Berlin

Legal ­kiffen

Maximilian Plenert ist einer von 18 Berlinern, die ihr Cannabis aus der Apotheke bekommen. Der Hanf-Lobbyist hat eine Sondergenehmigung: Legalisierung auf Rezept
Text: Martin Schwarzbeck

Für Kiffer ist das hier der gefährlichste Ort der Stadt. Polizisten auf der Jagd nach Cannabis stürmen den Görlitzer Park im Schnitt täglich zwei Mal. Maximilian Plenert setzt sich dort auf eine gut einsehbare Erhebung und dreht einen Joint. Rings um ihn werden so unauffällig wie möglich Übergaben abgewickelt,

Plenert stellt seine zwei Döschen voll Gras vor sich auf den Tisch. Die Dealer werfen unruhige Blicke über ihre Schultern, Plenert zückt das Feuerzeug und setzt sein deutlich konisches Werk in Brand.

Plenert, 32, Diplomphysiker und Cannabislobbyist, hat keine Angst, denn er ist einer von 18 Berlinern, die ihr Gras aus der Apotheke bekommen und legal überall rauchen können, wo es das Nichtraucherschutzgesetz erlaubt. Er hat das „Zappelphilipp“-Syndrom ADHS, Gras hilft ihm bei der Konzentration. Er konsumiert es meist per Verdampfer, gelegentlich auch ganz klassisch im Joint.

Freies Gras für alle

Es sieht so aus, als würde die Legalisierung tatsächlich kommen – mit dem medizinischen Konsum als Türöffner. Seit November 2005 ist es möglich, vom Bundesinstitut für Arzneimittel eine Sondergenehmigung zum Erwerb von Cannabis zu erhalten. 382 Deutsche konsumieren es bereits legal. Die Bundesregierung entwickelt ein Gesetz, das im kommenden Jahr Hanfblüten für Schmerzpatienten auch ohne Ausnahmegenehmigung zugänglich machen soll.

Das Kölner Verwaltungsgericht erlaubte vergangenes Jahr drei Schmerz­patienten sogar den Anbau. Die Grünen haben gerade einen Gesetzentwurf im Bundestag eingereicht, der allen Bürgern den Besitz von 30 Gramm Gras oder drei Pflanzen erlauben würde. Und jetzt spricht sich sogar der Gesundheitsexperte der Berliner SPD-Fraktion, Thomas Isenberg, für ein Coffeeshop-Modellprojekt aus. Nur Berlins Innensenator Frank Henkel von der CDU gibt sich weiterhin autoritär mit seiner Null-Toleranz-Regelung, die gerade im Gör­litzer Park in Kraft getreten ist und Cannabisbesitz schon ab dem ersten Krümel bestraft.

Maximilian Plenert kann Henkels Regulierungswut egal sein. Wenn die Polizei jetzt mit einer Hundertschaft im Gör­litzer Park einmarschieren würde, müsste er nur seine Ausnahmegenehmigung zücken – und dürfte theoretisch weiterrauchen. „Ich bin gespannt auf den ers­ten Polizeikontakt“, sagt er fast schon erwartungsvoll, als könnte er damit der Staatsmacht die Jahre des Versteckspiels heimzahlen. Besonders freut er sich darauf, an Bahnhöfen in seiner Heimat Bayern ­öffentlich zu kiffen.

Plenert hat die Genehmigung seit Oktober vergangenen Jahres. 300 Euro hat sie ihn gekostet, „aber es war leichter als gedacht, sie zu bekommen“. Es gibt in Berlin sogar einen Cannabispatienten-Stammtisch, wo sich Menschen mit unterschiedlichsten Leiden gegenseitig den Weg zum legalen Gras erklären. 15 Euro kostet Plenert das Gramm in der Apotheke, das ist etwa so teuer wie im Görlitzer Park. Dafür kann Plenert aber unter vier Sorten wählen, deren Wirkstoffzusammensetzung genau angegeben ist (siehe Foto links). Und: Er zahlt 19 Prozent Umsatzsteuer auf seine Drogen.

Die Diagnose ADHS bekam er vor zwei Jahren, schon als Kind war er schnell aufbrausend und so unkonzentriert, dass er beim Schreiben ganze Wörter vergaß. Mit 17 begann er zu kiffen. „Und ich habe gemerkt: Das hilft. Es macht mich gelassener und konzentrierter. Das war wohl schon damals eine Art Selbstmedikation.“ An­dere können nach einem Joint kaum mehr die Augen öffnen, Plenert löst dann am liebs­ten komplexe Probleme und programmiert. Dank Cannabis kann er zudem die Dosis des aufputschenden Ritalin senken, das er vom Hausarzt gegen seine Krankheit verschrieben bekommt.

Plenerts Frau hat ihn als Kiffer kennengelernt, sie toleriert es. Die beiden Kinder bekommen in der rauchfreien Wohnung von Papas Konsum nichts mit. „Und meine Oma findet Cannabis sogar richtig cool, weil es ein pflanzliches Arzneimittel ist.“

Neue Entspanntheit

Plenert fühlt sich freier, seit sein Gras aus der Apotheke kommt. „Die Polizei ist keine Bedrohung mehr. Für mich ist die Legalisierung da“, sagt er. Doch er arbeitet beim Deutschen Hanfverband und hat entsprechend größere Pläne: reguliertes Cannabis für alle Erwachsenen. „Das Verbot ist wirkungslos“, sagt er und weist mit ausladender Geste auf das gute Dutzend Dealer in Sichtweite, die von den ständigen Razzien offensichtlich wenig beeindruckt sind. „Aber es bringt massive Kollateralschäden, mehrere Berliner Staatsan­wälte sind nur mit Cannabisfällen beschäftigt. Das Gras ist da, wir müssen eine vernünftige Regelung dafür finden“, sagt er.

Wie um ein Ausrufezeichen zu setzen, zieht Plenert tief an seinem Joint. So frei wie hier im Görlitzer Park, auf bayerischen Bahnhöfen oder vor Polizeistationen kann er sein Cannabis allerdings nicht immer handhaben. Zu Hause lagert er es, strikt nach Gesetzesvorgabe, in einem Sicherheitsschrank.

Liste mit Indikationen und Kontakt zum Stammtisch

Video: Plenert kauft Gras in der Apotheke