ROMANADAPTION

Les Misérables

Frank Castorfs erste Inszenierung in Berlin nach der grandiosen Volksbühnen-­Ära enthält die bekannten Bestandteile – ist aber insgesamt arg enttäuschend

Fruchtlos furios: Stefanie Reinsperger, Valery Tscheplanowa, Aljoscha Stadelmann (v. li.) – Foto: Matthias Horn

Maximal sechseinhalb Stunden ­dürfe Frank Castorfs erste Berliner Insze­nierung nach der Volksbühnen-Ära dauern, habe BE-Chef Oliver Reese ihm beschieden. Sie dauert siebeneinhalb Stunden – was ficht es einen Castorf an, wer unter ihm Intendant ist? Wieder findet der große Regisseur in seiner überbordenden Inszenierung kein Ende, was vor allem im zweiten Teil nach der Pause, dreieinhalb Stunden sind da bereits gespielt, zur Qual für den Zuschauer wird.

Anders als in seiner letzten, ähnlich langen  Volksbühnen-Großtat „Faust“ wird aus dem Verschnitt diverser Vorlagen (darunter der Kuba-Roman „Drei traurige Tiger“ von Guillermo Cabrera Infante) mit (hier eher albernen) Kabinettstückchen, Extempores und ein bisschen Voodoo kein Bogen neuer Erkenntnis, der einen am Ende für die zunehmend leidvoll abgesessene Lebenszeit entschädigt: Revolutionen sind nötig, aber sie scheitern wie auch die Liebe stets, denn der Mensch ist gar nicht gut. Yo, man.

Eigentlich soll Victor Hugos Mammut-­Roman „Les Misérables“ gespielt werden, der im Kern das Schicksal des wegen ­einer Nichtigkeit zu 19 Jahren Haft verurteilten Jean Valjean vor dem Hintergrund des Pariser Juniaufstand von 1832 erzählt (und auf der Theaterbühne zuletzt vor allem als romantisches Musical bekannt ist). Doch Castorf verlegt die Handlung vom Paris der 1830er Jahre ins vorrevolutionäre Havanna von 1958, Fidels Bild hängt in einer Vitrine im doppelstöckigen Filmkulissen-Bühnenbild aus Tabakfabrik, Daiquiri-Bar, Marktstand und Wachturm mit Neonreklamen, das Castorfs Stammszenograf Aleksandar Denić’ ihm auf die Drehbühne des BE gebaut hat.

Castro und Castorf verbindet ja nicht nur die nahezu gleichen Buchstaben im Namen und der Hang zu ausufernden Vorführungen (Castros Reden dauerten ja schon mal bis zu 12 Stunden). Sie verbindet auch die Liebe zu Kuba, wo der eigentlich säkulare Regisseur den afrokubanischen Santeria-Kult für sich entdeckte. So gibt es auch in „Les Misérables“ nebenbei einen kleinen Ausflug in die Götterwelt und Legenden der Orixas, was in diesem Kontext aber nicht weiter zielführend ist.

Ihre besten Momente hat die Inszenierung zumeist, wenn tatsächlich Szenen des Hugo-Romans gespielt werden. Etwa die Läuterung des von Andreas Döhler kraftvoll gespielten Valjean durch die unglaubliche Güte des Bischofs Myrel (gespielt vom ­großen, 85-jährigen Jürgen Holtz): ein berührendes Schauspielfest, das der neue und der alte BE-­Mime da entzünden.

Beide spielen erstmals bei Castorf, ebenso wie Stefanie Reinsperger als schrill-derbe Wirtin. Mit Vale­ry Tscheplanowa, Thelma Buabeng und Abdoul Kader Traoré hat Castorf ein paar seiner bewährten Volksbühnen-­Spieler mitgebracht und auch sein Sohn Rocco Mylord darf mitspielen. Da prallen neben den dramaturgischen Schwächen leider auch unterschiedliche Spielweisen und -qualitäten nicht immer gut aufeinander.

Castorfs Kamerateam ist auch wieder dabei. Der Abend ist dann auch sehr oft Live-Video, das die Innenräume von Denić’ wunderbar vielschichtigen, karibischen Bühnenbau nach Außen bringt. Doch wie für den ganzen zäh mäandernden, fast durchgängig mit Konservenmusik unterlegtem Abend gilt diesmal auch hier: Weniger wäre mehr gewesen. FRIEDHELM TEICKE

15. , 28. + 29.12., 18 Uhr, 16.12., 16 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Regie: Frank Castorf; mit Andreas Döhler, Jürgen Holtz, Valery Tscheplanowa, Stefanie Reinsperger, Aljoscha Stadelmann u.a.. Eintritt 13–42 €

Update

Dass ein Regisseur nach der Premiere noch weiter an seiner Inszenierung schraubt ist eher ungewöhnlich. Genau das aber ist jetzt bei Frank Castorfs erster Berliner Premiere nach der Volksbühnen-Ära der Fall.

Die bislang siebeneinhalb-Stunden-Produktion „Les Misérables“ wird das Berliner Ensemble zukünftig in zwei unterschiedlichen Fassungen zeigen: „Die regulären Vorstellungen im Spielplan dauern ab jetzt maximal 6 Stunden inklusive Pause“, teilt das Theater fünf Tage nach der Premiere nun mit. Dazu werde an „ausgewählten Wochenenden eine ex­tralange Version“ aufgeführt, „angereichert um Zusatzmaterial und bislang nicht gezeigten Szenen, mit zwei Pausen“.

Eine sechsstündige, ähm, Kurzfassung und eine noch über die Premieren-Fassung hinausgehende Extended Version – das riecht nach einem Kompromiss zwischen Castorf und BE-Intendant Oliver Reese, der angesichts der von der Kritik höchst unterschiedlich bewerteten Marathon-Inszenierung nun seine Vorgabe, die Aufführung dürfe nicht länger als sechseinhalb Stunden dauern, durchsetzt. Gleichzeitig gibt es für Hardcore-Castorfianer nun noch eine Art Director‘s Cut von rund achteinhalb Stunden. „Les Misérables“ oder „Les Misérables Redux“ – wie’s beliebt, letzteres steht allerdings erst irgendwann im nächsten Jahr auf dem Spielplan. -icke

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