Berlin

Leben ohne Krankenversicherung

In Berlin haben circa 60.000 Menschen keine Krankenversicherung. Einer davon ist Holger Z.  Immer wieder hört er: „Das gibt es gar nicht. In Deutschland ist jeder versichert.“  Über einen Mann, der kämpft – gegen Diabetes, Stereotype und die Bürokratie

Beinahe hätte er seinen Fuß verloren. „Wenn sie den Fuß retten wollen, fahren Sie jetzt sofort ins Krankenhaus.“ So soll es der Arzt gesagt haben, der Holger Z. im vergangenen Oktober unter­suchte. Holger Z. erinnert sich noch gut, wie eindringlich der Arzt sprach. Denn es war knapp. Noch immer hat die Fußsohle von Holger Z. seltsam viele Lilatöne.

Dreimal die Woche muss Holger Z. für den Verbandswechsel zu open.med am Teltower Damm. Sonnabends kommt ein Krankenpfleger nur für ihn ins Büro
Foto: Nicole Opitz

Holger Z. ist einer von 60.000 Berlinern ohne Krankenversicherung. 60.000, das sind fast so viele, wie in Weimar leben. Neben EU-Bürgern und Geflüchteten, haben auch viele Deutsche keine Krankenversicherung. Oft sind es Selbstständige, die sich die private Versicherung nicht – oder nicht mehr – leisten können.

Dass Holger Z.s Fuß nicht amputiert wird, ist Zufall: Seit 22 Jahren hat Z. keine Krankenversicherung, meidet Arztpraxen. Im vergangenen August verstärkt sich das Taubheitsgefühl in seinen Fingern, seine Konzentrationsfähigkeit schwindet. „Da habe ich gegoogelt“, erzählt Z. Er findet open.med Berlin. Eine Initiative, die Menschen ohne Krankenversicherung hilft. Die Diagnose in der Kontaktstelle am Teltower Damm: Diabetes.

Das ändert Z.s Leben radikal. Er isst anders und eignet sich Wissen an über Bluthochdruck und Zuckerspiegel. Statt Gummibärchen und Kartoffelchips stehen nun Ramipril, ein Bluthochdruckmittel, und Metformin, eine Diabetis-Arznei, in Holger Z.s Schrank. Dass sein Fuß beinahe hätte amputiert werden müssen, ist eine Folge der Krankheit.

Doch wie kann es sein, dass Holger Z. nicht krankenversichert ist? Warum gibt es überhaupt Menschen ohne diese Versicherung – trotz der Pflicht dazu?

Rückblende: 1996, Holger Z. ist 27 Jahre alt und arbeitet freiberuflich im Werkzeuggroßhandel. Wer selbstständig arbeitet, muss sich privat versichern. Doch Z. kann sich irgendwann die Beiträge nicht mehr leisten: „Dann wurde ich aus der Krankenkasse geschmissen“, erzählt er. Sein Blick ist gerade, die Haltung aufrecht.

Er wartet, bis es aufhört zu bluten

Holger Z. gibt sich Mühe. Er beginnt auf dem Flohmarkt zu arbeiten. Er wäscht Legosteine und Playmobilfiguren, baut sie zusammen, präsentiert sie auf Tischdecken. Z. weiß, dass jeder Verkäufer seine eigene Strategie hat: „So sehen die Leute, dass es Qualität hat. Das ist meine Strategie.“ Kein Teil fehlt.

Holger Z. trägt eine kleine eckige Brille, am linken Ohr einen Ohrstecker, gekleidet ist er in einem roten Hoodie. Er sieht aus, als verkaufe er immer noch Spielzeug auf dem Flohmarkt. Doch statt zu trödeln, ist Z. damit beschäftigt, seine Krankheit in den Griff zu kriegen. Derzeit vor allem das Organisatorische: Wie bekommt er wieder Krankenversicherungsschutz? „Ich renn’ von A nach B und fühl mich wie Wilhelm Voigt aus ,Der Hauptmann von Köpenick‘“, sagt Z.

Lange dachte er, es ginge auch ohne Versicherung. „Man wird einfach nicht krank!“ Und sei mal etwas, überdauere man es. Wartet, bis es aufhört zu bluten.

Im Januar 2017 stellt Z. fest: Es funktioniert nicht mehr. Er geht zum Jobcenter, ist sich sicher: Dort bekommt er eine Krankenversicherung. Weil die ­private Versicherung 13.500 Euro in Rechnung stellt, will ihn das Jobcenter nun bei der AOK, einer gesetzlichen Krankenkasse, versichern. Die AOK jedoch fordert einen „Krankenversicherungsverlauf“ an. Ohne das Papier keine Mitgliedschaft – obwohl das Jobcenter für Z. bereits Beiträge an die AOK abführt.

Im „Hauptmann von Köpenick“ geht Wilhelm Voigt von Amt zu Amt, um eine Aufenthalts- und damit eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Auch Holger Z. irrt vom Amt zur AOK, von der AOK zur Barmenia, seiner einstigen privaten Krankenversicherung, die noch 13.500 Euro von ihm fordert. Er erklärt dem Jobcenter, er habe als Arbeitsloser keine 13.500 Euro. Dann wird er an die AOK verwiesen, wo es lapidar heißt, man zahle für ihn ja schon Beiträge.

Auf eine ZITTY-Anfrage reagiert das Jobcenter ausweichend: „Wir melden den Leistungsempfänger an, es herrscht Versicherungspflicht.“ Die AOK wiederum sagt, „man müsse den Einzelfall prüfen“.

Ein Boxer, kein Hauptmann

Wäre Holger Z. tatsächlich Wilhelm Voigt, würde er sich nun eine Militäruniform kaufen. Und so tun, als sei er jemand, der er nicht ist, um zu bekommen, was ihm zusteht.

Doch Holger Z. gibt kein Geld aus für einen Anzug. Holger Z. gibt sich Mühe. Er ist pünktlich, erledigt Aufgaben, sobald sie anfallen. „Er ist ein herzensguter Mensch“, sagt seine Schwester.

Eine Helferin bei open.med rät Holger Z., juristische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Mit einem Beratungsschein vom Amt bezahlt er 15 Euro für einen Anwalt. Z. ist zuversichtlich: „Der Anwalt hat mir erklärt, dass die AOK mich versichern muss.“
Holger Z.s Gang ist langsam, mit den Krücken setzt er jeden Schritt bedacht. In den Gesprächen mit ZITTY betont er immer wieder, dass es anderen schlechter gehe: „Ich bin privilegiert! Ich habe einen deutschen Pass, eine Wohnung, man kann mich nicht abschieben.“

Erzählt er Bekannten von seiner Situation, höre er oft, dass es das ja nicht gäbe. In Deutschland sei jeder krankenversichert. Und, was ihn noch ärgert: Man spielt ihn aus. „Viele sagen dann, Geflüchtete hätten innerhalb von 14 Tagen eine Krankenversicherung. Das stimmt so nicht!“ Neben dem Kampf mit dem Zuckerspiegel und dem mit dem Amt kämpft Holger Z. auch gegen Stereotype.

Es ist Anfang Dezember, Holger Z. geht nicht ans Tele­fon. Erst zwei Stunden später hebt er ab: „Der Anwalt hat mir gerade geschrieben, es sei rechtmäßig, dass die AOK mich nicht versichert.“ Holger Z. klingt traurig. Mitleidsbekundungen will er nicht: „Ich muss irgendwie weiter machen. Niemals aufgeben!“

Seine Schwester sagt, Holger Z. sei in letzter Zeit ruhi­ger geworden.