Das ist doch noch gut!

Lebensmittel retten

Sie gehen nachts containern, kaufen in Rettersupermärkten oder holen vom Handel aussortiertes Essen ab: Viele Berliner*innen wollen es nicht mehr hinnehmen, dass große Mengen Lebensmittel im Müll landen, während Menschen in anderen Teilen der Welt hungern

Weil tonnenweise Lebensmittel im Müll landen, durchstöbern Mülltaucher*innen die Abfallbehälter von Supermärkten nach Essbarem und werden immer wieder fündig.
Foto: Raphael Fellmer / foodsharing

Jonas öffnet den Deckel einer blauen Mülltonne und steckt den Kopf hinein. Er trägt dunkle Kleidung und einen Fahrradhelm, unter dem ein dünner Zopf hervorlugt. Seine Taschenlampe hat er griffbereit. Die Tonne steht vor der LKW-Laderampe für die Lieferanten hinter dem Netto am Ostbahnhof, einem Flachbau auf einem großen Parkplatz. Das fahle Licht einer einzelnen Neonröhre scheint auf die Tonne herab – sie ist zu einem Drittel voll. Als Jonas wieder auftaucht, hält er einen Bund Radieschen und eine Viererpackung Schokopudding in der Hand.

Seine Hände stecken in schwarzen Einmalhandschuhen aus Latex, er hat mehrere Paar dabei. „Wenn man damit ein paar Mal im Müll gewühlt hat, sind die durch“, sagt er und zupft am Handschuh. Er taucht wieder ab, nimmt eine aufgerissene Packung geschnittenes Graubrot in die Hand, begutachtet es und lässt es zurück in die Tonne fallen. Es ist kurz vor 24 Uhr und dunkel, aber dass die meisten Brotscheiben undefinierbarer Matsch sind, kann man sogar im Dunkeln erkennen.

Jonas und seine Mitbewohner*innen suchen regelmäßig in den Mülltonnen von Supermärkten nach noch essbaren Lebensmitteln. Man nennt das „Containern“, und es ist illegal. Supermarktketten wie Lidl sichern ihre Mülltonnen mit Vorhängeschlössern gegen die Mülltaucher*innen. Erst im Oktober hat das Bayerische Oberste Landesgericht ein Urteil eines anderen Gerichts bestätigt, das zwei Mülltaucher*innen wegen Diebstahls zu einer Geldstrafe verurteilt hatte.

Ebenfalls im Oktober schmetterte der Bundesrat einen Gesetzesentwurf einiger Länder ab, nach dem der Handel verpflichtet gewesen wäre, überflüssige Lebensmittel zu verschenken. Der baden-württembergische Justizminister Guido Wolf (CDU) begründete sein Votum gegen die Legalisierung des Containerns damit, dass man nicht einfach strafbares Verhalten straffrei stellen könne. „Das wäre ein völlig falsches Signal, denn auch ein guter Zweck heiligt keine strafbaren Mittel“, sagte er der Deutschen Presseagentur.

Containern ist illegal, deswegen durchstöbern die meisten Mülltaucher*innen nachts die Abfalltonnen der Supermärkte
Foto: imago images

Diese Entwicklungen machen Jonas und seine Mitstreiter*innen wütend – und spornen sie an. Die Mülltaucher*innen wollen etwas gegen die Lebensmittelverschwendung in Deutschland tun. Allein in Berlin landen 800.000 Tonnen Lebensmittel pro Jahr im Müll, in ganz Deutschland sind es 18 Millionen Tonnen im Jahr. Das entspricht etwa einem Drittel der Nahrungsmittel, die bundesweit gegessen werden. Dieses Drittel wiederum ist für 18,7 Millionen Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr verantwortlich – das ist so viel CO2, wie ganz Slowenien in einem Jahr produziert.

Dass in den westlichen Industrieländern tonnenweise Lebensmittel weggeschmissen werden, während – vor allem im globalen Süden – 800 Millionen Menschen hungern, ist in den letzten Jahren ins Bewusstsein der deutschen Gesellschaft vorgedrungen. Als Augenöffner gilt der Film „Taste the Waste” von 2011, in dem Regisseur Valentin Thurn anhand der Beispiele eines Supermarkts in Frankreich, eines Bauern in Deutschland und im Gespräch mit einem EU-Kommissar zeigt, wie viel Essen im Müll landet und warum.

