Kein Land in Sicht

Landgrabbing in Brandenburg

Fruchtbarer Boden wird auf der ganzen Welt knapp, Investoren sichern sich die verbliebenen Äcker. Auch in Brandenburg wächst Sprit und Getreide für den Weltmarkt. Biobauern, die für Berlin produzieren wollen, haben kaum mehr eine Chance
Text: Martin Schwarzbeck

Jörg Gerlke
Auf dem Gerstenfeld von Jörg Gerke wachsen auch Mohn, Kornblumen und Ackersenf. Das Ödland im Hintergrund gehört einem Agrarkonzern (Foto: Lena Ganssmann)

Jörg Gerke steuert seinen alten Mercedes über eine leere Landstraße zu seinem Hof. Als könne er es selbst nicht fassen, sagt der Bio-Landwirt: „Links und rechts, alles Agrofarm.“ Vor der Windschutzscheibe erstrecken sich Weizenfelder, so weit das Auge reicht. Nur eine Stromtrasse, Windräder und ein gigantisches Getreidelager ragen heraus. „Links und rechts, alles Agrofarm“: Ungefähr einmal pro ­Kilometer wiederholt Gerke den Satz. Agrofarm ist sein Nachbar, ein tausende Hektar schwerer landwirtschaftlicher Großbetrieb.

Dann hält der alte Mercedes auf Gerkes Hof. Ein ­renoviertes Bauernhaus, Ställe, Scheunen, eine Weide mit Kühen, ein Gerstenfeld, bunt gesprenkelt mit Mohn, Kornblumen, Ackersenf, Schmetterlinge flattern darüber. Hinter dem Idyll beginnt das Weizenmeer von Agrofarm, eine stumpf-braune Fläche. Eine Wüste aus Getreide auf rissiger Krume, manchmal wehen Staubstürme darüber hinweg. Der Boden ist getränkt mit Glyphosat, einem Unkrautvernichtungsmittel, dem eine aktuelle Studie nachsagt, krebserregend und genverändernd zu sein.

Gerke ist mittendrin im Ringen ums Land, im Kampf um unsere Ernährung. Die Weltbevölkerung wächst, doch die Äcker schwinden, Investoren drängen auf die letzten verbliebenen Schollen. Die regionale Nahrungsgrundlage wird zur internationalen Investition. Ackerland ist inzwischen die Schlossallee im globalen Monopoly. Es ist krisensicher und verspricht hohe Renditen.

Gerke und Agrofarm stehen für zwei Glaubenssysteme. Auf der einen Seite die industrielle Landwirtschaft. Firmen, die riesige Monokulturen bewirtschaften lassen, mit High-Tech-Traktoren, die von innen einem Flugzeug-Cockpit gleichen. Für den starken finanziellen Einsatz, der in die Technik fließt, erhalten die Investoren hohe Erträge pro Hektar.

Auf der anderen Seite steht Gerke, der mit seinem Fuhrpark aus alten Hanomag-Traktoren, die er selbst repariert, 350 Hektar ökologisch-bäuerliche Landwirtschaft betreibt. Gerke will seinen Hof vererben, dementsprechend verantwortlich verhält er sich gegenüber seinem Land. Er wirtschaftet für die nächste Generation, nicht für die nächste Aktionärsversammlung. Er will nicht nur möglichst viel aus dem Boden herausholen, sondern ihn auch möglichst lange fruchtbar erhalten.

Wer die Nahrung der Zukunft produziert, scheint aber längst festzustehen: Die Industrialisierung des Ackerbaus schreitet voran, mit Ostdeutschland als ­europaweitem Vorreiter. Schuld hat die DDR: Die riesigen, einst zwangskollektivierten Äcker der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) lassen sich mit entsprechendem Fuhrpark hocheffizient bewirtschaften. Für Agrarkonzerne sind sie ein perfektes Investitionsobjekt.

Nachwuchslandwirte ohne Chance

Die Erträge, sofern überhaupt essbar, landen auf dem Welt-, nicht auf dem Bauernmarkt. Sie stehen Berlin nicht zur Verfügung. Der Kampf um die Ernährungsgrundlage Land ist in Berlins Vorgarten angekommen.

Das Interesse an regionalen Produkten steigt. Das Start-Up Bonativo zum Beispiel wirbt gerade massiv für seinen Lebensmittel-Direktvertrieb aus dem Umland. Das Problem sind allerdings nicht die Abnehmer, sondern die Hersteller, von denen es angesichts des steigenden Bedarfs einfach zu wenige gibt.

