Kunsthaus

Eine Brauerei voller Kunst

Ein Hauch von Tate Modern: In der alten Kindl-Brauerei hat das lang angekündigte Zentrum für zeit­genössische Kunst eröffnet – mitten im Neuköllner Rollbergkiez

Ein Hauch von Tate Modern: Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst. Foto: Jens Ziehe, Kindl-Zentrum

Ein Hauch von Tate Modern: Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst / Kindl–Centre for Contemporary Art. Foto: Jens Ziehe, Kindl-Zentrum

Auf einer Leinwand im 20 Meter hohen Kesselhaus zerfällt gerade das Olympiastadion in Echtzeit. Gras wächst, Feuchtigkeit nagt, bis das Gemäuer zu bröckeln beginnt, wird es wohl noch etwas dauern. Für seine Echtzeitprojektion hat der belgische Künstler David Claerbout das Berliner Olympiastadion digital nachgebaut und setzt es nun dem Verfall aus. Die Idee: Was würde passieren, wenn das Gebäude sich selbst überlassen wäre, wenn keine Menschen mehr da wären? Die Arbeit kommentiert Größenwahn und Allmachtfantasien der Nazi-­Architektur, lädt aber auch zum Träumen ein. Wie könnten unsere Städte in Hunderten von Jahren aussehen?

Auf dem Gelände der Kindl-Brauerei zerfällt derweil nichts. Ende Oktober, zwei Jahre später als geplant, ist das Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst, zu dem auch das Kesselhaus gehört, eröffnet worden. Im Maschinenhaus sind drei Ausstellungsetagen entstanden, im Sudhaus, in dem noch die alten Braukeessel zu sehen sind, entstand ein Café mit original restaurierten Treppengeländern und nostalgischem Charme. Doch wie passt das alles in den Rollbergberg­kiez, einem von steigenden Mietpreisen betroffenen sogenannten Problemkiez in Neukölln?

„Kulturelle Nutzung ist sicher ein Teil dieses Problems, aber die Frage ist auch: Was wäre die Alternative?“ fragt Andreas Fiedler, Kurator und künstlerischer Leiter des Hauses. Nur im Gespräch mit Nachbarn, dem Kiez und dem Bezirk könne sich das Kindl hier etablieren und akzeptiert werden. So kamen bei einem Vortrag über die Geschichte der Brauerei Menschen aus der Nachbarschaft, die hier gearbeitet hatten, als noch Bier gebraut wurde: „Und schon waren wir im Gespräch und haben uns darüber unterhalten, was eine Kunsthalle überhaupt ist“. Andreas Fiedler freut sich, das Gebäude ­einem öffentlichen kulturellen Zweck zuzuführen.

Rund 5.500 Quadratmeter misst das Zentrum, saniert wird – unter Auflagen des Denkmalschutzes – seit 2012. Ein Jahr zuvor kaufte das Schweizer Sammlerpaar Burkhard Varnholt und Salome Grisard den Komplex. Sie sehen sich hier als Förderer der Kunst, ihre  eigene Sammlung werden sie nicht zeigen.

Die obersten Etage zeigt ­einen Ausblick über Berlin, vom Fernsehturm bis tief in den Westen. Sehr weltstädtisch wirkt das, und wenn man vom U-Bahnhof „Rathaus Neukölln“ kommend auf die Türme des Gebäudes blickt, weht tatsächlich ein kleiner Hauch von „Tate Modern“ heran. Auf dem Hof wachsen Bäume. Nächstes Jahr soll hier ein Biergarten stehen und eine Treppe das Gelände zum Kiez hin öffnen.

Die Eintrittspreise sind mit fünf und drei Euro moderat, der Zugang zum Kesselhaus ist frei. Andreas Fiedler beobachtet, dass Menschen aus dem Kiez am Wochenende vorbeikommen, auf dem Sonntagsspaziergang ihre Kinderwägen durch das Kesselhaus schieben. Kontakt zu den Schulen in der Umgebung wurde bereits aufgenommen. „How long is now“ heißt die erste Gruppenausstellung, die Fiedler gemeinsam mit Valeska Schneider kuratierte, die Fragen von Zeitgenossenschaft und dem Eingreifen in die Gegenwart thematisiert, außerdem ist eine Werkschau des Berliner Künstler Eberhard Havekost zu sehen. ­Nebenan werden derweil weiter Wohnungen gebaut.

Bis 19.2.: Eberhard Havekost und „How Long Is Now?“. Bis 28.5.: David Claerbout. Kindl–Zentrum, Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi-So 12-18 Uhr, Eintritt 5 €/ erm. 3 € (Kesselhaus frei)

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