Wer suchet, der findet.
Foto: Xenia Balzereit

In den Jahren danach hat sich eine Reihe von Initiativen gegründet, die etwas gegen die Verschwendung tun wollen, viele davon in Berlin. Der Verein Foodsharing hilft Essensretter*innen seit 2012 dabei, überschüssige Lebensmittel von Supermärkten abzuholen, der Verein Restlos Glücklich gibt Workshops für Kinder und Erwachsene, in denen die Vereinsmitglieder mit aussortiertem Gemüse und Resten kochen, und die Berliner Supermarktkette Sirplus verkauft ausschließlich gerettete Waren. Auch das dänische Unternehmen Too Good to Go ist groß in Berlin: Mit der App der Firma können User*innen nach Ladenschluss für einen Bruchteil des Preises bei Restaurants fertig zubereitete Gerichte abholen, die sonst im Müll landen würden. Und die Berliner Tafel holt schon seit 1993 Lebensmittel von Supermärkten und Großmärkten ab und verteilt sie an Bedürftige.

Nach einer Studie des Thünen-Instituts, die vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung in Auftrag gegeben und im September 2019 vorgestellt wurde, entstehen 52 Prozent der Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten, 18 Prozent in der Verarbeitung, 14 Prozent in Restaurants und Mensen, zwölf Prozent direkt bei den Landwirt*innen und vier Prozent im Handel. Damit kommen auf den Handel immer noch 720.000 Tonnen weggeworfene Lebensmittel pro Jahr. Nach einer Studie des WWF von 2015 dagegen entstehen 14 Prozent der Lebensmittelabfälle beim Handel, fast 40 Prozent beim Endverbraucher, 14 Prozent direkt bei den Bauern, der Rest in Restaurants und Industrie.  

Hinter dem Netto am Ostbahnhof verschwindet Jonas noch einmal halb in der Mülltonne und taucht mit einer Tüte Bio-Möhren wieder auf. Die meisten sind schwarz und wabbelig. „Die könnte ich jetzt mitnehmen. Aber da muss ich fast alles wegschneiden, das ist mir zu viel Arbeit“, sagt er. Plötzlich fährt ein Auto mit dem Logo einer Sicherheitsfirma auf den Parkplatz. Jonas‘ Bewegungen werden hektisch. „Ich glaube, wir sollten hier schleunigst verschwinden“, sagt er. Er schmeißt die Puddingbecher und die Radieschen zurück in die Tonne, geht zu seinem Fahrrad, steigt auf und fährt schnell über die Straße und am Ostbahnhof entlang, zwischen Pollern hindurch, dort, wo Autos nicht langfahren dürfen.

Die Politik unter Druck setzen

Das Thema Lebensmittelverschwendung hat es inzwischen auch auf die politische Agenda geschafft. Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) hat im vergangenen Februar eine Strategie gegen Lebensmittelverschwendung vorgestellt. Die allerdings kam ziemlich zahnlos daher und beinhaltete kaum konkrete Maßnahmen. Außerdem stützte die Strategie sich auf eine veraltete Studie, die die Lebensmittelabfälle außen vor gelassen hatte, die direkt bei den Landwirt*innen entstehen, weil zum Beispiel Gemüse zu krumm, zu klein oder zu groß ist.

Eine überarbeitete Version präsentierte Klöckner im November. Bis zum Jahr 2030 will sie die Lebensmittelverschwendung im Handel und in Privathaushalten halbieren. Hauptwerkzeuge ihrer Strategie sind das, was sie Dialogforen nennt. Dort sollen Nahrungsmittelerzeuger, Logistiker, Händler und alle anderen Akteure entlang der Nahrungsmittelkette beraten, wie es sich vermeiden lässt, dass Lebensmittel im Müll landen. Ein Anti-Wegwerf-Gesetz, wie es in Frankreich in Kraft ist, lehnt Klöckner aber ab.

