Fotokunst

Loredana Nemes überrascht mit Fotografie und Lyrik

Mit nur einem Satz löst sie die förmliche Stimmung auf. Gerade hat der Kurator gesprochen, jetzt steht die Fotografin am Mikrofon vor ihrer Einzelausstellung, die soeben eröffnet wird. Loredana Nemes, in schlicht schwarzem Hemd und ebensolchem Rock, bedankt sich für die Zusammenarbeit und sagt dann, was die Zuhörer wieder munter werden lässt: Jetzt könne sie, wie in ihrer rumänischen Heimat üblich, wenn alles geschafft ist, einen Schnaps gebrauchen.

© Harry Schnitger
Loredana Nemes: aus der Serie „23197“, Ansicht der Ausstellung in der Berlinischen Galerie © Harry Schnitger

Nemes stellt seit Ende Juni an einem der besten Berliner Orte für Künstler aus, in der Berlinischen Galerie. Das ist nicht nur wegen ihrer überraschenden Fotoserien erwähnenswert, vielmehr zeigt ihre Schau mit dem Titel „Gier Angst Liebe“ auch, dass sich Mut und kontinuierliche Museumsarbeit lohnen. Denn Nemes ist Autodidaktin und macht damit eine Ausnahme auf dem akademisierten Kunstfeld. Zwar stellt in dem Museum mit Carsten Nicolai zeitgleich sogar ein zweiter Autodidakt aus, doch der studierte Landschaftsarchitekt begann seine Laufbahn als Künstler und Musiker Anfang der 90er-Jahre, als in Berliner Clubs und Kunsträumen die Schranken noch offenstanden. Nemes, 1972 geboren, kam erst zu Beginn der 00er-Jahre dazu, als die Claims auf dem Berliner Kunstfeld bereits abgesteckt waren, 2005 stellte sie noch in dem kleinen Schöneberger Fotocafé Aroma aus. Nemes hatte in Aachen Germanistik und Mathematik studiert, folglich ihre fotografische Laufbahn ohne die Unterstützung der Kunstakademien mit ihren Career Coaches, Studentenpreisen und namhaften Professoren begonnen. Sie habe sich, sagt sie, alles eigenhändig beigebracht: Sie probierte aus, schwarzweiß, analog, Straßenfotografie, und las immer wieder in einem Klassiker der Fotoschule.

© Harry Schnitger
Loredana Nemes: aus der Serie „Blütezeit“, Ansicht der Ausstellung in der Berlinsichen Galerie © Harry Schnitger

Inzwischen hat sie an der Kunsthochschule Weißensee und der Ostkreuz-Fotoschule selbst unterrichtet. Zu lehren sei
„ein Geschenk“, sagt Nemes. Ihre Begeisterung für junge Menschen spiegelt sich in ihrer Serie „Blütezeit“ (2012). Nemes hat miteinander befreundete Mädchen und Jungen in der Adoleszenz porträtiert, einzeln und in Schwarzweiß, und die Fotos so zu Tableaus zusammengesetzt, dass die Abgebildeten mitunter mehrfach zu sehen sind, beinahe wie in Bewegung. Mal willensstark und stolz schauen sie, mal zärtlich und liebend, mal verletzt und immer sehr verletzlich. Fast wirken die Aufnahmen wie eine empathische Antithese zu den kühlen, undurchdringlichen Porträts aus der „Düsseldorfer Schule“, deren Hochburg nur eine Zugstunde entfernt von Aachen liegt, wo Nemes auch aufwuchs. Ähnlich verhält es sich mit Nemes‘ Serie aus dem rheinischen Karneval, „Der Auftritt“ (2014). Auf den Straßen feiernde Narren hat die Künstlerin gebeten, sich rasch vor einem schwarzen Tuch porträtieren zu lassen. Und da sitzen sie nun, in jedem möglichen Alter, Geschlecht und Hautton. Ernst wie Figuren auf Renaissancegemälden blicken sie aus dem Bild, doch anders als bei jenen bleibt der gesellschaftliche Status offen. Je länger man hinsieht, desto verlorener wirken sie. Es sind Mitglieder einer fragmentierten Gesellschaft, für einen Moment herausgerissen aus ihrer Karnevalsrolle, hier ein melancholischer Action­­Held, dort eine einsame Fee.

Männer hinter Spitzenvorhängen

Fotoexperten ist Nemes‘ Name schon länger ein Begriff. Ihre Arbeiten waren in der Galerie Podbielski zu sehen, sie hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, vor allem für die Serie „beyond“ (2008–2010). Die analogen Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen Straßenfronten türkischer Männercafés in Kreuzberg, Neukölln und Wedding sowie einzelne Kaffeehausgäste. Doch kein Mann ist zu erkennen: Jedes Gesicht wird von Gardinen oder Riffelglas gleichsam verhüllt. Das ist beunruhigend doppeldeutig. Einerseits lässt Nemes den Porträtierten den Schutz der Anonymität, und es sieht geradezu schelmisch kokett aus, wie sich da jemand hinter einem Spitzenvorhang halb versteckt, halb zeigt. Andererseits gibt die Fotografin die Schemen für die Projektionen der Betrachter frei. Pascha, Nationalist, Islamist – solche Assoziationen kommen im aufgeheizten Klima hiesiger Gesellschaftsdebatten schnell. Das verhüllte Porträt dient als Spiegel des Betrachters, freilich ohne, dass sich dieser dessen bewusst werden muss. Er kann seine Projektion für bare Münze halten. Die Aufmerksamkeit von Kurator Ulrich Domröse, Leiter der Fotosammlung der Berlinischen Galerie, erregte jedoch eine andere Serie: „Gier“ (2014–2017), für die Nemes erstmals digital fotografierte. In Sekundenbruchteilen wollte sie festhalten, wie sich Möwen über dunklem Wasser auf Futter stürzen. Auf den großen Schwarzweiß-Fotos falten sie nun ihre hellen Leiber mit den erregt gespreizten Flügeln wie zu Origami-Figuren.

Kontinuität ist auch eine Kunst

© Jörgen Erkius
Loredena Nemes, ohne Titel © Jörgen Erkius

Zehn Jahre, so sagen Kurator und Künstlerin, haben sie sich immer wieder getroffen und über Nemes’ Fotos gesprochen, bis Domröse 2016 die Einladung für die Ausstellung aussprach. Zehn Jahre sind eine lange Zeit im kurzlebigen Berlin. Die Ausdauer hat sich gelohnt, auch weil sie zeigt, wie hartnäckige Arbeit hinter den Museumskulissen ein langfristiges Ergebnis hervorbringt. Denn spannend bleibt, wie es in Nemes’ Werk weitergehen wird. Nicht nur digitale Technik und Farbe sind hinzugekommen, sondern auch Worte: auf Deutsch, das Nemes mit ihrem anhaltenden Interesse für Literatur zur Höchstform trainiert hat. Zwei Fotoserien hat sie mit Lyrik ergänzt, darunter „Ocna“ (2017–18), eine Reihe, in der die Kamera Details eines Männerkörpers zärtlich erforscht. Nemes’ Zeilen dazu verdichten Nähe und Distanz, Fremdheit und Vertrauen, Liebe und Verlustangst so stark und schmerzlich, dass sie die großen Fotos an Kraft noch übertreffen.

Bis 15.10.: Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 8/ erm. 5 Euro, bis 18 J. frei