Stadtbild

Lang lebe die Litfaßsäule

Auch wenn sie an Ernst Litfaß erinnert: Mit ihrer Plakataktion auf still gelegten Werbeflächen schießt die Künstlerin Tina Zimmermann über’s Ziel hinaus

Wochenlang schlummerten die still gelegten Litfaßsäulen unter roten, gelben und blauen Papierbahnen. Ende Februar klebte Tina Zimmermann ihre Plakate mit Grabsprüchen auf ausgewählte Säulen in der Innenstadt. Erst da brach der Bann: Seitdem dienen die Flächen als Mal- und Bastelgrund für alle.

© Tina Zimmermann
Grabspruch: Litfaßsäule in Berlin mit Plakat von Tina Zimmermann. © Tina Zimmermann

Eigentlich eine schöne Idee. Zimmermann, als Mitglied der Künstlerinnengruppe Endmoräne in ortspezifischem Arbeiten geübt, bringt mit den Sentenzen einen Hauch Transzendenz in den Alltag. Dazu kommt Ortskunde: Der Berliner Erfinder der Säule, Ernst Litfaß (1816–1874), ist wieder im Gespräch.

Doch geht hier einiges durcheinander. So suggerieren die Grabsprüche ein endgültiges Ende. Das aber kommt so nicht: Eini­ge Säulen stehen unter Denkmalschutz, andere müssen wegen Asbest entsorgt werden, und die neue Betreiberfirma lässt modernere Säulen aufbauen. Und bei den poetischen Sprüchen, die Zimmermann nach eigener Aussage auf einem jüdischen Friedhof gelesen hat, handelt es sich um Zitate aus dem Neuen Test­ament oder wie Sulamiths Gesang aus Tanach und Altem Testament. Auf den Säulen kommen jüdische und christliche Überlieferung zusammen. Auch wenn Ernst Litfaß Sohn einer jüdischen Familie war: Für die Plakataktion ist dieses Thema zu groß.

Bis zum Abriss, verschiedene Straßen der Innenstadtbezirke