Heulen kann jede

„La Dernière Crise“

Die Schauspielerin Vanessa Stern erforscht in ihrer Show „La Dernière Crise“ die weibliche Komik

Frauen sind intelligent, schön, einfühlsam, teamfähig, kompliziert – und witzig. Letzteres behauptet jedenfalls die Schauspielerin Vanessa Stern. In ihrer Spätabendshow „La Dernière Crise“ liefert sie seit letztem November in den Sophiensaelen Beweise. Die 35-Jährige ist Gründerin des „Krisenzentrums für weibliche Komik“, wo sie in zweitägigen Workshops am lebenden Objekt forscht. Nebenbei findet sie dabei die Performerinnen für ihre Show, in der, jenseits von Zickengetue oder obsessiver Selbstkritik, durchaus neuartige Schlaglichter auf die weibliche Komik geworfen werden.

Unter dem Motto „Schöne Scheisse“ führte Vanessa Stern durch die künstlerisch-komisch geformten Krisen anderer Frauen. Vortrag, Lied, Tanz – anything goes, wenn es darum geht, den eigenen Handlungsradius zu erweitern. Die Protagonistinnen stellen konsequent und zwerchfellanregend den Zusammenhang her zwischen der globalen Wirtschaftskrise und den Problemzonen der eigenen Existenz. Lachen hilft bekanntlich gegen das Übermaß an Komplexität, das bei so tiefschürfenden Fragen unweigerlich ans Licht drängt, es erfordert allerdings Analyse und Distanz zum eigenen Selbst. Und genau daran fehlt es im klassischen weiblichen Rollenrepertoire, das eher empfindsam angelegt ist.

Als Vanessa Stern vor einigen Jahren an einem Stadttheater engagiert war, erfuhr sie am eigenen Leib, wie ausgesprochen unlustig die weiblichen Hauptrollen der klassischen dramatischen Literatur sind: „Ich bin unentwegt gestorben und ich musste ständig weinen. Das bringt neben anderen Ärgernissen erhebliche Einschränkungen im darstellerischen Spektrum mit sich.“ Statt Penthesileas „Ach“ oder Gretchens Tränen widmete sich Stern anderen Krisen.  2007 dämmerte die zweite Finanzkrise des Jahrhunderts bereits am Horizont der Weltgeschichte und Stern, die erste prägende Theatererfahrungen in der Arbeit mit Christoph Schlingensief sammelte, klinkte sich als Kunst-Aktivistin beim globalisierungskritischen Netzwerk Attac ein: Sie mimte, als Heuschrecke verkleidet, in einer Fußgängerzone den Selbstmord durch Champagnermissbrauch.

Die Einsichten, die Stern in solch verschiedenen Kontexten sammeln konnte, haben die Künstlerin auf ihre derzeitige Umlaufbahn gesetzt. Als Stipendiatin der Graduiertenschule der Universität der Künste gründete sie 2010 das „Krisenzentrum für weibliche Komik“ und will nun nicht eher Ruhe geben, bis dass sie die Berliner Theaterszene flächendeckend mit genderkritischem Gedankengut infiltriert hat.

Ihre  zwölfteilie „Dodekologie des Grauens“ ist ein Schritt dahin. Im ersten Teil beklagte sie bereits vor knapp zwei Jahren im Theaterdiscounter eine Auszeichnung, die anderen Schauspielerinnen zur Ehre, ihr aber zum Trauma geriet: Die Prämierung zur besten Nachwuchsschauspielerin des Landes Nordrhein-Westfalen 2005, die sie für ihre sehr körperliche Darstellung des Hausmädchens Regine in Ibsens „Gespenster“ erhielt.

Doch aus der Krise erwächst die Kraft – und die Komik, die sich als autobiografischer Exzess versteht. Die Künstlerin sucht ihren Weg zu einer besseren Zukunft weiblicher Bühnenpräsenz mit Projekten wie dem „KapiTal der Tränen“. In der Produktion der Sophiensaele werden Stern und ihre Mitstreiterinnen ab September 2012 kompromisslosen Heulterrorismus im öffentlichen Raum ausagieren.  Mit Heul-Flashmobs und einem „Heul-Terror-Camp“ soll das stereotype Schluchzen weiblicher Dramenheldinnen dekonstruiert werden: „Man wird danach Veronika Ferres’ Kullertränen und diese zerbrechlichen Schauspielerinnen nicht mehr so wahrnehmen können wie vorher.“

Zunächst geht aber am 19. Januar „La Dernière Crise“ erneut an den Start, mit dabei ist auch die Frauenband Le Sorelle Blu mit „Seemannsliedern der schrägeren Sorte“. Stern und ihre Protagonistinnen Lony Ackermann, Karla Nina Diedrich, Eva Löbau, Stephanie Petrowitz kapern die Bühne unter dem Motto „Eine geht noch“.

 

Weitere Informationen: 19.1., 21 Uhr, Sophiensaele. Eintritt 10, erm. 5 Euro, www.heulenkannjede.de

 

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