LARS EIDINGER IM INTERVIEW

»Wer bin ich?«

Lars Eidinger über Shitstorms, das Zeitalter des Narzissmus und sein gemeinsam mit dem Konzeptkünster John Bock erstelltes neues Bühnensolo „Peer Gynt“

Interview: Friedhelm Teicke

Herr Eidinger, Sie haben gerade mit Ihrer Werbekampagne für eine Ledertasche im ­Aldi-Tütendesign, die Sie für die Bree-Marke PB 0110 entworfen haben, einen großen Shitstorm provoziert. Verstehen Sie den Ärger?

Die Bilder waren nicht als Provokation gemeint. Ich kann mich nicht gegen Reaktionen auf das, was ich mache, abschotten, das will ich auch nicht. Ich muss mich als Künstler angreifbar machen, ich muss mich zur Disposition stellen. Als ich in der Berlinale-Jury mit Meryl Streep als Vorsitzende war, hat sie zu mir gesagt, man könne seine Kredibilität mit einem einzigen Satz zerstören. Das von einer Frau zu hören, die so unangreifbar scheint, hat mich zutiefst erschreckt. Die Frage ist doch, wollen wir in so einer Welt leben? Mit dieser Gefahr vor Augen könnte ich mich künstlerisch gar nicht mehr frei entfalten. Nach dem Motto: Sei du selbst. Aber nicht so.

Nun ist ein Schauspieler ja jemand, der so tut, als wäre er jemand anders. Wenn Sie sich mit einer 550-Euro-Ledertasche im Aldi- Design vor einem realen Obdachlosenlager fotografieren lassen, wen stellen Sie da dar?

Ich inszeniere mich auf diesen Bildern nicht als Obdachloser. Das ist meine ganz normale Kleidung, so laufe ich immer rum, das ist kein Kostüm. Ja, auf einem der Fotos stehe ich vor einem Obdachlosenlager, auf dem Bild sieht man keine Obdachlosen oder andere Menschen. An diesem Nachtlager komme ich jeden Tag auf dem Weg von meiner Wohnung zur Schaubühne vorbei. Auf einem anderen Bild sitze ich bei mir im Hausflur, im Treppenhaus auf dem Boden. Das wurde interpretiert, als würde ich so tun, als würde ich in der U-Bahn betteln. Mein Freund, der Fotograf Benjakon, hat diese Bilderserie mit mir in 20 Minuten gemacht, spontan und ohne Strategie oder irgendeine Inszenierung. Das ist eine Hommage an den Alltag und keine ästhetische Ausbeutung von Prekariarität, wie geschrieben wurde.

Jetzt inszenieren Sie „Peer Gynt“, wieder zusammen mit einem Foto- beziehungsweise Konzeptkünstler – nämlich mit John Bock. Sie sind auch selbst mit Ihren Instagram-Schnappschüssen in der Bildenden Kunst unterwegs, haben in Galerien ausgestellt. Sie bewegen sich also zunehmend an der Grenze zwischen Darsteller und ­Bildende­-Kunst-Akteur.

Ach, das sind alles Kategorien, die von außen an mich herangetragen werden. Wenn Leute zu mir sagen, warum musst du als Schauspieler nun auch noch Fotografien veröffentlichen, Platten auflegen und eine Tasche designen, dann weiß ich gar nicht, warum. Man gibt mir das Label Schauspieler – und da darf ich mich dann nicht draus befreien. Schauspiel ist nur das, was ich am meisten mache, doch ich definiere mich nicht allein darüber. Weil mich das einschränkt. Ich lege Platten auf, seit ich 16 bin, also weitaus länger, als ich Schauspieler bin. Wenn meine Motivation einzig eine karrieristische oder erfolgsorientierte wäre, würde ich mir selbst raten, bis an mein Lebens­ende weiter „Hamlet“ zu spielen und mir sonst ein schönes Leben zu machen. Aber das interessiert mich überhaupt nicht. Ich will kreativ sein, schaffen und da geht mein Interesse in die verschiedensten Ausdrucksformen. Wenn jemand wie ­Philipp Bree zu mir kommt und fragt, ob ich Lust hätte, für ihn eine Tasche zu entwerfen, dann reizt mich das.

Tatsächlich haben alle Ihre Aktivitäten ja mit Kreativität und Kunst zu tun. Ich fände es verwunderlicher, wenn Sie plötzlich auch als Vogelkundler arbeiten würden.

