Unsere Helden 2013

Die Legenden

Sie sind seit Jahren im Einsatz, echte Profis, aber dieses Jahr haben sie sich wieder selbst übertroffen

Der Ersthelfer

Feuerwehrmann Heinz-Joachim Hauser rettete dem kleinen Julian das Leben


Am 4. Mai verbringt Heinz-Joachim Hauser einen freien Tag in seiner Wohnung. Plötzlich hören seine Lebensgefährtin und er die verzweifelten Hilferufe einer Frau, die aus der Nachbarwohnung kommen. Das Paar stürzt sofort in Richtung der Schreie. Eine ältere Dame öffnet die Tür, sie wirkt panisch: „Mein Enkelkind ist tot!“ Es ist die Oma des fünfjährigen Julian. Der Kleine hat einen angeborenen Herzfehler. Vor ein paar Minuten hat er noch fröhlich gespielt. Jetzt liegt er leblos auf dem Boden. Hauser ist einer von 3.576 hauptberuflichen Feuerwehrleuten in Berlin, dazu gibt es 497 Azubis, 1.363 Freiwillige und 941 Jugendfeuerwehrleute. Hauser ist auch Rettungssanitäter, beginnt sofort mit Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung. Schon als die Rettungskräfte eintreffen hat Julian wieder einen Pulsschlag. Mittlerweile hat er ein Kunstherz, ist vollständig gesund und sehr lebendig. Hausers mutiger Einsatz hat nicht nur das Leben des Jungen gerettet. Durch seine Tat sind sich auch die Nachbarn näher gekommen. Der kleine Julian mit den wachen Augen und der große Feuerwehrmann sind Freunde geworden.CR


Der Spielzeugretter

Philipp Schünemann schenkt ramponierten Spielwaren neues Leben


Er ist der Oberarzt der Spielzeugklinik. „Onkel Philipp“ nennt er sich, denn seine Kunden sind besorgte Kinder. Sie bringen die Patienten zum Spielzeugdoktor, dem sie in allen Fachbereichen von Chirurgie bis Technik vertrauen. Schünemann näht Puppenarme wieder an, flickt kaputtes Teddyfell, reinigt verrostete Kontakte, bringt Motoren von Spielzeugautos zum Laufen – und beugt damit Kullertränen vor. Gerade erst reparierte er das musizierende Weihnachtskarussell einer bekannten Talkmasterin. Seit 1997 hat er rund 1.000 Spielwaren verarztet. Sein Laden in Prenz­lauer Berg, der im Keller ein Museum für DDR-Spielzeug beherbergt, ist auch Tauschbörse. Bis unter die Decke drängen sich fahrbare Untersätze, Spielzeugdrachen, Köfferchen und Plüschfiguren.ffe


Der Wall-Watcher

David Hasselhoff war auf der Suche nach vergangenem Ruhm


Der Sänger und Schauspieler David Hasselhoff musste viel Spott einstecken in den letzten Jahren. Kaum einer erkennt seine historische Leistung an, dankt ihm für den Fall der Mauer. Am 17. März reiste er für ein verbliebenes Stück der Hinterlandmauer, die so genannte East Side Gallery, nach Berlin und sang aus einem zusammengezimmerten Bauwagen: „I’ve been looking for freedom“. Es heißt, er habe den Flug selbst bezahlt. Gedankt wurde es ihm nicht. Sascha Disselkamp, Chefretter der Mauer, sprach von einem intellektuellen Tiefschlag. Das alles hat „The Hoff“ nicht verdient. Wir fordern eine Hasselhoff-Straße an der Spree. Oder zumindest eine Strandbar mit seinem Namen – mit roten Bikinis und Rettungsboje. mh


