Kunst im Stadtraum

Geschichte statt Werbung

Laura Horelli schildert die Beziehungen der DDR zur namibischen ­Befreiungs­bewegung SWAPO – im U-Bahnhof Schillingstraße

Warten, bis die U-Bahn kommt – man kann sich Schöneres vorstellen. Warten sei Zeitverschwendung, heißt es oft, eine un­nötige Unterbrechung des durchgetakteten Tages­flusses. Wie gut, wenn sich das Herum­stehen am Gleis mit dem Ansehen von Kunst sinnvoll füllen lässt. Allerdings hat Laura Horelli am Bahnhof Schilling­straße ihre Plakatserie „Namibia Today“ so perfekt in die Werbeflächen hinter den Gleisen integriert, dass Fahrgästen womöglich gar nicht auffällt, dass sie sich vor Kunst befinden.

Laura Horelli: Namibia Today. Foto: Nihad Nino Pusija
Laura Horelli: Namibia Today, 2017. NGBK, U-Bahnhof Schillingsstraße. Foto: Nihad Nino Pusija

Seit Februar hängen die 16 Plakate der Berliner Künstlerin, und man sollte sich tatsächlich Zeit nehmen für sie und die eine oder andere Bahn vorbeiziehen lassen. Die Arbeit gehört zu der Reihe „Kunst im Unter­grund – Mitten in der Pampa“, die eine Arbeits­gruppe der Kreuzberger Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst NGBK entlang der U-Bahnlinie 5 veranstaltet und die am 8. April die Sommersaison am U-Bahnhof Cottbuser Platz einläutete.

Eine Jugend in Kenia

Für „Namibia Today“ hat Horelli die gleichnamige englischsprachige Zeitschrift der namibischen Unabhängigkeitsbewegung South-West Africa People’s Organisation SWAPO als Thema gewählt, die jahrelang von der DDR unterstützt wurde. Schon lange interessiert sich Laura Horelli für die Beziehungen zwischen Europa und Afrika, auch wegen ihrer Biografie.

Die Künstlerin, in Finnland geboren, verbrachte vier Jahre ­ihrer Kindheit in Kenia. In ihren multimedia­len Arbeiten kombiniert sie historische Recherchen mit subjektiven Perspektiven. In Finnland arbeitete sie bereits an einem Film zur SWAPO. Dann las sie in einem Buch des Diplomatenpaars Ilona und Hans-­Georg Schleicher aus der DDR über „Namibia Today“ und davon, dass die Zeitschrift zwischen 1980 und 1985 in Erfurt gedruckt wurde, eine bislang wenig bekannte Episode in der (post-) kolonialen Geschichte der beiden Deutschlands und Namibias. „Ich habe das Gefühl, dass DDR-Geschichte oft weniger sauber recherchiert wird, als vielmehr auf plakative Weise dargestellt“, sagt Horelli. Mit ihrem Projekt wolle sie Neugier wecken und ihren Teil zur Forschung beitragen.

Recherche in Erfurt

Fast jede Ausgabe, die in der Erfurter Druckerei „Fortschritt“ entstand, hat sie für ihre Plakatserie ausgewählt und jeweils mit ­einer Collage aus Archivmaterial und eigenen Aufnahmen, etwa von der Druckerei, ergänzt.

Horelli wohnt in der Nähe der U-Bahnstation, „fünf Minuten entfernt“. Manchmal beo­bachte sie Passanten, die  lang vor den Plakaten stehen bleiben, sagt sie. Tatsächlich kommt Horellis Ausstellung zur richtigen Zeit. Überfällig war die Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialzeit und ihren Folgen. Erst kürzlich haben Vertreter von Herero und Nama in New York eine Sammelklage eingereicht: Sie verlangen von der Bundesregierung Entschädigung für den Völkermord, den deutschen Soldaten 1904 begingen.

Auch das Interesse in Deutschland ist gewachsen, wie der  Publikumserfolg der großen Kolonialismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zeigt (bis 14. Mai).  Am 30. März hat zudem die ifa-Galerie Berlin ein Forschungs- und Ausstellungsprogramm gestartet, das die kolonialen Hinterlassenschaften erkunden soll. Laura Horellis Ausstellung an der Schilling­straße ist bis Oktober zu sehen. Zeit genug, sich genauer mit dem deutsch-deutsch-namibischen kolonialen Erbe zu beschäftigen.

Bis Oktober 2017, U-Bhf Schillingstraße, Friedrichshain, zu U-Bahn-Zeiten. Weitere Projekte der Reihe „Mitten in der Pampa‟ u.a. U-Bhf Kaulsdorf Nord, U-Bhf. Cottbusser Platz

Deutscher Kolonialismus