Das ist dann im Hinblick auf „Peer Gynt“ interessant. Auch Peer Gynt probiert sich in vielen Berufen aus, er ist Reederer, Sklavenhändler, Prophet. Es gibt im Stück zwei Positionen: Die Trollwelt, in die sich Peer irgendwann begibt, hat das Credo: „Sei dir selbst genug!“ Doch Peer hat sich als Ziel gesetzt: „Sei du selbst!“ Für mich liegt der Unterschied darin, dass jemand, der sich selbst genug ist, nicht kreativ ist, nicht anfängt, sich zu verwirklichen. Da gibt es ein tolles Bild in der Trollwelt, da wird ein Auge eingeritzt, das heißt, man verliert das räumliche Sehen, man hat keine Weitsicht mehr, alles ist flächig und zweidimensional. Und der andere interessiert sich halt für die Tiefe, für den Raum. So sehe ich meine Aufgabe, und da gehe ich mit Peer Gynt total einher, nämlich in der Suche nach mir selbst: Wer bin ich?

Peer Gynt ist aber auch ein egomanischer Lügner, der mit allen Mitteln seinen Traum von Reichtum und Macht realisiert.

Ich habe von Thomas Ostermeier gelernt und das stimmt auch: Der erste Satz eines Stückes ist wie eine Überschrift. Ein Schlüssel. Bei „Hamlet“ ist es „Wer da?“ – der neue Mensch betritt die Bühne, um sich seiner selbst zu ergründen. Bei „Peer Gynt“ ist es: „Peer, du lügst.“ Damit wird der Charakter eingeführt, aber auch die ­Frage gestellt, was ist das eigentlich – Lüge?

Lars Eidinger als Peer Gynt – ohne Ledertasche – Foto: Christiane Rakebrand

Sich mit Lügen die Welt zurechtzubiegen, erinnert natürlich an Trump. Ist das auch eine Folie für die Inszenierung?

Trump ist ja nur ein Symptom, denn wir befinden uns im Zeitalter des Narzissmus. Und wir haben den allergrößten Narzissten, den Trollkönig, zum mächtigsten Mann der Welt gewählt. Als Trump gefragt wurde, wie er sich selbst als Präsident bewerten würde, gab er sich die Höchstwertung A+ – „Oder kann ich noch höher gehen?“ Das ist genau das, was Peer Gynt macht, wenn er sich am Anfang zum König stilisiert und das dann auch selbst glaubt. Lüge und Wahrheit verschmelzen, weil der Lügner Realität und Phantasie nicht mehr trennen kann. Und in dem Moment, wo diese Grenze verschwimmt, kann man sich auch verlieren. Das ist für mich eines der stärksten Zitate in dem Stück: „Wenn ein Mann die ganze Welt gewann und doch sich selbst verlor, so blüht als Lohn ihm höchstens eine Irrenkron.“

Sie arbeiten hier mit dem Konzeptkünstler John Bock zusammen. Was ist seine Rolle?

Es ist ein gemeinsam erstelltes „Taten­drang-Drama“, so nennen wir es. Das Interessante an John ist, dass er eine Welt erschafft, die mir fremd ist, die mir aber trotzdem intuitiv einleuchtet. In seinem Werk gibt es eine ­Signiture, er malt sich das Gesicht weiß und die Augen schwarz. So bin ich als Peer Gynt auch geschminkt, wie ein Spiegel, in dem sich der Zuschauer selbst reflektiert. Ich habe einmal gelesen, das Native Americans sich im Krieg das Gesicht weiß anmalen, damit der Gegner darin seine eigene Angst gespiegelt sieht. Es geht ja nicht um einen Trump, sondern ums narzisstische Symp­tom. Mein erklärtes Ziel von Theater und Kunst ist nicht, dem Rezipienten zu erklären „Die Welt ist schlecht“, sondern die Erkenntnis „Wir sind schlecht“.

Wenn Sie auf einem Formular Ihren Beruf angeben müssen: Was schreiben Sie da hin?

Ich schreibe schon „Schauspieler“ hin. Aber ich mache ja manchmal Shootings für Foto­grafen, da steht auf dem Callsheet bei den Models immer ­„Talent“. Das finde ich gut. Ich werde als Beruf jetzt immer „Talent“ angeben.

„Peer Gynt“, 12.2. (Premiere), 13.2., 20.30 Uhr, 15.2., 20 Uhr, Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf. Ltg.: John Bock, Lars Eidinger. Eintritt 7–49 € (nur noch Restkarten an der AK)
www.schaubuehne.de