Westbams Club-ABC

L wie Linientreu

Es gibt Läden, die gibt es zu kurz, um Legende zu werden. Andere bestehen so lange, dass sie ihre eigene Legende zerstören. Das Linientreu an der Budapester Straße gehört in die zweite Kategorie. Denn für das Clubleben gilt: Bleib nicht zu lange. Das Ende des Ladens als Stätte für
Depeche-Mode-Revival-Partys war eher traurig, denn in den frühen 80ern war das „Treu“, wie es von seinen Anhängern genannt wurde, ein echtes Wave-Paradies.
Es legte dort DJ Norbert auf – ein Kult-DJ, der viele rare Tracks in der Plattenkiste, aber nur noch wenige Schneidezähne im Mund hatte. Vom Personal bekam Norbert stets ein ganzes Tablett mit vollen Biergläsern gereicht, die er in Windeseile plattmachte. Norbert spielte für verschiedene Fraktionen, die in ihren Ecken auf ihren Sound warteten. Da waren Psychobillys und New Romantics, ein paar Skins, ein paar Teds, ein paar New-Wave-Leute, die aussahen wie Robert Smith von The Cure und später „Gothics“ genannt wurden. Ähnlich wie John Peel spielte Norbert einen Allround-Mix von mehr oder weniger progressiver Tanzmusik der frühen 80er. Dann kam die entsprechende Fraktion aus ihrer Ecke und tanzte Linientreu-typisch konzentrisch auf die Mitte zu und dann rückwärts wieder zurück zum Außenrand. Bei den „Meteors“ hüpften die Psychs, bei Human League die Goths. Bei „If I Say Stop Then Stop“ kamen alle, die ideologisch nicht ganz festgelegt waren. Nur bei einem Lied versammelte sich die vereinte Norbert-Jugend im Linientreu. Bei „Burning Down The House“ von den Talking Heads.

Lage: Budapester Straße 42 am Zoo
Zeitpunkt des Besuchs: 1985
Typischer Track: Burning Down The House – Talking Heads

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