Agrar-Plakat der DDR
»Es ist ein gewollter Konzentrationsprozess. Weg vom Bauern, hin zur Industrie.« Jörg Gerke, Bio-Landwirt

Dabei stünde der junge idealistische Nachwuchs bereit, um Berlin mit Bio aus Brandenburg zu versorgen. Willi Lehnert, 32, hat in Eberswalde Bio-Landwirtschaft studiert, 60 Agrarwissenschaftler spuckt die Uni jedes Jahr aus. „Berlin fragt die Produkte nach, wir wollen sie produzieren. Wir wollen Stadt und Land wieder zusammenbringen“, sagt er. Lehnert organisiert sich im Bündnis Junge Landwirtschaft mit ehemaligen Kommilitonen, die rund 30 kleine Bio-Höfe im Berliner Umland betreiben, und hat kürzlich die Ökonauten mitgegründet. Die Genossenschaft kauft Brandenburger Äcker und verpachtet sie an junge Bauern, die darauf ein möglichst breites Spektrum von Pflanzen ziehen sollen. „Was die Region eben braucht“, sagt Lehnert. Die erste Nutznießerin baut auf 4,4 Hektar Walnussbäume an. Die Genossenschaft Bio Boden, hinter der auch die Supermarktkette Bio Company steht, versucht Ähnliches deutschlandweit.

Das Land der Ökonauten kam von einer Privatperson. Den größten Teil der Brandenburger Äcker verkauft die Bodenverwertungs- und verwaltungs GmbH, kurz BVVG, eine staatliche Privatisierungsorganisation. Doch die Preise, die bei den staatlichen Ausschreibungen erreicht werden, können sich die Jungbauern nicht leisten. Dabei sind die Brandenburger Äcker noch die billigsten im Portfolio der Bundesrepublik, 13.730 Euro kostete der Hektar 2014 im Schnitt.

Doch es sind nicht mehr viele ostdeutsche Äcker übrig. „Die Flächen sollten nicht brachliegen“, sagt Constanze Fiedler von der BVVG, die das ehemalige Land der DDR für die Bundesrepublik verkauft. Zwei Millionen Hektar Felder und Wälder, fast ein Fünftel der Gesamtfläche der neuen Bundesländer landete im Portfolio. Bis 2014 wurden 815.000 Hektar verkauft. Eine halbe Milliarde Euro hat das der Bundesrepublik allein im vergangenen Jahr eingebracht.

Käufer der Äcker sind vor allem die Pächter, meist Firmen, die von ehemaligen LPG-Kadern gegründet wurden. Ein Teil ging und geht vergünstigt an die Erben der in der DDR Enteigneten. 40 Prozent werden meistbietend verkauft, zu 30 Prozent an arbeitsintensive Betriebe und Jungbauern, zu 70 Prozent am freien Markt.

Weniger Bauern, größere Äcker

Anfangs gab es beim Verkauf kaum Beschränkungen, hauptsache die Äcker wurden weiter bewirtschaftet. Inzwischen macht man sich auch bei der BVVG Sorgen um die zunehmende Konzentration der Agrarunternehmen. Man versucht ihr beizukommen, indem man meist nur Flurstücke unter 15 Hektar verkauft. „Das ist für Investoren überhaupt nicht interessant. Die kaufen sich lieber gleich ganze Betriebe“, sagt Sprecherin Constanze Fiedler. So oder so, das Ergebnis sind immer größere Felder, bewirtschaftet von immer weniger Agrarunternehmen. 1995 gab es in Brandenburg 7.731 Betriebe, 2013 nur noch 5.400. Aufgeben mussten fast nur Höfe unter 100 Hektar. Und je mehr Fläche zusammenhängt, desto mehr ist der einzelne Hektar wert. Inzwischen sind die einzelnen Unternehmen und deren Ackerflächen so groß, dass sie für ausländische Investoren interessant werden.

Fosun, der größte chinesische Mischkonzern in privater Hand, hat sich gerade neun Prozent der Aktien von KTG Agrar gesichert, einer der größten Landwirtschaftsbetriebe Europas, der fast die Hälfte seiner 45.000 Hektar in Brandenburg bewirtschaftet. Die Firma will zukünftig Müsli nach China exportieren. „Die wollen das unbedingt mit deutscher Verpackung“, sagt Sprecher Fabian Lorenz. Unter finanzstarken Chinesen habe man eine starke Nachfrage nach deutschem Müsli ausgemacht.

KTG Agrar stellt auch Tiefkühlkost her, Biogas und eigenes Öl, hat sogar eine eigene Biomarke, ist also kein Ackergigant, der allein mit den Kursen für Getreide und Energiepflanzen an den Rohstoffbörsen spekuliert. Aber der Einstieg der Chinesen zeigt einen Trend.

