Starke Preisdifferenzen

Kunstpreise im Vergleich

Käthe Kollwitz oder Hannah Höch? Berlin Art oder Berliner Gaswerke? Kunstpreise sind zwar eine Frage des Geldes, vor allem aber Überzeugungssache, wie drei Ausstellungen zeigen

Als Corinne Wasmuht im Herbst erfuhr, dass sie mit dem Käthe-Kollwitz-Preis ausgezeichnet werden sollte, ­zögerte sie zunächst. „Ich kannte den Preis nicht. Außerdem war ich mir nicht sicher, dass ich genügend Arbeiten für eine Ausstellung habe, denn der Preis ist ja mit­ ­einer Werkschau verbunden“, sagt die 49-Jährige rückblickend. „Ich habe mir Bedenkzeit erbeten, doch dann haben meine Freunde gesagt, dass ich nicht richtig ­ticke.“
Die Malerin, die mit ihren großformatigen, aus vielen Bildschichten aufgebauten Kompositionen Kritiker, Sammler und Kuratoren begeistert, hat dann nachgeschlagen. Der Käthe-Kollwitz-Preis wird von der Akademie der Künste in Berlin als Würdigung des Gesamtwerks verliehen und ist mit 12.000 Euro dotiert. Zudem erhält die Gewinnerin eine Ausstellung mit Katalog an der Akademie. Der Kollwitz-Preis wurde noch von der ostdeutschen Akademie gegründet und nach der Vereinigung von der gesamtdeutschen Akademie übernommen. Zuletzt erhielten ihn Eran Schaerf und Douglas Gordon. „Das gefiel mir alles sehr“, sagt Wasmuht. „Außerdem hat sich die Akademie sehr flexibel gezeigt, was den Zeitpunkt der Ausstellung angeht, und so habe ich dann zugesagt.“
Während ihrer über 20-jährigen Laufbahn hat die Malerin schon viele Auszeichnungen erhalten, etwa den Ars-Viva-Preis vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft und den August-Macke-Preis des Hochsauerlandkreises. „Ich freue mich jedes Mal, denn offensichtlich gibt es Menschen, denen meine Bilder gefallen. Ein Preis ist ein Zeichen der Wertschätzung, und das macht mich schon stolz,“ sagt sie, „aber ich bin jedes Mal kalt überrascht worden.“ Neben Ehrungen, für die Kandidaten in mehrstufigen Verfahren nominiert werden, gibt es solche, über die Juroren entscheiden, ohne dass es die Künstler zuvor erfahren.
Preise sind fester Bestandteil des Kunstbetriebs. In Deutschland gibt es laut der Datenbank der Kölner Agentur ARCult Media 890 Kunstpreise, von Förderpreisen für Studenten bis zu hochdotierten Auszeichnungen für das Gesamtwerk. Übertroffen wird die Zahl nur von den 1.200 Auszeichnungen für Schriftsteller. Die Stifter wollen Kunst und Künstler fördern und zugleich für sich werben. Kunstpreise werden von Städten, Landkreisen und Bundesländern, Unternehmen, Stiftungen und Kulturhäusern wie der Akademie der Künste ausgelobt. Und inzwischen sogar von Künstlern selbst: Der Berlin Art Prize ist soeben zum zweiten Mal vergeben worden, die 30 Nominierten stellen im Kreuzberger Kühlhaus aus. Den Preis haben 2012 zwei Künstler und zwei Journalistinnen ins Leben gerufen – aus einer Sektlaune, wie sich Mitbegründerin Sophie Jung erinnert. „Wir wollten genau das vermeiden, was wir bei anderen Kunstpreisen bemängeln. Vor allem, dass immer wieder dieselben Leute ausgezeichnet werden und dass viele Jurys sich an großen Namen orientieren, um auf der sicheren Seite zu sein“, sagt Jung. „Unser Preis sollte offen für alle Interessierten und daher völlig anonym sein.“