Die Spürnase

Phoebe rettete die Koalitonsverhandlungen


In Berlin sind gesellschaftliche Großereignisse, hohe Staatsbesuche und Staraufgebote an der Tagesordnung. Für die Berliner Polizei bedeutet das immer wieder höchste Alarmbereitschaft. Gut, dass sie sich dabei auf professionelle Hilfe auf vier Pfoten verlassen kann. Phoebe ist einer der besten Sprengstoffspürhunde der Berliner Polizei und blickt bereits auf eine außergewöhnliche Karriere zurück. Das Tier war im Winter 2012 an einer Straßenlaterne ausgesetzt worden und gelangte nur durch Glück in das Berliner Pfötchenhotel. Eine erstklassige Tierpension mit speziellem Betreuungsangebot und direktem Kontakt zur zentralen Diensthundeführereinheit der Berliner Polizei.
Wie der Zufall es wollte, suchte der Diensthundführer gerade nach einem neuen Partner und Phoebe passte mit ihrem ausgeprägten Spieltrieb perfekt ins Anforderungsprofil. Innerhalb von vier Monaten wurde der Hund anschließend zum Spezialisten für Sprengstoff, Munition und Waffen ausgebildet und bestand die Abschluss­prüfung mit Bravour. Heute gewährleistet Phoebe bei großen Berliner Veranstaltungen einen sicheren Ablauf. Zuletzt hat der Polizeihund zum Beispiel den Bundespresseball und die Koalitionsverhandlungen abgesichert. Nach Feierabend wohnt Phoebe in der Privatwohnung des Hundeführers Andreas, gemeinsam mit einem pensionierten Tabaksuchhund namens Psycho.CR


Das letzte Hemd

Hans-Christian Ströbele kämpfte mit Textilien gegen die NSA

Donnerstag, der 31. Oktober, in Moskau an einem unbekannten Ort: Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele trifft sich mit Whistleblower Edward Snowden. Zum Beweis twittert der Bundestagsabgeordnete ein Foto. Gut zu erkennen: ein blau-weiß gestreiftes Hemd. Ein Tag später auf der Bundespressekonferenz in Berlin. CNN ist da, die New York Times, der Spiegel, und natürlich sein blau-weiß gestreiftes Hemd. Eine Stunde lang präsentiert der 74-Jährige die Ergebnisse. Berlin, Mittwoch, der 6. November, Sondersitzung der Geheimdienst-Kontrolleure im Bundestag mit anschließendem Fernsehinterview. Gut zu erkennen: das blau-weiße Hemd!
Der Jurist, im Wahlkampf noch als Jopi Heesters der Politik verspottet, hat es allen gezeigt. Und er weiß sich zu vermarkten. Das Hemd ist sein Markenzeichen. Auf seinem Wahlplakat war es ebenfalls zu sehen. So viel Corporate Identity weckt Erinnerungen an einen großen Held, der ebenfalls immer dasselbe trägt: Superman. mh


Die Filmverführerin

Sue Beermann begeistert mit dem Eiszeit-Kino Kinder für die Leinwand


Bereits seit 1989 betreibt Sue Beermann, 57, das Eiszeit-Kino in der Zeughofstraße in Kreuzberg. Und präsentiert nun höchstselbst einmal im Monat immer sonntags ihr „Mitmachkino“ für Kinder.
Was bedeutet Mitmachkino? Wir laden Kinder dazu ein, rund eine ­Stunde vor dem jeweiligen Kinderfilm ins Eiszeit zu kommen, um dort spielerisch an den Film oder das Medium Kino an sich herangeführt zu werden.
Was genau machen Sie mit den Kids? Basteln, malen, vorlesen – je nachdem. Neulich habe ich mit den Kindern ein Daumenkino gebastelt, um zu zeigen, dass auch Film aus lauter Einzelbildern besteht.
Wie ist die Resonanz? Die Sache muss sich natürlich erst herumsprechen. Ich fände es schön, wenn sich ein fester Stamm von Kindern finden würde, mit denen man längerfristig Dinge entwickeln kann und um den sich dann andere Kids gruppieren können.
Als Kinochefin haben Sie genug am Hut. Warum tun Sie sich das Mitmachkino an? Weil ich von den Kindern am meisten zurückbekomme und es ganz viel Spaß macht. Schließlich bin ich ja auch schon seit zehn Jahren Oma. MS