Bio-Bauer Jörg Gerke hat sich lange damit beschäftigt. Er blickt in die Ferne, zu den Weizenfeldern des Nachbarn und sagt: „Es ist ein gewollter Konzentrationsprozess. Weg vom Bauern, hin zur Industrie. Die Marktwirtschaft beendet, was der Kommunismus begonnen hat.“ Der große Bauer mit dem kräftigen Händedruck ist Doktor der Agrarwissenschaften und hat als einer der ersten in einem wissenschaftlichen Aufsatz beschrieben, wie Ostdeutschland zum perfekten Ziel für Land Grabbing wurde. So wird es genannt, wenn Unternehmen Anbaugebiete aufkaufen, die Produkte und Gewinne exportieren und so ganze Landstriche in Hunger und Armut stürzen. Selbst Staaten mischen mit. China hat 2010 ein Prozent der Demokratischen Republik Kongo gekauft, um dort die größte Palmölplantage der Welt zu errichten. Seit der Wirtschaftskrise steht Land hoch im Kurs.

Gerkes Hof liegt 200 Kilometer vor Berlin in Mecklenburg-Vorpommern. Aber hier sieht es nicht anders aus als rund um Berlin: Monokulturen bis zum Horizont. Die Industrialisierung des Ostens macht bereits Druck auf den Westen. Auch in Niedersachsen kämpft man inzwischen ums Land, obwohl die Höfe in Westdeutschland viel kleiner und dementsprechend uninteressanter für Investoren sind.

Die Bio-Verbände schlagen Alarm: „Durch die aktuelle Entwicklung am Bodenmarkt sehen wir die Sicherstellung ausreichender landwirtschaftlicher Nutzfläche für die Weiterentwicklung des Ökolandbaus gefährdet“, schreiben Bioland, Biopark, Demeter, Naturland, Verbund Ökohöfe Nordost und die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg in einer Pressemitteilung. Und es geht nicht nur um die Frage: Bio oder gespritzt? Sondern immer dringlicher auch darum, ob auf dem Acker überhaupt Nahrung wächst. Energiepflanzen zur Erzeugung von Biogas und -sprit nehmen immer größere Flächen ein. Die Vereinten Nationen haben 2015 zum Internationalen Jahr des Bodens erklärt, weil sich die Staatenlenker Sorgen um die Ernährung der Weltbevölkerung machen. Denn der Boden ist nicht nur begrenzt, sondern schwindet sogar: Ackerfläche so groß wie die Schweiz geht der Welt jährlich durch Erosion verloren. 60 bis 70 Hektar Acker und Natur werden in Deutschland im Schnitt täglich mit Beton bedeckt.

Wege aus der Krise

Gerke ist mit viel Glück an seine 350 Hektar gekommen. Erben der enteigneten und rückübertragenen Höfe aus seinem Dorf Rukieten verkauften und verpachteten es ihm. Einmal hat er sich auf 12 Hektar Acker bei der BVVG beworben, unterlag dann aber gegen den 3.000-Hektar-Betrieb eines ehemaligen LPG-Funktionärs. „Die Großen werden immer größer“, sagt er. Dabei könne man nur mit einer breiten Eigentumsstreuung verhindern, dass Ostdeutschland zu spannend für internationale Investoren wird. „Also Neugründer bevorzugen, Pachtverträge mit großen Betrieben kündigen“, sagt er. Man könnte mit politischem Willen dem Land Grabbing entgegentreten. Die EU-Agrarsubventionen zum Beispiel so reformieren, dass bäuerliche Betriebe mehr Geld pro Hektar bekommen als die Konzerne. Zur Zeit gibt es für jeden Hektar 300 Euro, egal was auf dem Land passiert. Das begünstigt die großen Betriebe, die statt ein paar hundert Euro gleich Millionen einstreichen.

Doch auch ein radikaler Richtungswechsel könnte das Steuer kaum mehr herumreißen. Die Ex-DDR ist so gut wie verteilt. Die im BVVG-Portfolio verbliebenen 187.000 Hektar Land werden bis 2030 nur noch häppchenweise verkauft. Die BVVG-Filiale in Cottbus schließt mangels Arbeit sogar schon dieses Jahr.

Laut einer Studie von 2011 kann sich von einem Viertel Hektar Land eine Person ein Jahr lang regional und biologisch ernähren. 58.000 Hektar Brandenburger Äcker hat die BVVG noch im Portfolio. Für ganz Berlin reicht es nicht mehr, aber die Viertelmillion Friedrichshainer und Kreuzberger könnte man noch von dort versorgen.

Gerkes Blog: www.ostdeutsche-bodenpolitik.de
Ökonauten: www.oekonauten-eg.de
Bioboden: www.bioboden.de

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