Bewusstseinsstrom

Lear / Die Politiker

Der Doppelabend aus Shakespeare und Wolfram Lotz ist überwiegend zäh, zum Schluss aber ein Ereignis

Das Beste erst ganz am Ende: Cordelia Wege – Foto: Arno Declair

König Lear doppelt geschlagen: Im Krankenbett unter einem riesigen Windrad siechen Michael Gerber und Markwart Müller-Elmau als demenzkranke Verkörperungen des greisen Königs, während Linda Pöppel und Birgit Unterweger sie als unerbittliche Töchter umspielen. Die Macht ist futsch, Lear hat sein Reich an die falschen Erbinnen verteilt und leidet nun an den Folgen seines schlechten Ratschlusses.

Wie immer bei Regisseur Sebas­tian Hartmann kriegt man wenig von dieser Handlung aus Shakespeares Drama, stattdessen sprunghafte Solos, Monologe, Fragmente, angereichert mit politischen Texten unserer Tage.

Es geht um den Verfall der Politik im Angesicht der globalen Klimakrise, um den Zorn der Jugend. Das alles als Bewusstseinsstrom inszeniert – doch leider nicht annähernd so rauschhaft, wie man es von Hartmann kennt, sondern zäh und zerfasernd.

Rausch gibt’s erst im Epilog: Der Dramatiker Wolfram Lotz hat ein 99-seitiges Gedicht verfasst: „Die Politiker“, strotzend vor Politikverdruss, Dada, Literatenwitz und Reimfrosch. Und wie Cordelia Wege dieses Poem in aberwitzigem Tempo und traumwandlerischer Präzision über die Rampe schnippt, das muss man erlebt haben. Ein Triumph mit Insiderjoke-­Potenzial: Cordelia rettet Lear! CHRISTIAN RAKOW

8.9., 18 Uhr, 13., 24. + 27.9., 19 Uhr, Deutsches Theater, Schumannstr. 3a, Mitte. Regie: Sebastian Hartmann; mit Elias Arens, Peter René Lüdicke, Linda Pöppel, Natali Seelig, Cordelia Wege u.a., Eintritt 12–48, erm. 9 €