Bühne

Balten in Bewegung

Das Festival „Litauen tanzt“ gibt Einblick in eine lebendige Tanzszene, die die eigene Identität gegen den mächtigen russischen Nachbarn betont

Text: Annett Jaensch

Blues in Blond: Die Tänzerinnen Greta Grinevičiūtė und Agnietė Lisičkinaitė in „B&B Dialogue“ – Foto: Alvaro Hernandez
Blues in Blond: Die Tänzerinnen Greta Grinevičiūtė und Agnietė Lisičkinaitė in „B&B Dialogue“ – Foto: Alvaro Hernandez

Wer Litauens Hauptstadt Vilnius besucht, reibt sich mitunter die Augen: Während das Unesco-Weltkulturerbe mit über 50 Kirchen altehrwürdiges Flair verbreitet, hat die Stadt gleichzeitig auch eines der schnellsten öffentlichen WLAN-Netze weltweit zu bieten. Kontraste zwischen Tradition und Moderne zu überbrücken, das scheint eine alltägliche baltische Übung zu sein.

Was das Drei-Millionen-Einwohnerland aktuell an künstlerischen Positionen zu bieten hat, zeigt das Festival „Litauen tanzt“. An fünf Tagen bringt es Beispiele des dortigen zeitgenössischen Tanzes nach Berlin. Am Eröffnungsabend empfängt „Blind Spot“ von Vytis Jankauskas mit einem mini­malistisch-reduzierten Setting aus ­Video und Tanz. Raffiniert verschränken sich die visuellen Ebenen, wenn die Projektionen die Blickwinkel der zwei Tänzerinnen im Echtzeitmodus spiegeln.

Den titelgebenden blinden Fleck will der Choreograf nicht nur als Verweis auf die Anatomie des Auges verstanden wissen, sondern als Metapher für Ausblendungen aller Art. Eine subtil verpackte Einladung, einmal anders über Rea­litätsfluchten nachzudenken.
Jankauskas gehört zu den gestandenen Vertretern der noch relativ jungen zeitgenössischen Szene Litauens, die kurz nach der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1991 an den Start ging. „Eine der Anfangsschwierigkeiten war, die Professionalität gegenüber anderen etablierten Künsten beweisen zu müssen“, erzählt Jankauskas.

Über diese Phase sind die litauischen Tanzenthusiasten dank verbesserter Rahmenbedingungen wie einem eigenen Verband inzwischen hinaus.

Nach der Russifizierung

Thematisch verhandelt der litauische Tanz aktuell oftmals Existenzielles oder Fragen der Identität, weniger politische Themen, meint Birutė Banevičiūtė, die Gründerin des Dansema Dance Theatre. Gleichwohl ist die Beschäftigung mit Identitätsfragen in der lange sowjetisch annektierten Baltenrepublik mit verordneter Russifizierung durchaus politisch. Wie sie einen größeren soziokulturellen Echoraum öffnen kann, zeigt etwa die Performance „Dior in Moscow“, in der Rollenbilder der Frau in der post-sowjetischen Ära reflektiert werden.

Performance „Dior in Moscow“ von Ingrida Gerbutavičiūtė und Agnija Šeiko – Foto Vytautas Petrikas
Performance „Dior in Moscow“ von Ingrida Gerbutavičiūtė und Agnija Šeiko – Foto Vytautas Petrikas

Die Balten pflegen mittlerweile auch spezielle Verzweigungen. So wird in Litauen Tanz für Kinder großgeschrieben, vor allem das Dansema Dance Theatre leistete hier in den letzten zehn Jahren Pionierarbeit. Während in Deutschland Tanztheaterangebote in der Regel ab dem Teenageralter ansetzen, hat diese Formation bereits die Zielgruppe der Kleinstzuschauer im Blick.

Das Mitmachstück „Colourful Games“ für Kinder von null bis drei Jahren will mit Bällen, Hula-Hoop-Reifen, Clownsnasen und Bändern den Spieltrieb und die Interaktionslust herauskitzeln. Was bei dem charmant-quirligen Treiben in Zirkusatmosphäre wohltuend auffällt: Kindgerechte Impulse sind sehr wohl ohne Infantilisierung möglich.

Baltisch frischer Tanzwind in zehn Stücken an fünf Tagen, darunter ein Estland-Spezial, der performative Spaziergang „Lucky Lucy“ sowie Männlichkeitsrituale mit Augenzwinkern in „(g)round zero“. Und die Performerinnen Greta Grinevičiūtė und Agnietė Lisičkinaitė kommentieren in „B&B in Berlin“ performativ das Festivalprogramm.

1.–5.2., Dock 11, Kastanienallee 79, Prenzlauer Berg und Theater an der Parkaue, Parkaue 29, Lichtenberg. Eintritt 14, erm. 10 €, Tageskarte 25, erm. 18 €.

www.litauentanzt.com