Ausstieg eines Stromkonzerns

Alle eingesandten Arbeiten wurden ohne Namensnennung von der Jury begutachtet. In die engere Auswahl kamen die 30 Teilnehmer, die jetzt im Kühlhaus ausstellen.  Die drei Gewinner, Ulu Braun, Des Ptohograhpies (sic!) und Okka-Esther Hungerbühler, erhalten ein kleines Preisgeld und einen vierwöchigen Auslands­aufenthalt, dieses Mal in Tiflis, wo sie an einer Schau teilnehmen können, die das Goethe-Institut arrangiert. „Mich hat angesprochen, dass der Preis anonym ist“, sagt der Künstler Benjamin de Burca, der sich einer Foto­arbeit über vergessene Kunst am Bau in Recife beworben hat. Auch wenn er nicht gewonnen hat, freut er sich über die Nominierung: Rund 1.200 Berliner Künstler haben Arbeiten eingereicht.
„Preise sind offensichtlich sehr beliebt bei Künstlern“, sagt Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie, eines Museums, das oft Ausstellungen zu Kunstpreisen zeigt. „Sie bekommen hier eine Auszeichnung und Anerkennung, die sie wie alle Menschen benötigen, aber oft nicht erhalten.“ In Köhlers Museum sind derzeit die interaktiven Roboter und Lautsprecherwände von Nik Nowak zu sehen. Die Soundinstallation geht auf den Gasag-Kunstpreis zurück, den Nowak 2014 erhalten hat. Der Berliner Gasversorger hat den Titel zum dritten Mal mit der Berlinischen Galerie verliehen. „Wir haben den Preis gemeinsam neu konzipiert“, sagt Köhler. „Und für mich ist das der Idealfall eines Unternehmerpreises: Eine Firma entscheidet sich für eine Institution und richtet den Preis so aus, dass er zu der Firma und auch zu der Institution passt.“
Doch mit Firmen kann es auch schlecht laufen. Das hat Köhler kürzlich mit dem Kunstpreis des Stromkonzerns Vattenfall erfahren müssen, der ebenfalls mit einer Ausstellung in dem Museum verknüpft war. Vor dem Hintergrund der Einsparungen bei Vattenfall haben Firma und Museum nun den Preis sang- und klanglos sterben lassen. Zuvor war er in die Diskussion geraten: Vattenfall, Betreiber von Atom- und Braunkohlekraftwerken sowie potenzieller Milliardenkläger gegen die Bundesrepublik, hatte in der Kunstszene Glaubwürdigkeit eingebüßt. „Wir müssen schon zusammenpassen“, sagt Direktor Köhler. „In Berlin wird sehr genau hingeschaut, und außerdem müssen wir als Museum unser Profil bewahren können.“
„Für mich ist wichtig, dass in der Jury vertrauenswürdige Leute sitzen“, sagt die ­Malerin Corinne Wasmuht. „Mit der Ausstellung gehen die Stifter ja ein Risiko ein, denn sie kann floppen. Und dieses Risiko möchten sie mit meinen Arbeiten eingehen – das ist wirklich eine Anerkennung.“ Die Ausstellung zur Preisverleihung sei daher immer wichtiger als das Geld.

 

Kunstpreise:

Höchst dotierter Kunstpreis der Welt
Praemium Imperiale der Japan Art Association: 106.000 Euro (15 Mio. Yen)

Höchst dotierter Kunstpreis in Deutschland
Kunstpreis der Landeshauptstadt Düsseldorf:  55.000 Euro

Berliner Kunstpreise (Auswahl)
Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin: 25.000 Euro, Ausstellung mit Katalog

Großer Berliner Kunstpreis des Landes Berlin: 15.000 Euro, vergeben im Wechsel in den Sparten Kunst, Architektur, Musik u. a.

Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste: 12.000 Euro plus Ausstellung

Gasag-Kunstpreis: 10.000 Euro plus Ausstellung in der Berlinischen Galerie

Berlin Art Prize: kleines Preisgeld, Ausstellung, ­Katalog, Auslandsaufenthalt mit Ausstellung

Preis der Nationalgalerie für junge Kunst: seit 2013 kein Preisgeld mehr, kuratierte Einzelausstellung in einem der Häuser der Nationalgalerie

Zum Vergleich

Arbeitsstipendium des Berliner Senats: 12.000 Euro/Jahr plus Gruppenausstellung
Bruttojahresverdienst : 70 % der Berliner Künstler verdienen 12.000 Euro oder weniger


Käthe-Kollwitz-Preis: 4.7.-10.8., Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, ­S Bellevue, Di-So 11-19 Uhr, Eintritt frei
Berlin Art Prize: bis 28.6., Kühlhaus, Lucken­­walder Str. 3, Kreuzberg, U Gleisdreieck, Di-Sa 13-19 Uhr
Gasag-Kunstpreis: bis 30.6., Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, U Moritzplatz, Mi-Mo 10-18 Uhr