Legal Kiffen

Hanfparade

Auf der Hanfparade demonstrieren dieser Tage wieder Tausende für die Entkriminalisierung ihrer Lieblingspflanze. Dabei sind bestimmte Hanfsorten sogar legal

Foto: Cascade Creatives/stock.adope.com

Was kaum einer weiß: Einige Hanfsorten sind erlaubt. In einem Laden in Kreuzberg wird Hanf sogar legal zum Kauf angeboten. Die Blüten, die hier über die Theke gehen, sehen fast genau so aus wie die aus dem Görlitzer Park. Der Unterschied: Sie enthalten unter 0,2 Prozent des Hauptwirkstoffes THC und stammen aus EU-zertifiziertem Nutzhanfanbau. Dafür enthalten sie besonders viel CBD. Das CBD dient im Hanf für gewöhnlich dazu, Nebenwirkungen wie Herzrasen und Angstzustände abzuschwächen. Isoliert hat es nur eine unterschwellig beruhigende Wirkung. Sorten mit einem hohen CBD-Anteil werden von Freizeitkonsumenten kaum konsumiert. Im medizinischen Bereich sind sie aber nützlich.
Und dieses Cannabidiol, ein Cannabinoid aus der weiblichen Hanfpflanze, erlebt momentan einen Boom.

Hinter der Theke im „Tom Hemp’s” stehen Cristian Accardo und Deborah Reich. Die Wände sind bunt bemalt, die Musik ist sphärisch. Accardo, der aus der Nähe von Neapel stammt, betreibt seit vergangenem Jahr hier ein Geschäft und Café – mit Hanfpizza und Hanfgetränken. Accardo stammt selbst aus einer Familie mit langer Tradition im Hanfanbau und pflegt so eine ganz persönliche Beziehung zum grünen Kraut. „Mein Großvater in Italien hatte in den 30er und 40er-Jahren ein Hanffeld, als es noch legal war, es anzubauen“, sagt er. Hanf wurde damals als Nutzpflanze für alle möglichen Belange produziert – Kleidung, Schiffstaue, sogar Autobenzin stellte man in den USA bis zur Prohibition 1937 aus Hanf her.

Heute können 52 von der EU zertifizierte Nutzhanfarten frei angebaut werden. Aus diesen Sorten gewinnen Accardo und Reich auch ihr CBD, das sie selbst zu Aromablüten weiterverarbeiten. Auch Öle, Kristalle, E-Liquids, Hanftees und selbst Kosmetika – denn CBD soll auch über die Haut wirken – stehen zum Verkauf.

Die „Meer-Jane Aromablüten“ in dekorativ verpackter Dose zeigen eine einhornreitende Angela Merkel mit Meerjungfrauenschwanz. Die Dose für 25 Euro ist bis zum Rand mit zwei Gramm Cannabis gefüllt: grün, duftend, klebrig.

Der Markt ist hart

Florian Rister, stellvertretender Geschäftsführer des Hanfverbands Berlin, schätzt die Verbreitung von CBD in Deutschland mittlerweile als relativ hoch ein: „Der Markt wächst rasant, das merken wir an steigenden Anfragen von Kunden wie Unternehmern“. In den letzten Jahren sprießen immer mehr Onlineshops aus dem Netz, mit einer Vielzahl an verschiedenen Mittelchen in fest, flüssig und dampfförmig – mancherorts munkelt man sogar, es gebe schon zu viel Konkurrenz. Mit THC-Werten unter den in Deutschland vorgeschriebenen 0,2 Prozent sind laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nicht-medizinische Produkte mit CBD dann legal, wenn ein Missbrauch zu Rauschzwecken ausgeschlossen werden kann. Das war schon immer so, wurde bisher nur nicht anders reguliert. Als Nahrungsergänzungsmittel ist CBD also okay.

Ärzte können seit 2017 Schwerkranken – zum Beispiel Multiple Sklerose-Patienten – Cannabispräparate mit THC verschreiben, diese lassen sich sogar von der Krankenkasse absetzen. Auch CBD-Produkte können per Rezept verordnet werden. Bei den Produkten von Accardo und Reich handelt es sich ausdrücklich nicht um Medikamente, trotzdem nehmen viele ihrer Kunden das CBD wie Medizin ein. „Viele der Kunden kaufen nicht-medizinische CBD-Produkte – für die keine komplizierte Zulassung nötig ist – und wenden diese zu medizinischen Zwecken an“, sagt auch Rister.

Foto: Oliver Mezger

 

Alles Esoterik?

Laut Accardo informieren sich die Kunden über die Effekte weitestgehend selbst, denn viele Ärzte oder Apotheker wüssten über Behandlungsmöglichkeiten mit CBD noch nicht Bescheid – und er und Reich dürfen keine medizinische Auskunft geben. Auch mit der theoretischen Übernahmemöglichkeit durch die Krankenkasse gebe es häufiger Probleme, so dass viele Kunden das CBD schlussendlich aus eigener Tasche bezahlten.

CBD wirkt nicht psychoaktiv und lässt das zentrale Nervensystem unangetastet. Im Gegensatz zum THC macht es nicht high, wirkt aber entspannend und löst Entzündungen und Krämpfe. Für welche besonderen Krankheitsbilder CBD eingesetzt werden kann, wird noch erforscht – so zum Beispiel im Zusammenhang mit Schizophrenie, wozu die Charité gerade eine Studie durchführt. Die Heilversprechen auf unterschiedlichen Websites sind dabei zahlreich, wie eine natürliche Wunder-Superwaffe gegen und für alles kommt es daher – mal mehr, mal weniger wissenschaftlich untermauert. CBD helfe bei Stress, Angst, Schlafproblemen, Essstörungen, Hautproblemen, bei der Verbesserung der Augen- und Herzgesundheit, bei der Unterstützung von Chemotherapien – die Liste ließe sich lange fortsetzen. Alles nur Humbug, Betrug und esoterischer Quark? Oder, etwas wohlwollender: Psychosomatik? Dennoch glauben nicht nur ominöse Onlineheiler an gesundheitsfördernde Effekte von CBD. Auch Rister meint: „Wir sind immer wieder erstaunt von den geradezu unglaublichen Berichten, die wir von Patienten erhalten, die reines CBD ohne THC einnehmen (…). Sicher spielt bei einigen Menschen auch der psychosomatische Effekt eine Rolle. Wir sind mittlerweile aber zu 100 Prozent überzeugt, dass CBD ein enormes Potenzial in der medizinischen Anwendung hat.“ Und auch die Anwendung als Genussmittel wird für CBD-Hanf immer populärer. In der Schweiz verkauft Lidl seit April die Blüten als Tabakersatz.

Accardo und Reich geht es mit ihrem Projekt vor allem darum, einen Ort der Aufklärung zu schaffen. Anfangs reagierte die Nachbarschaft im umliegenden Wrangelkiez noch skeptisch auf „Tom Hemp’s”. Mittlerweile kommen sie jedoch gut miteinander aus, tatsächlich haben die beiden einen nachbarschaftlichen Diskurs ausgelöst und zur Aufklärung über das medizinische Potenzial von CBD beigetragen. In Zukunft sollen die Räume des Ladens auch um eine Leseecke mit Büchertausch bereichert werden, Seminare und Lesungen sollen folgen.

Hanfparade

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