Berlin lieben

»Liebe auf den zweiten Blick«

Wolfgang K.,  Ex-Grafiker und Zitty-Legende, fand in Berlin erst Zuflucht – und dann die Liebe

aus ZITTY-Sondernummer Ekzem

1976 Bei meinem ersten Berlinbesuch lernte ich schnell, wie und wo man handliche Pakete Briketts kaufte. Die Wohnung von Freunden war so kalt, dass die Atemluft beim Gespräch wie Nebelschwaden über dem Frühstückstisch waberte. Ein großer Kachelofen stand wie ein eiskalter, glasierter Monolith in der Ecke. Meine sehnsüchtigen Blicke wurden richtig gedeutet: „Ach, der Ofen? Muss wohl mal einer Briketts kaufen gehen.“ – Die ganze Stadt warm zu kriegen, war nicht so einfach. Alles im kalten Grau erstarrt und darüber eine Glocke aus übelriechendem Smog. Hier leben? Niemals!

Und dann doch wieder Berlin. Diesmal als Ort für ein Versteckspiel mit ungewissem Ausgang. Ich war mit der Freundin meines Chefs (Kneipe im Hessischen) durchgebrannt. Bei guten Freunden konnten wir zunächst untertauchen und die nächsten Schritte einleiten, die für ein beständiges Leben in unserer unverhofften Wahlheimat notwendig waren: Wohnung suchen, Arbeit finden und letzten Endes bereit sein für den Tag, an dem die Nachforschungen unseres Verfolgers von Erfolg gekrönt sein würden. Denn dieser Moment, daran war nicht zu zweifeln, würde kommen, die Berliner Mauer bot nur zweifelhaften Schutz. Die Frage war nur: Wie wird die Sache ausgehen?
Eine kleine Wohnung mit Blick auf die Marheineke Markthalle wurde zu unserem ersten Domizil. Wir führten eine durch und durch analoge Existenz, die Telefonzelle wurde unser zweites Zuhause.

Wir gingen tagsüber arbeiten, um über die Runden zu kommen, und waren danach überwiegend auf Achse. Die Wohnung war praktisch nur zum Schlafen da. Die Abende und Nächte verbrachten wir da, wo Berlin für junge Leute am schönsten ist: in Kneipen und Klubs. Kennt noch jemand das „Tolstefanz“ am Lehniner Platz? Oder den „Dschungel“ in der Nürnberger Straße? Das waren die angesagten Diskotheken der späten 70er, die eine für das „gemeine Volk“, die andere eher für die „Schicki-­Micki“-Klientel, zu der wir uns nicht rechnen konnten. Wir köchelten unser nächtliches Ausgeh-Süppchen eher in bescheideneren Etablissements, die aber dafür über einen längeren Atem verfügten, das bis heute immer noch quicklebendige Yorckschlösschen in der Yorckstraße zum Beispiel.

Und immer schwebte die zu erwartende Begegnung wie ein Damoklesschwert über uns. Man musste mit allem rechnen, ich war bemüht, den Worst Case aus meinen Vorstellungen auszuklammern, achtete aber gleichwohl darauf, am Nachmittag, wenn ich, von der Arbeit zurückkommend, die Wohnungstür öffnete, mit der rechten Körperhälfte voran die Wohnung zu betreten, weil ich mir ausrechnete, so den ersten Schuss zu überleben (da das Herz links liegt), um dann zum Gegenangriff überzugehen. Daran kann man sehen, dass Liebe oftmals in unorthodoxe Verhaltensmuster mündet.Vielleicht hatte ich auch nur zu viele Kriminalromane gelesen.

Foto: David von Becker

Letzten Endes kam es am Tag X zu einem unangenehmen Gespräch unter sechs Augen mit dem gewünschten Erfolg: Der Mann ist nie wieder aufgetaucht, was ich ihm bis heute hoch anrechne. Aber wie das so ist im Leben: Nachdem das Rauschhafte verflogen war und die Alltagsroutine einkehrte, zeigten sich in der Beziehung allmählich erste Sprünge, sich langsam vergrößernde Risse und am Ende die Trennung.

Inzwischen war ich zu einer neuen Liebe entbrannt, die bis heute hält, groß und stark und unverwüstlich. Meine Liebe auf den zweiten Blick zur Stadt mit dem rauen Charme: Berlin.


Hilft gegen Liebeskummer: Naturschutzzentrum Ökowerk

Wenn mir heute nach einer Überdosis Stadt der Schädel brummt, schwinge ich mich aufs Fahrrad und fahre ins Ökowerk, den kleinen Garten Eden zwischen Teufelssee und Teufelsberg. Hier kreucht und fleucht und wächst und gedeiht alles in stiller Eintracht, bewegt durch den Wechsel der Jahreszeiten, betreut durch fachkundige Hände. Nervennahrung für die Seele und, gut zu wissen, Ringelnattern mögen keine Äpfel.

 

Sieben Liebeserklärungen an Berlin