»Bei uns regiert die Gier«

Kurt Jotter vom „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“ ist wieder da

Er verteilte Passierscheine für Kreuzberg, versenkte den alten Bush im Rhein. Sein „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“ gründete er 1987. Dann verstummte die Protestgruppe. Jetzt ist Kurt Jotter wieder da. Und kämpft gegen Mietenwahnsinn

Herr Jotter, seit gut 40 Jahren protestieren Sie hauptberuflich als Büro für ungewöhnliche Maßnahmen (BfM), das Sie 1987 gemeinsam mit Barbara Petersen gegründet haben. Gibt es Unterschiede zu früher?
Ja. Sicher. Ich war schockiert, als ich in Berlin wieder eingestiegen bin und gemerkt habe, wie wenige aktiv sind. Früher haben wir mit den meisten Initiativen zusammengearbeitet und Aktionen mit Tausenden Mitwirkenden und Zigtausend Zuschauern gemacht – wie die B-750-Parade als Spaßdemo gegen die Berliner 750-Jahr-Feier. Es gab ja viele Highlights, an die denkt man ewig. Wie der Mauerbau auf der Kottbusser Brücke, der „Anti-Kreuzberger-Schutzwall“, als Reaktion auf die Abriegelung Kreuzbergs. Die hatte Innensenator Kewenig, CDU, zum Besuch Reagans angeordnet. Es gab Passierscheine für alle, die rein oder raus wollten.

1987, Handzettel zur B-750 Parade / Büro für ungewöhnliche Maßnahmen, Berlin
By Kurt Jotter (Kurt Jotter) CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

Ende der 90er wurde es still um das Büro. 2013 begannen Sie, es zu reaktivieren. Haben Sie eine Protestpause eingelegt?
Nein, nie. In regelmäßigen Abständen habe ich spektakuläre Aktionen gemacht. 2001 habe ich anlässlich des Klimagipfels in Bonn ein Bild von Bush im Rhein versenkt und zum Golfkrieg ein riesiges Bush-Kriegs-Filmplakat vor die Berlinale gestellt. Aber ich musste mir ja auch eine Existenz aufbauen. Deswegen habe ich in Brandenburg im Bereich erneuerbare Energien gearbeitet. Das haben dann Merkel und Rösler (der damalige Wirtschaftsminister, FDP, Anm. d. Red.) durch die Zerschlagung der Solar-Förderung und der Agrarflächen-Nutzung zerstört. Seit 2013 habe ich mich nach einer Plakatausstellung in Berlin wieder der BUM-Leidenschaft verschrieben. Diese Absicht hat immer schon bestanden.

Als Aktionskünstler bewegen Sie sich öfter am Rande der Legalität. Wird Ihnen dabei manchmal auch etwas mulmig zumute?
In Salzburg wurde ich festgenommen, als ich Jörg Haider mit blauem FPÖ-Schal, braunem Mantel und einem Hakenkreuz vor dem Genitalbereich als Exhibitionist karikierte. Man brachte mich zur zentralen Wache. Alles wurde immer voller mit Polizisten und Angestellten. Das war mir nicht geheuer. Dann fragten sie mich: „Herr Jotter, können Sie das nochmal zeigen?“ Ich machte meinen Mantel auf und alle schrien vor Lachen. Eine Anzeige hat’s trotzdem gegeben.

Gibt es eine Aktion aus der neueren Zeit des Büros, die da rankommt?
Mein Comeback in Berlin. Da habe ich mit Merkel-Maske eine Demo für erneuerbare Energien angeführt, mit einem Schild mit der Anti-Atomkraftsonne und Merkels Kopf drauf, auf dem stand: „Keine Sonne strahlt wie ich.“ Dann stieg ich auf einen Betonklotz. Alle kamen auf mich zu. Tausende. Das war eines der erhebendsten Gefühle, wenn du da stehst und durch kleine Augenschlitze siehst, wie die Leute sich reihenweise biegen vor Lachen.

Welche Bedeutung haben das Lachen und die Satire bei Ihrer Arbeit?
Seit meiner Kindheit war es mein besonderer Wunsch, Menschen zum Lachen zu bringen. Sie werden dadurch entspannter und liebenswerter. „Kann denn Lachen Sünde sein …“, war einer unserer Slogans. Und: „Das Lachen im Halse“ – das bezeichnet seine tragikomische Brechung als Bewusstseins-Kick. Lachen hat auch immer etwas Erhabenes, wenn man – nach Dario Fo – über seine Beherrscher lacht. Aber auch Provokation ist wichtig. Manchmal muss man die Sachen in Bildern und zugespitzter sagen, damit die Leute anfangen, nachzudenken.

In letzter Zeit  treibt Sie hauptsächlich das Thema Mieten um. Sind Sie selbst Mieter?
Ich bin zuhause in der ehemals besetzten Fabrik „Kerngehäuse“, wo ich mich von Anfang an für die Besetzung engagiert habe. Damals war ich in der der FDGÖ (Foto, Design, Grafik, Öffentlichkeitsarbeit) aktiv. Hier haben wir Plakate gestaltet und Aktionen geplant. Das Kerngehäuse war für uns ein Aufbruch und ein Zeichen, dass die Alternativbewegung bei den besetzten Häusern dazu gehört. Insgesamt ging es ja um neue Lebens- und Arbeitsformen.