  • 18,7 Mio. Tonnen CO2-Emissionen verursachen die Lebensmittel, die jedes Jahr in Deutschland im Müll landen
  • 52 Prozent der Lebensmittelabfälle entstehen in privaten Haushalten. Eine andere Studie geht von knapp 40 Prozent aus
  • 720.000 Tonnen Lebensmittel werfen Supermärkte in Deutschland jedes Jahr weg

Auch als Reaktion auf die erste Version des Strategiepapiers von Klöckner haben sich Restlos Glücklich, Sirplus, Foodsharing und Too Good to Go im vergangenen Sommer zusammengeschlossen und Forderungen an die Bundesregierung gestellt. Im Papier fordert das Bündnis ein Anti-Wegwerf-Gesetz, eine Reformierung des Mindesthaltbarkeitsdatums und dass das Thema Lebensmittelverschwendung im Bildungsplan aller Bundesländer verankert wird.

Damit sich bis dahin in den Köpfen der Menschen etwas bewegt, geht Restlos Glücklich regelmäßig in Schulen und lässt Kinder mit Gemüse kochen, das Bauern wegen der Normen im Handel nicht verkaufen konnten und sonst verrotten würde. Außerdem versucht der Verein, auch Erwachsene dazu zu bringen, Essen mehr wertzuschätzen. Immer wieder kochen die Mitglieder des Vereins an öffentlichen Orten, unter anderem im Haus der Statistik und auf dem Alexanderplatz, wo das Überangebot an Lebensmitteln besonders deutlich wird. Bei der letzten Kochaktion auf dem Alex hat Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Die Grünen) die erste Brotlette gegessen, eine vegane Boulette, hergestellt aus verschmähtem Gemüse und Getreide. 

Doch auch wenn mehr Menschen umdenken, vergammeln immer noch tausende Kilo Lebensmittel in den Mülltonnen der Supermärkte. Also fährt Jonas, der Mülltaucher, weiter durchs nächtliche Friedrichshain. Dieses Mal hält er an einem Aldi und fischt aus der Tonne: Blumenkohlköpfe, Äpfel, Granatäpfel, Schoko-Vanille-Pudding, Spargel. Er schiebt das Gemüse und die Puddingbecher in seinen Rucksack. Der ist mit einer Plastiktüte ausgelegt, damit das Essen aus der Tonne ihn nicht dreckig macht.

Fühlen, schmecken, riechen

Das Containern hat Jonas’ Kochverhalten verändert. Seit etwa anderthalb Jahren geht er ungefähr einmal die Woche containern, oft zusammen mit Mitbewohnerinnen, meistens samstags. Danach kochen alle zusammen. „Wir haben nicht diese Anspruchshaltung, dass immer alles verfügbar sein muss“, sagt er. „Wir kochen das, was wir gerade da haben.“ Zwar schafft es die WG nicht, komplett vom Containern zu leben. Aber die acht Bewohnerinnen sparen dadurch jede Woche mindestens zehn Euro.

Alle Lebensmittel aus der Tonne überprüft Jonas zwei Mal: am Supermarkt, noch einmal zu Hause. Noch nie sei ihm etwas schlecht bekommen. „Einfach fühlen, riechen, schmecken, so wie man es auch mit Lebensmitteln im eigenen Kühlschrank macht, wenn man sich nicht sicher ist, ob sie noch gut sind“, sagt er.

Bei den Kochevents des Vereins Restlos Glücklich lernen Kinder und Erwachsene, dass krummes Gemüse genauso gut schmeckt wie makelloses und dass man braune Stellen auch herausschneiden kann. Obendrauf gibt’s Kochrezepte
Foto: restlos glücklich

So hält es auch Helen Eckstein. Sie macht seit 2014 bei Foodsharing mit und sagt: „Ich will selbst entscheiden, ob ich etwas noch essen kann. Ich will riechen, schmecken, fühlen und verlasse mich etwa bei Joghurts nicht aufs Mindesthaltbarkeitsdatum. Und ich schmeiße Lebensmittel fast nie weg. Wenn zum Beispiel Pflaumen matschig sind, dann mache ich eben Marmelade draus und schenke meinen Nachbarn ein paar Gläser.“ Die Essenretter*innen, egal ob sie containern oder Essen teilen, eint ein Gedanke: Sie sind gegen die Überflussgesellschaft. Und sie wollen nicht akzeptieren, dass über ihren Kopf hinweg entschieden wird, ob ein Lebensmittel nicht gut genug ist. 

