sie spiegelt die vielen politischen Erwartungen an die Stadt in fünf politischen Systemen während nur eines Jahrhunderts. An den „Palast der Republik“, an dessen Stelle nun das Humboldt Forum steht, erinnert die Stiftung Humboldt Forum mit der luftig gestalteten Wiedergabe eines Gesprächs 2016 im Deutschen Historischen Museum: mit Statements auch von Zeitzeugen oder aber Kritikern des Palastabrisses wie dem Architekten Philipp Oswalt (kostenloser Download humboldtforum.com/mdo). Einblick in die Begeisterung für die Familie von Humboldt gibt unfreiwillig Ernst Osterkamps Bändchen „Caroline von Humboldt und die Kunst“. Der biografische Teil ist rasch gelesen, aufschlussreich sind die zitier­ten Briefe: fördern, sich erbauen und besitzen waren Motive der Kunstfreundin, mit denen sich heutige Fans der Familie offensichtlich identifizieren (Deutscher Kunstverlag, 88 S., 16,80 €).

Von der Welt lernen

Besitz von Kunst birgt Schwierigkeiten. Mit Kritik an mangelnder Provenienzforschung im Humboldt Forum sieht sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz konfrontiert – und nun auch mit Lynn Rothers „Kunst durch Kredit“. Akribisch schildert die New Yorker Provenienzforscherin, wie Kunstgegenstände während der NS-Zeit über eine Bankenrettung in die Bestände hiesiger Museen gelangten. Dennoch ist die Dissertation an der TU Berlin nicht nur für Experten interessant: Wie Rother Kunst- und Wirtschaftsgeschichte verbindet, regt dazu an, auch neuere Sammlungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten (de Gruyter, 491 S., 79,95 €).
Wie weit das Humboldt Forum vom Diskurs über Globalkulturen entfernt ist, machen das Haus der Kulturen der Welt (HKW) und die Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) immer wieder deutlich. Nun hat Hannah Jacobi vom HKW mit „Stimmen aus Teheran“ Gespräche mit Künstlern in Iran veröffentlicht. Vielleich gerade weil sie etwas leger lektoriert wurden, erlauben sie ungewöhnliche Nahsichten auf das dortige Kunstschaffen, etwa wenn sich Shahab Fotouhi angesichts einer seiner Arbeiten an die Repression unter Präsident Khatami erinnert (Edition Faust, 256 S., 38 €).

Begeisterung für die Dekolonisation und ein heiterer Zorn auf den westlichen Kunstbetrieb spricht aus dem Buch „I am built inside you“. Das hat das ifa gemeinsam mit dem von ihm geförderten Online-Magazin „Contemporary&“ herausgegeben. Wer das Buch nicht unter Neonlicht hält und sich so das Entziffern der metallicblauen Schrift auf Weiß erschwert, kann mit den kurzen und kurzweiligen Texte einen Perspektivwechsel von 180 Grad vollziehen. Vom globalen Süden aus betrachtet, wirken viele Ideen für Kultur im gebrauchten Berlin noch zu kurz gedacht – eine anregende Lektüre im Jackentaschenformat (Sternberg Press, 194 S., engl, 19 €).

 

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