Kunst

Lee Bul im Gropiusbau

Lee Buls Einzelausstellung im Gropiusbau zählt zu den Höhepunkten der Art Week. Unsere Autorin hat sich das Werk der Künstlerin aus Seoul in Südkorea angeschaut

Zum ersten Mal zeigt Lee Bul in Deutschland eine Einzelausstellung. „Crash“ im Gropius-Bau lässt die futuristischen Utopien der südkoreanischen Künstlerin in Skulpturen, Installationen und gestalteten Räumen erleben. In der von Stephanie Rosenthal kuratierten Schau, die die neue Direktorin des Gropius-Baus zuvor an der Londoner Hayward Gallery ausgerichtet hatte, vermittelt Lee zudem ihre eigene Auffassung von Zeit. Denn für die 1964 geborene Lee bewegt sich alles in der Vergangenheit, in der Moderne, oder aber in der Zukunft. Die Gegenwart scheint nur ein kurzer Moment zu sein.

Als Lees Karriere in den 80er-Jahren begann, herrschte in Südkorea noch das Militär. Der Wechsel zur Demokratie 1987 ließ Fragen laut werden, in welcher Gesellschaft man leben wolle. Lees Rauminstallationen handeln deshalb oft von Zukunftsvisionen. Obwohl sie selten konkret wird, lassen ihre Werke ein politisches Statement erkennen: Subtil verarbeitet sie die Erfahrung, dass ihr Land lang von korrupten Politikern geführt wurde und dass in Seoul, ihrem Wohnort nahe der Nord-Süd-Grenze, der koreanische Konflikt permanent präsent ist.

© Foto: Linda Nylind
Lee Bul, „Via Negativa II“, begehbare Skulptur, 2014 © Foto: Linda Nylind

Ihre bekanntesten Arbeiten dürften jedoch ihre Cyborgs sein. Die Skulpturen, die in internationalen Museen schon oft von der Decke hängend ausgestellt wurden, sehen wie futuristische Puppen aus, denen Beine oder Arme fehlen. Lee sieht in den abwesenden Elementen Zeichen von Heilung und Wiederaufbau. Dagegen lehnt sie die weitverbreitete Idee ab, dass reale Cyborgs wie Menschen inklusive ethnischer und genderbasierter Körperformen auszusehen hätten. Dass Lee sich gegen konventionelle Erwartungen stellt, lässt sich schnell erkennen.

 

Demokratin aus Erfahrung

Foto / photo: Kim Jae Won, Foto Courtesy / photo courtesy: Studio Lee Bul.
Lee Bul in ihrem Studio, Seoul. Foto / photo: Kim Jae Won, Foto Courtesy / photo courtesy: Studio Lee Bul.

In Südkorea sind Lees Arbeiten in fast jedem Museum für zeitgenössische Kunst präsent. Obwohl sie zu den bekanntesten Künstlerinnen des Landes zählt, reihen sich ihre Arbeiten in den Präsentationen neben denen von Kollegen ein, die im Ausland unbekannt sind. Sie wird geschätzt, hat aber keinen Sonderstatus.

Die studierte Bildhauerin ist in ­Seoul gleich in mehreren Sammlungen vertreten, nicht nur im Seoul Museum of Art, sondern auch im Museum der Ewha ­Womans University, der ersten Frauenuniversität Koreas. Als Frau in einer Reihe von männlichen Künstlern, die vor 30 Jahren die Kunstszene Südkoreas dominierten, dürfte das für Lee wichtig sein. Ihre Arbeiten hinterfragen fortlaufend die Rolle der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft Koreas. Ihre Außenseiterrolle in den 80er-Jahren allein wegen ihres Geschlechts, war ihr früh bewusst. Eine Künstlerin in Korea, sagte sie in einem Interview mit der britischen Tageszeitung „Guardian“, müsse alles für die Kunst opfern. Die Künstlerinnen des Landes, die sie kenne, seien deshalb alle starke Frauen.

Im Gropiusbau: Lee Bul im Gespräch

Im Museum der Frauenuniversität wird sie neben Kolleginnen, die an der Universität lehren oder lehrten, präsentiert. Die Porzellanformen ihrer Cyborg-Teile setzen sich jedoch stark von den Keramikarbeiten der anderen ab: Sie verbinden den technischen Fortschritt mit der koreanischen Keramiktradition. In Berlin wird die Künstlerin im Gespräch mit Direktorin Stephanie Rosenthal am 30. September sicherlich auf ihr Land, den Diskurs über Traditionen und die Moderne in Korea und ihre Kunst eingehen. Und selbst, wenn Lee Bul in ihren Formulierungen koreanisch zurückhaltend bleiben sollte: Allein ihre Ausstellung wird die Haltung dieser starken Frau aus Korea erkennen lassen. 

29.9.18-13.1.19: Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 11/ erm. 8 €, bis 16 J. frei. Talk: 30.9., 15 Uhr

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