Porträt

Lady Starlight ist auch ohne Lady Gaga ballaballa

Lady Starlight, die in Berlin unweit vom Berghain wohnt, kennen viele als
Freundin von Lady Gaga. Sie selbst ist aber mindestens genau so spannend

Die knallroten Gogo-Outfits hat Lady Starlight beiseitegelegt – für schwarzweiße Eleganz.
Die knallroten Gogo-Outfits hat Lady Starlight beiseitegelegt – für schwarzweiße Eleganz. Foto: Ricardo Malberti.

Es gibt Künstler, die an entscheidenden Weggabelungen ihrer Karriere Kompromisse machen; die Radikalität ihrer Ideen etwas herabdimmen, um ihr Publikum nicht zu verschrecken. Das ist allzu menschlich, sie wollen schließlich leben von ihrer Kunst und auf Tour auch mal in einer feinen Hotelsuite übernachten. Umso beeindruckender ist es, wenn andere ihren Weg gehen, ohne Rücksichtnahme auf Komfort-Erwägungen.

Colleen Martin ist so eine, die immer wieder den Gegen-Impuls in sich spürt, den punkgörenhaften Stinkefinger, der sich in zwei Silben umformulieren lässt: „Fuck that!“ Der Impuls steckt tief in ihr drin und rührt aus einer anarchistischen Hardcore-Punk- und Metal-Vergangenheit, die sie bis heute dazu befähigt, „Nein“ zu sagen. Dabei hätte sie jede Gelegenheit dazu, ihre Biographie kommerziell auszuschlachten: Wie sie im Jahr 2007 bei einer Party in New York Stefani Germanotta traf, die wenig später als Lady Gaga bekannt werden sollte, wie sie für den Megastar zu einer Freundin wurde, wie die beiden beim Lollapalooza performten und so weiter und so fort – es wäre alles nicht gelogen.

Drogen und Posen? Pfui!

Doch Colleen Martin hatte nie großes Interesse daran, im Lady-Gaga-Windschatten ein Stück Ruhm und Reichtum abzugreifen. „Ich kann das Popularity Game nicht mitspielen“, sagt sie. Ihr Künstlername Lady Starlight, der einem Song der britischen Glam-Rockband Sweet entnommen ist, wirkt in seiner Glamourösität da fast etwas ironisch. Die 44-Jährige verfolgt eine andere Mission: „to push the buttons“ – das heißt: ihr Publikum nicht mit Wohlbekanntem einzulullen, sondern mit Unerhörtem zu provozieren. So irritierte sie die Menge im Vorprogramm von Lady-Gaga-Shows mit ihren harten Detroit-Techno-Sets, was ihr Hassmails von wütenden Teenagern einbrachte. In einem Online-Forum wurde sogar über sie abgestimmt: Immerhin 30 Prozent fanden sie interessant, 70 Prozent aber „weird as hell“. Den Total-Verriss eines Blogs („worst opening act ever!“) hätte sie sich am liebsten ausgedruckt und an die Wand geklebt. So ist sie, die ehemalige Philosophie-Studentin: Sie mag es, wenn sich die Leute aufregen über etwas, das ihnen fremd ist. Dafür gibt es schließlich eine evolutionäre Erklärung: Wir Menschen fühlen uns instinktiv unwohl, wenn wir mit Unbekanntem konfrontiert werden. „Zwischen Liebe und Hass ist oft nur ein schmaler Grat“, sagt Colleen Martin. „Das Schlimmste ist Indifferenz.“

Lady Starlight spielt harten Detroit-Techno.

Wer nicht um jeden Preis gefallen will, der braucht vor dem Urteil anderer keine Angst zu haben. Das ist ein wichtiger Teil ihrer Philosophie – eine Haltung, die Lady Starlight mit dem britischen Techno-Produzenten Anthony Child teilt, der unter dem Künstlernamen Surgeon bekannt und für sie so etwas wie ein Bruder im Geiste ist.

Die Szene, wie sich die beiden kennenlernten, ist geradezu filmreif: Colleen bedankt sich während eines Sets bei Surgeon, der sie inspiriert hat – und an diesem Abend im Publikum weilt, dann aber zu schüchtern ist, um selbst auf sie zuzugehen. Stattdessen ist es seine Frau, die die beiden miteinander ins Gespräch bringt. Sie verstehen sich auf Anhieb so gut, dass eine anhaltende Künstlerfreundschaft gedeiht. „Es war so, als hätten wir uns schon immer gekannt – eine kosmische Erfahrung“, sagt Colleen.

In einem Youtube-Clip kann man sehen, wie die beiden gemeinsam in Paris performen: Er der Nerd, der kaum den Blick von seinen Reglern hebt und sein Genie hinter Brillengläsern versteckt; sie die Exzentrische im knallroten Outfit, die mit dem Kopf wackelt und sich auf dem Bühnenboden wälzt. Das Theatralische habe sie mit der Zeit abgelegt, bei ihren ausgetüftelten Live-Sets bleibe einfach keine Zeit mehr dafür.

Längst hat Colleen Martin New York und ihre Go-go-Dancer-Vergangenheit hinter sich gelassen, um nach Berlin zu ziehen. Aus den knallroten Outfits sind schwarze geworden. In ihrer Wohnung, die praktischerweise in Berghain-Laufweite liegt, hat sie sich ein kleines Studio eingerichtet, in dem sie sich reinfuchst in die Details dessen, was von außen betrachtet wie ein bunter Kabelsalat aussieht. Das habe sie schon immer sehr, sehr ernst genommen: ihr Handwerk, ganz nach dem Motto: „If you don’t know your shit, you’re a poser!“ Und mit Len Faki hat sie einen Labelchef gefunden, der die Guten von den Blendern zu unterscheiden weiß. Deshalb fühlt sie sich bei seinem Label Figure auch so wohl.

„Eigentlich bin ich ja im falschen Beruf“, sagt sie. „Ich bin tagsüber viel produktiver als nachts.“ Sie gehe auch kaum noch aus. Es missfällt ihr, wenn Techno mit Drogen assoziiert wird, wenn die Leute die Kunstfertigkeit dahinter nicht mehr zu schätzen wissen. Ähnlich wie beim Punk oder beim Metal gehe es beim Techno schließlich um „simplicity“, um eine Art von Einfachheit, die nur schwer zu erreichen ist.

Doch je näher sie ihrem Ideal kommt, desto weniger braucht sie die Lady-Gaga-Story, desto mehr wird Lady Starlight zu ihrem eigenen Sternenlicht. Wer es am Himmel leuchten sieht, weiß: Wo Colleen Martin ist, da ist tadelloser Techno, so radikal und kompromisslos wie sie selbst.