Sowohl Jonas als auch Helen Eckstein sagen, dass das Retten von Essen zwar gut und wichtig, aber letztlich Symptombekämpfung sei. Das Grundproblem liege woanders, sagen sie: in unserem Wirtschaftssystem. Und bei den Kund*innen und deren Erwartung: volle Regale in den Konsumtempeln.

Helen Eckstein (re.) und Kollegin Andrea Fuge nehmen alles mit, was der Bio-Supermarkt nicht verkaufen will oder kann. Was sie selbst nicht essen, verschenken sie.
Foto: Stephanie von Becker

Lea Kliem, Umweltökonomin und Mitglied des Berliner Ernährungsrats, stimmt dem zu. „Unser Wirtschaftsmodell ist auf Wachstum ausgerichtet und folgt einer Profitlogik. Diese Wachstumszwänge gelten auch für die Ernährungsindustrie. Doch in einer Wohlstandsgesellschaft wie Deutschland sind irgendwann alle satt – ständiges Wachstum ist da schwierig“, sagt Kliem. Deswegen überlege sich die Ernährungsindustrie dauernd neue Tricks, mit denen sie uns dazu bringe, mehr zu „brauchen“ und zu kaufen. „Das reicht von Angeboten wie ,zwei für den Preis von einem‘ über Gesundheitsversprechen bis hin zu Produkten wie Kartoffelchips mit vielen Zusatzstoffen, die uns süchtig nach mehr machen“, sagt Kliem. Dazu kommt: Kunden fühlen sich wohler und kaufen mehr, wenn die Regale voll sind.

Ein Grundproblem der Nahrungsmittelversorgung sind laut Timm Bönke, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin, die Preise der Lebensmittel: „Die Preise entsprechen nicht den wahren Kosten. Zurzeit spiegeln sie nur die Produktionskosten wieder. Aber die Kosten, die durch die CO2-Emissionen aus Produktion und Transport entstehen, sind nicht in den Preisen im Supermarkt enthalten. Und das begünstigt billige, umweltschädliche Produktion“, sagt Bönke. Deswegen müsste man eingreifen, mit einer CO2-Steuer zum Beispiel. „Der Kapitalismus ist sich selbst der größte Feind. Man muss ihn maßregeln, sonst geht er unter. Im Moment erzielt die Lebensmittelindustrie mit Ressourcenverschwendung und Überproduktion den größten Nutzen. Diese Verschwendung darf sich nicht mehr lohnen.“

Ginge der Kapitalismus unter, hätte Jonas nichts dagegen. Er ist Sozialist durch und durch, das Containern hat für ihn nicht nur eine ökologische, sondern auch eine antikapitalistische Komponente: Was er containert, muss er nicht kaufen. Foodsharing dagegen ist nach dieser Logik einerseits ebenfalls antikapitalistisch, weil die Menschen auch dadurch weniger kaufen. Andererseits sparen die Supermärkte Entsorgungskosten, wenn sie das Essen von Essensretter*innen abholen lassen.

Sirplus Gründer Raphael Fellmer (re.) will das Essenretten so bequem wie möglich machen – auch für Berufstätige, die wenig Zeit haben und sich nicht nach Abholzeiten richten können
Foto: SIR PLUS

Das Essenretten bei Foodsharing funktioniert so: Eine Reihe von Supermarktketten und Läden kooperiert mit der Initiative, sodass die sogenannten Foodsaver zu festgelegten Zeiten umsonst Lebensmittel abholen können, die die Geschäfte nicht mehr verkaufen wollen oder können. Vorher müssen Interessierte noch einen Online-Test bestehen, in dem die potentiellen Foodsharerinnen Multiple-Choice Fragen beantworten müssen, zum Beispiel dazu, wie sie sich im Laden bei den Abholungen verhalten sollen.