Der ewige Doppelgänger

Dieter Hallervorden hat sich  dieses Jahr neu erfunden. Ein aktueller Steckbrief


Alter
: 78
Beruf: Kabarettist, Schauspieler, Autor, Theaterleiter, Nachwuchsförderer, Besitzer eines französischen Schlosses, Berliner Theater: Wühlmäuse am Theo, Schlosspark Theater
Legendäre TV-Serien: „Nonstop Nonsens“, „Hallervordens Spottlight“, „Zebralla!“
Legendär böse TV-Auftritte: als Killer in „Das Millionenspiel“, als Psychopath in „Der Springteufel“
Bekanntheitsgrad: kennt jeder, kann viel mehr als nur „Didi“
Status Quo: hatte 2013 neben seinen vielen Verpflichtungen auch noch Muße, in Filmen wie „Das Kind“, „Das Mädchen und der Tod“ und vor allem „Sein letztes Rennen“ als wackerer Marathonläufer die ganze Bandbreite seines Könnens zu demonstrieren
Voraussage: wird, wenn er so weiter macht, 2014 eine zweite Kinokarriere nach seinen „Didi“-Filmen hinlegenMS


Die Umbruchsgesellschafter

Shermin Langhoff und Jens Hillje spiegeln im Gorki das neue Deutschland wider


Eigentlich waren sie schon fast in Wien, um die Schauspielleitung der Wiener Festwochen zu übernehmen. Doch dann bot  Kultursenator Klaus Wowereit den beiden die durch den überraschenden Weggang von Armin Petras nach Stuttgart vakant gewordene Intendanz des Maxim Gorki Theater an. Langhoff und Hillje ließen sich auf das Wagnis ein und stellten in nur einem Jahr das Gorki-Theater vom künstlerischen Personal bis zum Spielplan völlig neu auf. „In keiner anderen Stadt würde es das seriöserweise geben“, sagt Hillje und Langhoff, nun die erste Intendantin mit türkischen Wurzeln an einem deutschen Stadttheater, ergänzt: „Das funktionierte auch nur dank unserer Netzwerke.“ Auch inhaltlich geht das Gorki-Theater neue Wege, indem es die postmigrantische Wirklichkeit Berlins und Deutschlands ganz selbstverständlich spiegelt und Geschichten einer Umbruchsgesellschaft erzählt. Geschichten, die in Russland, Israel oder Kreuzberg spielen – aber immer von uns erzählen.icke


Der Kältehelfer

Dieter Puhl kümmert sich seit 20 Jahren um Wohnungslose


Er ist ein Lebensretter. Aber nur einer von vielen, das ist Dieter Puhl wichtig. Über 100 ehrenamtliche Helfer halten mit ihm die Bahnhofsmission am Zoo am Laufen, geben Essen, Schlafsäcke und Kleidung an die 600 Gäste täglich aus, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, und sorgen so mit dafür, dass Menschen nicht erfrieren. Vor kurzem kam eine Frau zu Puhl, die 37 Kuchen für die Gäste gebacken hatte. Puhl standen die Tränen in den Augen. „Wir sind froh über jede Hilfe“, sagt er. Kältehilfe sei schließlich ein Mannschaftssport. Etwa 70 Einrichtungen der Kältehilfe gibt es in Berlin. In der größten, an der Lehrter Straße, schlafen derzeit rund 160 Personen. „60 Plätze sind offiziell zu vergeben. Das ist eigentlich unhaltbar“, sagt Puhl. Vor vier Jahren, als er Leiter der evangelischen Bahnhofsmission am Zoo, der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof und des Kältehilfe-Nachtcafés der Stadtmission wurde, gab er im Jahr 3.000 Bekleidungsstücke aus, dieses Jahr waren es schon 33.000. Puhls Job ist ein knüppelharter. „Wir sehen Menschen sterben, wie sie sich körperlich auflösen, Wunden und Geschwüre haben. Da braucht man auch eine Wahrnehmung fürs Schöne, sonst geht man unter. Schön ist es, wenn Hilfe greift“, sagt er. msb