Protestaktion des Büros gegen Wärmedämmung: „Mein Frust ist systemischer Natur“
Foto: Matthias Coers www.zweischritte.berlin

 

Kurt Jotter Jahrgang 1950, Aktions-, Konzept- und Multi-Media-Künstler, gründete 1988 mit der 2014 verstorbenen Barbara Petersen das Büro für ungewöhnliche Maßnahmen
Foto: Matthias Coers www.zweischnitte.berlin

Warum hat es Ihnen in den letzten Jahren gerade das Thema Mieten angetan?
In Berlin war das immer eines meiner Hauptthemen, schon bei der ersten Plakat-Serie. Als „Dritte Haut des Menschen“ bleibt es der größte Ungerechtigkeitsfaktor. Nicht jeder kann ein eigenes Haus bauen, aber er braucht ein Dach über dem Kopf. Diese Notsituation wird immer mehr ausgenutzt. Hinzu kommt eine riesige Spekulationswelle – auch aus dem Ausland, die unsere Stadt in ein Jagdgebiet für Traumrenditen verwandelt. Die Menschen verarmen, werden entmietet und vertrieben.

Also wenden Sie sich an die Hausbesitzer?
Nur bedingt. Aber mehr an die Medien, die Bezirke, den Senat und an den Bundestag, die Gesetzgeber.

Mit Erfolg?
Teils – teils: In einem CDU-Bezirk rennt man sich den Kopf an dieser Wand ein. Selbst in SPD-Bezirken werden die Möglichkeiten der Einflussnahme viel zu wenig genutzt. Milieu-schutz ist für die meisten ein Fremdwort. Auch im Bundeswahlkampf hat die SPD das Thema sehr gemieden. Ein Lichtblick aber sind der grüne Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt, der konsequent alle bezirklichen Instrumente gegen Wuchermieten nutzt – und die Medien, die als öffentliches Gewissen über alles berichten.

Vor den Sondierungsgesprächen von CDU und SPD haben Sie den Bundestagsabgeordneten und der Parteispitze der SPD deshalb einige Rundmails geschrieben. Was erwarten Sie von der SPD?
In jedem Fall mehr, als bei den jetzigen Sondierungs-Ergebnissen immerhin schon erreicht worden ist. Ich denke, alle Interventionen bleiben für die Mieter wichtig. Es bleiben auch wichtige Türen offen – aber die CDU hat gewiefte Chef-Lobbyisten, die alles unterlaufen und blockieren können, wie in der letzten Groko. Das heißt: nichts auf die lange Bank. Auch von außen weiterkämpfen und die Mietenskandale veröffentlichen. Gerade bei der Modernisierungsumlage!

Warum?
Weil das ein Zwangsgesetz für reinen Reibach ist. Vermieter entscheiden – Mieter blechen. Wer am meisten Kosten verursacht, kriegt am meisten Geld – schlimmer als im Mittelalter. Statt dem „Zehnten“ werden heute elf Prozent Mietaufschlag von hilflosen Menschen erpresst – bis ans Ende aller Tage! Jeder macht, was er will – ohne Kontrolle! Auch bei der energetischen Sanierung herrschen Chaos und  Willkür. Für die realen Effizienzen gibt es kaum Evaluierungen. Studien und Erfahrungen beweisen erhebliche Mängel – zum Teil sind sogar unsanierte und totalsanierte gleiche Hausteile im Ergebnis gleich geblieben.

Was hat das Büro da bisher unternommen?
Zum Beispiel ein Riesentransparent vor dem Bundestag mit der Schrift: „Entmietungszentrale Deutschland – DÄMMOKRATIE macht Mieter platt!“ Oder auch eine Aktion mit lebenden Menschen, gefangen in Dämmplatten. Ich arbeite ja mit sehr vielen Mietergruppen in unterschiedlichen Aktions-Zusammenhängen, die alle Aufmerksamkeit finden wollen.

Das ist fast schon Realpolitik. Funktioniert kreativer Widerstand bei Mieten nicht?

Natürlich auch – aber ich pflege ein ganzheitliches Konzept. Ich habe mal einen Aufkleber gemacht: „Lieber ein Universal-Dilletant als ein Fachidiot.“ Es gehört alles zusammen – alles zu seiner Zeit. Kunst und Politik ohne Rangordnung.

Sind Sie dabei manchmal auch frustriert?
„Manchmal“ ist gut! Aber mein Frust ist systemischer Natur. Es ist vieles schwer erträglich: Bei uns regiert die Gier, mittels einer neoliberalen Kanzlerin. Der sind die Spekulanten wichtiger als die Mieter. In Berlin probt Rot-Rot-Grün vergeblich neues Regieren. Ihr Chef ist erzkonservativ und ein Filz-Liebhaber, der dafür sogar Sozialmieter über die Klinge springen lässt. Und bei den Inis selbst entsteht kein großes Bündnis, weil bei jedem Versuch Alpha-Männchen kommen, die alles anführen wollen – und wo alles dann kaputtgeht …

Woher kommen Ihre Ideen? Sitzen Sie am Schreibtisch und denken sich Aktionen aus?
Das ist sehr unterschiedlich. Früher, im Team, haben wir Brainstorming gemacht. Da haben wir rumgesponnen und alles aufgeschrieben, was uns eingefallen ist. Allein nutze ich öfter die „Dösphase“. Morgens bin ich am kreativsten. Da steht man ein bisschen anders in der Realität, als wenn man schon richtig wach ist.

Was kam heute bei der „Dösphase“ heraus?
Ach ja – das war: Wann machen wir das nächste Treffen für alle, die beim Büro oder bei solchen Aktionen mitmachen wollen – und braucht man einen Aufhänger? Bitte meldet euch!