Danach folgen Probeabholungen, die die Foodsaving-Anwärterinnen zusammen mit erfahrenen Essensretterinnen absolvieren müssen. Dann sind sie zertifizierte Foodsaverinnen und können sich zu Abholungen eintragen. Doch wer sich immer wieder einträgt und dann nicht kommt, fliegt aus der Liste – weil sonst eben doch Essen im Müll landet, das sonst jemand anderes abgeholt hätte.

In Moabit hat Helen Eckstein heute einen Abholtermin bei einem Bio-Supermarkt. Zusammen mit einer anderen Foodsaverin klopft sie an die Hintertür des Ladens. Eine Mitarbeiterin öffnet und bittet sie freundlich herein. „Heute gibt’s nicht allzu viel“, sagt sie. Im Lager steht auf einem Metalltisch eine grüne Plastikkiste. Darin sind Erdbeeren, Salatköpfe, Möhren, Gurken, Milch und – man glaubt es kaum – Salz. Eckstein und ihre Kollegin teilen alles auf.

„Bei Foodsharing geht es um Verantwortung gegenüber den Lebensmitteln, die man abholt, und um das Ideal, Lebensmittel zu retten“, sagt Eckstein. „Und um Verantwortung gegenüber der Foodsharing-Gemeinschaft.“ Deswegen findet sie, dass Foodsaver auch dann Essen abholen und verteilen sollten, wenn zum Beispiel jemand wegen Krankheit ausfällt und sie selbst gerade keinen Bedarf haben.

Eine offizielle Regel ist das aber nicht. Trotzdem gilt: Wenn man das abgeholte Essen nicht verbrauchen kann, soll man es im Bekanntenkreis verteilen, zu einer öffentlichen Einrichtung oder in einen der sogenannten „Fairteiler“ bringen, Hauptsache, es landet am Ende nicht doch in der eigenen Mülltonne. Von den „Fairteilern“, das sind Schränke oder Kühlschränke, in denen das gerettete Essen gelagert wird, gibt es etwa 30 Stück im gesamten Stadtgebiet. Manche stehen in Nachbarschaftszentren, andere auf Kirchenvorplätzen und wieder andere auf Privatgrundstücken.

Erik Winkel ist seit der Gründung von Sirplus Kunde. Er kommt nicht mit einer festen Kochidee in den Supermarkt, sondern lässt sich von dem inspirieren, was gerade in den Regalen liegt
Foto: Xenia Balzereit

Wegen der vielen Regeln verursacht Foodsharing eine Menge Aufwand. Einfacher, aber kostspieliger ist es, in einem der Sirplus-Supermärkte einzukaufen. Der Berliner Raphael Fellmer hat 2012 Foodsharing mitgegründet und ein paar Jahre später das Startup Sirplus ins Leben gerufen. Er sagt: „Sirplus ist für den Mainstream, für alle, die Essen retten möchten, aber aus unterschiedlichen Gründen kein Foodsharing machen können. Zum Beispiel für Berufstätige, die keine Zeit für die Abholungen haben.“

Im Gegensatz zu dem Essen bei Foodsharing kosten die Lebensmittel, die Sirplus anbietet, Geld: ungefähr so viel wie in Discountern. In der kleinen Filiale in der East Side Mall, einer von dreien in Berlin, schlendern fünf Kund*innen durch die beiden Gänge. Es ist ein Dienstagabend, 18 Uhr. In den Regalen reihen sich Konserven an Tomatenmark im Tetrapack, Trockenfrüchte an Packungen mit Nudeln – manche davon in riesigen Tüten. Im Gegensatz zur Berliner Tafel und Foodsharing bekommt Sirplus seine Waren direkt von Lebensmittelherstellern.  

Essenretten verändert das Kochverhalten

Sirplus ist also ein Angebot für diejenigen, die kaum Zeit, aber Geld haben. „Mein Ziel ist, dass möglichst viele Menschen Essen retten. Das geht am Besten, wenn das Angebot möglichst breit gefächert ist, wenn es verschiedene Wege gibt, auf denen man Essen retten kann“, sagt Fellmer. Die Supermarktkette nimmt alles an: Fleisch, Milchprodukte und Veganes, konventionelle und Biowaren – letztlich geht es darum, zu verhindern, dass etwas umsonst produziert wurde.