Der Kiezquerulant

Karl von Freyhold hilft im Wedding, wo er kann

In der unscheinbaren Bellermannstraße liegt das „Bürgerbüro Wedding“. Es ist Beratungsstelle, Kneipe, Kulturzentrum in einem und die Zentrale von Karl von Frey­hold, besser bekannt als „Karl im Kiez“. Der 66-Jährige hilft allen, die ihren Weg in sein Bürgerbüro finden. Ob private Steuerberatung,  Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen oder Warnung vor kostspieligen Hotlines. Der gelernte Einzelhandelskaufmann hat für alle ein offenes Ohr und eine helfende Hand. Auch in privaten Dingen ist auf den coolen Rentner mit der Sonnenbrille Verlass. So tritt er als Eheberater auf und übernimmt auch bei schwierigen Familienverhältnissen des Öfteren die Elternvertretung – alles unentgeltlich.
Schon früh hat sich Karl für seine Mitmenschen eingesetzt. Als Schöffe beim Jugendgericht oder später als Gewerkschaftsvertreter. Bei der Frage, woher seine ausgeprägte Hilfsbereitschaft kommt, wird Karl kurz nachdenklich: „Ich bin schon mit 14 von Zuhause ausgezogen und habe mich alleine durchgeschlagen“. Karl von Freyhold weiß selbst, wie wichtig helfende Mitmenschen sein können. CR


Der Klassenkämpfer

Herbert Mondry streitet für die Mitsprache der Künstler


Herbert Mondry, 73, verteilt Flugblätter vor Museen, schreibt Brand-Mails, wenn ein Atelierhaus schließen soll, und findet immer dann scharfe Worte für Klaus Wowereit, wenn der Regierende Bürgermeister und oberste Berliner Kulturentscheider die Freie Szene hängen zu lassen droht. Sein Einsatz für eine „City Tax“, die ­direkt auch der Kultur zugute kommen soll, wäre auch fast belohnt worden. Doch dann haben die Abgeordneten das Kulturfördermodell „City Tax“ im November doch noch ausgetrickst.
Mondry, seit 1989 amtierender Vorsitzender des Berufsverbands Bildender Künstler, hat mit seinem Engagement auch dem Berufsverband eine Verjüngungskur ermöglicht – in vielen Aktionen mit neu gegründeten Interessensvertretungen Kultur­schaffender wie der Koalition der Freien Szene, Haben und Brauchen und art but fair aus der Schweiz. Die „Kreative Klasse“ entwickelt Klassenbewusstsein. Nicht zuletzt aber ist Herbert Mondry alles andere als ein ehrenamtlich arbeitender Rentner: Der Maler und Fotograf stellt noch immer aus. CWA


Die Welt­köchin

In Heike Birkhölzers Weltküche gibt es Essen – und Arbeit für Flüchtlinge

Unscheinbar wirkt die kleine „Weltküche“ in der Kreuzberger Graefestraße auf den ersten Blick: Ein weiteres Bistro mit bunten Wänden, günstigem Mittagstisch und globaler Küche zwischen Cous Cous und Chili con Carne. Doch nicht nur das Essen kommt aus aller Herren Ländern. Sondern auch die Mitarbeiter, die aus China, Russland, Bosnien, der Türkei, von den Philippinen und aus dem arabischen Raum stammen.
Viele kamen als Flüchtlinge nach Deutschland und einige haben ihre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis vor allem deshalb, weil die Weltküche ihnen die Chance zu einer Hospitanz gegeben und so die Aussicht auf das Ja der Behörden erhöht hat. Diese ebenso smarte wie charmante Idee stammt von Heike Birkhölzer und „Bridge“, dem Berliner Netzwerk für Bleiberecht. Auch wirtschaftlich funktioniert die Weltküche: Mittlerweile kochen über 40 Menschen jeden Tag Essen für 1.300 Schüler, für Senioren in Berliner Altenheimen und bereiten ab und an Catering für Ministerien – und natürlich für das eigene Bistro in der Graefestraße. DE

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