JUBILÄUM

Lachnummern als Stauntheater

Die Bar jeder Vernunft feiert mit einer großen Gala ihr 20-jähriges Bestehen. Seit ihrer Gründung verwischen sich die vormals starren Grenzen zwischen Hochkultur und Kleinkunst

Text: Friedhelm Teicke

Im Frühsommer 1992 war im beschaulichen Westen Berlins die Welt noch in Ordnung. Die Aufregung um den Mauerfall hatte sich gelegt, das Schillertheater war noch Staatstheater und keiner ahnte, dass es ein Jahr später dichtgemacht werden würde. Die Rollen im Kulturbetrieb waren klar verteilt: Kleinkunst, also Kabarett und Cabaret, gab es in Läden wie dem BKA, dem Unart oder dem Mehringhoftheater, Großkunst in der Schaubühne, dem Schiller- oder dem Deutschen Theater.

Beim 29. Theatertreffen im Mai waren aus Berlin die Schaubühne mit Botho Strauß’ „Schlußchor“ dabei und erstmals mit dem Teatr Kreatur auch eine Off-Bühne. Anfang Juni war das Festival gerade vorbei und das Spiegelzelt fürs Rahmenprogramm auf dem Parkdeck neben der Freien Volksbühne an der Schaperstraße kaum abgebaut  – da wurde ebendort ein neues Zelt errichtet.

Niemand ahnte damals, dass im gepflegten Rahmen dieses alten holländischen Vergnügungszelts eine Revolution vonstatten gehen würde. Noch bevor im Herbst desselben Jahres Frank Castorf an der Volksbühne beginnen sollte, das Theater völlig neu zu definieren, machten sich mit Holger Klotzbach und Lutz Deisinger zwei Kulturmanager daran, die gutbürgerlich sauber gepflegte Trennung zwischen Hoch- und Popkultur sowie Kleinkunst aufzuhebeln.

Unterhaltung als Kunst

Schon das Eröffnungsprogramm am 5. Juni 1992 mit dem surrealistischen Musiktrio Ars Vitalis konnte irritieren. Ihr „Muzik als Theater“ schien tatsächlich bar jeder Vernunft, der Spiegelzeltname also Programm. Doch Klotzbach und Deisinger taten etwas sehr Vernünftiges und Kluges. Sie banden das Personal, das eben noch auf dem Theatertreffen hohe Kunst zelebrierte, in ihr Zelt ein.

Schaubühnen-Mimen wie Otto Sander, Gerd Wameling und Christoph Märti (heute besser gekannt als Ursli von den Geschwistern Pfister) tummelten sich im Publikum und bald auch auf der Bühne. Dazu Fassbinder-Schauspielerinnen wie Brigitte Mira und Hanna Schygulla, Staatstheater-Diven wie Walter Schmidinger und Angela Winkler – sie alle nutzten und nutzen den Spiegelzeltrahmen für ihre eigenen Shows.

Daneben machte die Bar jeder Vernunft eigene Künstler groß: Chansonetten wie Georgette Dee, Kabarettsänger wie Tim Fischer, hintersinnige Musikkomödianten wie Thomas Pigor, Showstars wie Gayle Tufts. Das Spiegelzelt hat sich längst durchgesetzt als Ort für anspruchsvolle Unterhaltung, für Entertainment-Kunst, die nie platte Show ist. Es ist Post-Kleinkunst, die in der Bar jeder Vernunft, mehr noch als im doppelt so großen und zehn Jahre jüngeren Schwesterzelt Tipi am Kanzleramt, ihren repräsentativen Ort findet. Lachnummern als Stauntheater.

Zelte-Chef Holger Klotzbach, einst Mitglied der legendären Anarcho-Kabarett-Truppe „Die 3 Tornados“, hat heute den gelassenen Habitus eines ergrauten Firmenpatriarchen. Doch er wird ärgerlich, wenn man das Edelentertainment seiner Betriebe „Kleinkunst“ nennt. „Dieses Wort“, sagt er,  „sollte man aus unserem Sprachschatz verdammen.“

Tatsächlich ist der Begriff unscharf geworden, seit die Bar jeder Vernunft gezeigt hat, dass neben der Qualität auch der Aufwand ähnlich hoch sein kann wie bei Produktionen  in den Musentempeln des Wahren und Schönen, die als Hochkultur gehandelt werden.

So sind spätestens seit der legendären „Weißen Rößl“-Produktion von 1994 die Definitionen ins Trudeln geraten. In dieser Inszenierung sind Schaubühne-Stars wie Otto Sander und Gerd Wameling ebenso auf der Bühne wie Walter Schmidinger vom Wiener Burgtheater. Mit ihnen spielen die Geschwister Pfister, Max Raabe, Meret Becker und Monika Hansen. In der Inszenierung des Berlin-Musicals „Cabaret“ steht die Gertrud-Eysoldt-Ring-Preisträgerin Angela Winker auf der Bühne, die Philharmoniker Andreas Kowalewitz und Klaus Wallendorf spielen „eine kleine Lachmusik“ und DT-Ensemblemitglied Stefan Kaminsky den „Ring des Nibelungen“ im Spiegelzelt. Kleinkunst? Hochkultur?

Ein beleidigter Großmime

Inzwischen geht der Wechsel auch umgekehrt. Georgette Dee, ein Star der Bar jeder Vernunft, spielt bei Robert Wilson am BE „Shakespeares Sonette“. Rainald Grebe, auch eine Entdeckung der Bar, spielt und inszeniert regelmäßig am Maxim Gorki Theater sowie dem Centraltheater Leipzig, Cora Frost spielt mit dem Puppenensemble Das Helmi im Ballhaus Ost und im Hamburger Thalia Theater. Längst zeigen sich auch andere „Kleinkünstler“ wie Kurt Krömer oder Thomas Nicolai in Stadttheaterinszenierungen.

Sicher, die Bar jeder Vernunft macht als unsubventioniertes Theater keine Avantgarde, sie will ihr Publikum nicht anstrengen oder blessieren. Es ist immer Unterhaltung – aber eben mit Anspruch, wobei die Zugeständnisse an Massenkompatibilität besonders beim großen Tipi wohl unumgänglich sind.

Manch einen kann diese Gratwanderung zwischen Hochkultur und Kleinkunst auch verwirren. So verlief sich einmal ein Zuschauer auf dem Weg zur Toilette und stieß auf Gerd Wameling beim Einsingen vor seinem Auftritt im „Weißen Rößl“ und in der kurzen Lederhose, die die Rolle verlangte. Der Gast fragte aufmunternd: „Na, Kleener, übste noch?“  Der gekränkte Großmime beschwerte sich wutschnaubend bei Klotzbach und Deisinger. Seitdem steht ein Zaun zwischen Toilettenwagen und Künstlergarderobe.

„Die Jubiläumsgala: Zwei Zelte feiern Geburtstag“, 8.6., 20 Uhr, Tipi am Kanzleramt. Mit: Andreja Schneider, Ars Vitalis, Popette Betancor, Georgette Dee & Terry Truck, Cora Frost, Dominique Horwitz, Maren Kroymann, René Marik, Malediva, Pigor und Eichhorn, Max Raabe, Andreas Rebers. Eintritt 139-149 Euro (inkl. Verzehr)