Der Veganer Erik Winkel kauft etwa einmal die Woche im Rettermarkt ein. „Wir Konsumenten haben Macht. Ich will mein Geld nicht unbedacht ausgeben und damit Händler unterstützen, die durch ihre Art, zu wirtschaften die Umwelt zerstören“, sagt er. Die Auswahl bei Sirplus ist allerdings nicht mit der in anderen Supermärkten vergleichbar, das sieht auch Winkel. Wer ein Rezept im Kopf hat und alles dort kaufen will, wird wahrscheinlich enttäuscht. Wie bei allen anderen Wegen, Essen zu retten, muss man auch hier seine Kochgewohnheiten umstellen. Winkel sagt: „Ich komme halt hierher und gucke, was ich heute koche.“  

Ein weiterer Unterschied zwischen Foodsharing und Sirplus ist, dass Raphael Fellmer mit den Rettersupermärkten Geld verdient – im Verein dagegen machen alle auf ehrenamtlicher Basis mit. Außerdem verschaffen die Sirplus-Supermärkte etwa 80 Menschen Arbeit – Tendenz steigend, weil das Startup wächst. Fellmer selbst hat fünfeinhalb Jahre lang ohne Geld gelebt, lange mit dem Lebensmittelretter-Verein Essen gerettet und sich so ernährt. Damit wollte er gegen den überbordenden Konsum in unserer Gesellschaft protestieren und gegen die Idee, dass Dienstleistungen und Waren immer Geld kosten müssen und es nichts umsonst gibt.

Wenn man von etwas zu viel hat, dann kann man auch abgeben, ohne eine Gegenleistung zu verlangen: So denkt Fellmer auch heute noch und nach diesem Prinzip funktioniert auch der Essensretter-Verein. In der Zwischenzeit aber hat er zwei Kinder bekommen, für deren Bedürfnisse er letztendlich doch Geld braucht. Heute sagt Fellmer: „Lebensmittel zu retten ist nicht mein Job, sondern mehr eine Berufung für mich. Aber das Leben wird teurer mit Kindern, irgendwo muss das Geld für die Klassenfahrt ja herkommen.“

Mit der App „Too Good to Go“ kaufen Essensretter*innen fertig zubereitete Gerichte, die sonst weggeworfen werden würden
Foto: too good to go

Eine weitere Strategie zur Lebensmittelrettung hat das Start-up Too Good to Go. Das Angebot der Too-Good-To-Go-App richtet sich an alle, die auf die Schnelle etwas essen und nicht kochen wollen. Mit der App können Kundinnen Essensboxen direkt von Restaurants abholen, gefüllt mit Sushi oder einem Mix vom Buffet. In den Boxen liegt das Essen, das die Lokale nicht mehr verkaufen, weil sie bald schließen. Deswegen müssen die Kundinnen nach Feierabend oder in Pausen ihr Essen abholen. Dafür bezahlen sie aber nur die Hälfte oder weniger des ursprünglichen Preises.

„Wir füllen eine Lücke, die andere Konzepte durch ihre unterschiedliche Logistik und Ausrichtung nicht bedienen können: Wir vermitteln einzelne Portionen an einzelne Personen“, sagt Teresa Rath von Too Good To Go. „Dabei wollen wir es den Leuten so einfach wie möglich machen, Essen zu retten. Das gilt für die Betriebe, die mitmachen, aber auch für die Abholerinnen.“ Die Restaurantbesitzer müssen deswegen nicht viel machen, um die Portionen an die Kundinnen abzugeben: Bürokratie und Logistisches übernimmt Too Good to Go.

Für Jonas kommt Too Good To Go nicht in Frage, weil er Schichtdienst hat und sich nicht nach festen Abholzeiten richten will. Er geht lieber containern und ist zufrieden damit. Er ärgert sich nur, dass er hinter dem Netto am Ostbahnhof wegen der Sicherheitsleute, die sich im Auto genähert hatten, die Schokopuddings wieder zurück in die Tonne tun musste. Und so gibt es für jeden die passende Art und Weise, Lebensmittel zu retten, wenn er oder sie es nur will.