PORTRÄT

Welten schöpfen

Linn Reusse war als Rote Zora ein Kinderfilmstar. Jetzt wurde sie direkt von der Schauspielschule ins Ensemble des Deutschen Theaters geholt

Text: Friedhelm Teicke

Durchstarter: Linn Reusse – Foto: Joachim Gern

Wenn Linn Reusse in der DT-Inszenierung von Tennes­see Williams’ „Die Glasmenagerie“ nach der Pause in ihrer Rolle als Mauerblümchen Laura Wingfield alleine auf der Bühne steht, ist das ein Ereignis.

Sie steht da als die verschüchtert linkische Frau, die sie zu spielen hat (und der die Produktion auch noch eine ultradickglasige Hornbrille verpasst hat) und beginnt sich so ungeheuer innig, selbstvergessen und sinnlich zu Donna Summers „I Feel Love“ zu bewegen, dass es zum ersten Mal an diesem Abend Szenenapplaus gibt. Die junge Frau dort auf der Bühne macht mit ihrem Tanz jedem unmissverständlich klar, dass sie ihren Körper mitgebracht hat, und dass er der schönste im Raum ist. Aber dass ihr völlig egal ist, was andere davon halten. Reusse zeigt Laura fulminant als eine Weltschöpferin, deren Glück und Tragik darin liegt, dass sie in ihrer eigenen Welt mit ihren Glastierchen und Hühnern wohnt.

Reusse gehört seit dieser Spielzeit zum Ensemble des Deutschen Theater. Noch während des Schauspielstudiums an der Ernst-Busch-Hochschule erhielt die 24-Jährige ihr Engagement. Während ihre Kommilitonen wie die meisten Berufsanfänger ihre ­Karriere erst einmal in kleinen Stadttheatern zwischen Freiburg und Rostock beginnen, startet ­Reusse gleich im Olymp der Staats- und Stadttheaterszene, an der ältesten und traditionsreichsten Berliner Sprechbühne.

Tatsächlich stand sie schon als Kind auf der Bühne und vor der Kamera, sie war unter anderem die Rote Zora im gleichnamigen Kinderfilm, synchronisierte und sprach Hörbücher. Gleichwohl habe sie nie wirklich geplant, diesen Beruf zu ergreifen, erklärt sie, er habe sich ihr ganz natürlich aufgedrängt. Denn sie stammt aus einer Schauspielerfamilie, die Großeltern Sigrid Göhler und Peter Reusse, der Onkel Sebastian Reusse – allesamt ­Schauspieler.

So war es nur naheliegend, sich darin auszuprobieren. Sie machte Jugendtheater, spielte im Theater an der Parkaue, später im Gorki, am Renaissance Theater und auch schon zuvor am DT. ­Weiterhin ­bekomme sie Anfragen für Film-, Hörbuch- und Synchronproduktionen, will sich aber erst mal allein aufs Theater ­konzentrieren: „Es ist gut, die ganze Zeit hier zu sein, auch im Kopf, deswegen habe ich nicht die Sehnsucht, jetzt noch einen Film zu drehen.“

Am DT wird Linn Reusse am 26. Februar in der Jelinek-Premiere „Wut“ zu sehen sein (Regie: Martin Laberenz) und sie wird die Aricia in „Phädra“ von Jean Racine ­(Regie: Stephan Kimmig) spielen, Premiere am 12. Mai.